Kunst zwischen Raum und Publikum

WARTH. Das Kunstmuseum Thurgau zeigt seine Sammlung neu her. Während «Konstellation 5» die Entwicklung der kantonalen Kunstsammlung nachvollzog, setzt «Konstellation 6» als sinnvolle Fortsetzung auf die zeitgenössische Kunst – mit wunderbaren, oft verspielten Werken.

Dieter Langhart
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Sachtes Berühren erlaubt: Die Ausstellung «Konstellation 6» beginnt mit Rutishauser/Kuhns «ID 6: Kein Bild», Arthur Schneiters «Klangblock» und Paul Talmans «Brutus». (Bild: pd/Kunstmuseum Thurgau)

Sachtes Berühren erlaubt: Die Ausstellung «Konstellation 6» beginnt mit Rutishauser/Kuhns «ID 6: Kein Bild», Arthur Schneiters «Klangblock» und Paul Talmans «Brutus». (Bild: pd/Kunstmuseum Thurgau)

Sperrig ist der Titel, das gibt auch Markus Landert zu. Der Direktor der Ittinger Museen hat gestern den Medien und den Kulturvermittlerinnen die neue Sammlungsausstellung vorgestellt: «Konstellation 6. Begriffe, Räume, Prozesse». Nur das Fernsehen fehlte.

Dabei hätte es manch Faszinierendes zu filmen gehabt: das «Mandala» von Hendrikje Kühne und Beat Klein etwa (Nr. 19), eine Rauminstallation aus dem Jahre 2005, die gestern noch nicht fertig aufgestellt war. Eine Woche dauert es, Aberhunderte von Fundstücken aus der alltäglichen Bilderflut zu einem modernen Kommentar zur Frage «Was ist Spiritualität?» zusammenzustecken. Wer den einer Klosterzelle nachempfundenen Raum betritt, sieht nur graue Kartonstücke, muss das Werk erst umrunden, um die aufgeklebten Bilder käuflich erwerbbarer Güter, farblich gruppiert, zu sehen.

Kunstrevolution wird sichtbar

Filmen liessen sich auch weiss behandschuhte Besucherhände, wie sie – sanft – die Stäbe von Arthur Schneiters «Klangblock» zum Schwingen und Klingen bringen oder die Kugeln in Paul Talmans Alu-Bild «Brutus» drehen. Und das Mikrophon liesse sich ausrichten, wenn Besucher an Christoph Rütimanns «Blechwand für Ittingen» vorbeigehen und die Stahlbleche unweigerlich zum lauten Vibrieren bringen und sich fragen müssen: Wie funktioniert Raum?

Nur drei Beispiele dafür, wie wie sehr sich das statische Kunstwerk seit den Sechzigern zum partizipativen, interaktiven Prozess gewandelt hat, wie neue Möglichkeiten der Kunst ausgelotet, neue Medien wie Video und Fotografie eingesetzt, erzählerische Inhalte durch Konzepte ersetzt worden sind.

Signer in Ittingen

Das Kunstmuseum Thurgau hat diese Revolution genau verfolgt, hat Schlüsselwerke angekauft von hiesigen und von international tätigen Künstlern. 1983 ist es in der Kartause Ittingen neu eröffnet worden, und eine der ersten Ausstellungen war dem St. Galler Roman Signer gewidmet. Aufgestellt ist seine Aktion «Tropf» als skulpturales Ereignis, und zu sehen sind Videos seiner Aktionen in der Kartause – die zu zeigen nur hier Sinn macht. Neckisch, wie zu Beginn des Rundgangs H. R. Frickers Anagramm «Inner Orgasm» auf Signer hinweist.

Installationen und Konzeptkunst dominieren bei den Werken von über 30 Kunstschaffenden in der Ausstellung «Konstellation 6». Bei Jochen Gerz' «woher wohin» geht es um Kernfragen menschlicher Identität; bei Frickers «Orte-Schrank», Christa Zieglers «London Moskau Paris» oder dem «Internationalen Dorfladen» von myvilles.org um Wahlfreiheit und Veränderbarkeit des Ortes.

Lustvolle Entdeckungsreise

«Begriffe, Räume, Prozesse» ist drum ein klug gewählter Titel. Denn die Ausstellung fasst den Raum noch weiter und lockt auf eine lustvolle Entdeckungsreise nicht nur zu den Grundfragen zeitgenössischer Kunst, sondern ebenso durch die ehemalige Klosteranlage: vom singenden Tannenbaum über Janet Cardiffs «Ittingen Walk» hinab zu Joseph Kosuths «Verstummter Bibliothek», hinüber ins Gästehaus zu Ernst Thomas «Timepiece» und in die Pfisterei zu Dieter Berkes Fotografie «Forest Light».

Konstellation 6. Begriffe, Räume, Prozesse. Kunstmuseum Thurgau, Kartause Ittingen. Vernissage: So, 15.9., 11.30 Mo–So 11–18 Uhr, ab 1.10. Mo–Fr 14–17, Sa/So 11–17 Uhr; bis 23. März Begleitveranstaltungen und Informationen: www.kunstmuseum.ch