Kunstturnen
Die Halle ist leer, aber der Ansturm ist gross: Ein Blick hinter die Kulissen der Geister-EM

Die Europameisterschaft im Kunstturnen in Basel ist das erste internationale Grossevent in der Schweiz seit Beginn der Pandemie. Zuschauer sind aber nicht erlaubt. Ein skurriler Anblick, der mancher Sportlerin aber zugute kommt.

Esteban Waid
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Der Brite Courtney Tulloch zeigt sein Können an den Ringen. Zuschauer sind keine da, die ihm applaudieren können. Trainer und Teamkollegen können da aber aushelfen.

Der Brite Courtney Tulloch zeigt sein Können an den Ringen. Zuschauer sind keine da, die ihm applaudieren können. Trainer und Teamkollegen können da aber aushelfen.

Claudio Thoma / freshfocus

Vor der Basler St. Jakobshalle ist an diesem Donnerstag der normale, alltägliche Betrieb. Trams und Busse halten, Fussgänger spazieren an der Halle vorbei. Nichts deutet darauf hin, dass drinnen gerade ein internationales Grossevent stattfindet, das erste in der Schweiz seit Beginn der Pandemie. Nur ein grosses Plakat vor der Halle gibt einen Hinweis darauf, dass sich in diesem Moment die besten Kunstturner Europas gleich nebenan messen.

Denn in der Halle sind nur die Delegationen und wenige Medienschaffende zugelassen. Die geplanten 6500 Zuschauer pro Wettkampftag müssen sich mit dem Livestream auf der Website oder dem TV begnügen. Für die, die kommen dürfen, sind die Bestimmungen streng. Jeder, der die Halle betreten will, muss einen negativen PCR-Test vorweisen.

Über die komplette Turnierdauer werden zusätzlich insgesamt 3000 Schnelltests benötigt. In der Halle dürfen nur FFP2-Masken getragen werden. Die Athletinnen und Athleten selbst befinden sich in einer Bubble. Ein Shuttle bringt sie vom isolierten Hotel zur Halle und wieder zurück. Ein enormer Mehraufwand für die Veranstalter.

Die Impressionen der ersten beiden Tage:

Die fehlenden Zuschauer machen sich in der Halle bemerkbar – oder eben nicht bemerkbar. Es ist dunkel, nur die Geräte sind stark beleuchtet. Die Präsentation scheint durchdacht. Über die Lautsprecher schallt laufend Musik, von Taylor Swift bis One Direction. Oft begleiten die Songs die Übungen der Bodenturner. Regelmässig knallt das Sprungbrett, wenn sich ein Athlet über den Sprungtisch jagt.

Nach einer gelungenen Kür ist hin und wieder sogar Applaus zu hören, etwas, das man im ersten Moment vielleicht nicht erwartet. «Ich fand schön, dass uns auch die anderen Delegationen angefeuert und mitgefiebert haben. Es war richtig freundschaftlich», erzählt Giulia Steingruber, am Tag zuvor in der virtuellen Mixed Zone über Zoom – denn auch hier wird darauf geachtet, dass keine Kontakte stattfinden. Eine ganze Tribüne ist sogar für die Delegationen reserviert.

Auch der deutsche Turner Andreas Toba ist überrascht, dass so etwas wie Stimmung aufkommt: «Ich habe es mir deutlich leiser vorgestellt.» Auch wenn etwas Atmosphäre aufkommt, die Kulisse wäre mit Zuschauern eine andere. Einige der Athletinnen und Athleten sehen darin aber auch einen positiven Aspekt, wie Lilli Habisreutinger erzählt:

«Ich war nicht so nervös. Wenn man sonst die ganzen Leute sieht, ist das schon eindrücklich.»

Für die 16-jährige Thurgauerin war dies der erste grosse Wettkampf. Dass keine Zuschauer da sind, stimmt aber nicht ganz. Zumindest physisch. Über drei Videoleinwände sind Fans vor ihren Laptops zugeschaltet. Dominierend ist hier ganz klar die Schweizer Flagge. Hin und wieder scheinen die Leute auf den Bildschirmen aber zu vergessen, dass sie in der Halle zu sehen sind, stehen auf, laufen herum.

Auf einem Bildschirm ist durchgehend nur ein leerer Stuhl zu sehen. Für die Schweizer Athletinnen ist es aber schön, dass sie Leute wiedererkennen, wie Steingruber erzählt, und Habisreutinger erzählt sogar, dass ihr ganzer Verein zugeschaut hat.

Selten waren Staubsauger so gut zu hören

Am Mittag ist kurz Wettkampfpause. Staubsauger dominieren jetzt die Geräuschkulisse, die dem Magnesium den Kampf ansagen. In den Gängen um die Halle herrscht reger Betrieb. Die einzelnen Delegationen werden von Turnier-Helfern in der Halle abgeholt und durch die Gänge begleitet, bis es dann um 14 Uhr wieder weitergeht. Vor allem die Schweden haben die Pause genutzt und eine Flagge auf der Tribüne platziert.

Bis zum Sonntag wird sich das Geschehen täglich ähneln. Obwohl keine Fans in der Halle sind, ist der Andrang auf das Event gross. Die Internetseite mit den Livestreams war zeitweise überlastet. Mit einer fünfstelligen Besucherzahl hatten die Veranstalter gerechnet. Es wurden weit mehr. Doch in und vor der Halle kriegt das bei dieser speziellen EM keiner mit.

Die Resultate der Europameisterschaft im Kunstturnen finden Sie hier.