«Kunst muss dich packen»

Der Kreuzlinger Künstler Roland Dostal hat einige Jahre in Asien gelebt, jetzt ist er zurück. Eine Kunstszene hat er noch nie vermisst, sagt er im Interview. Rahmen und Raster, Flächen und Strukturen leiten durch seine Gedankenwelt und seine Sicht auf Weltaneignung.

Jürg Schoop
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«Entfaltung ist überall möglich»: Roland Dostal: Bilder-Installation, Neuwerk Konstanz, 2008. Kommendes Wochenende stellt er in Arbon aus. (Bild: pd)

«Entfaltung ist überall möglich»: Roland Dostal: Bilder-Installation, Neuwerk Konstanz, 2008. Kommendes Wochenende stellt er in Arbon aus. (Bild: pd)

Der aus dem Thurgau stammende, 1988 mit dem Adolf-Dietrich-Förderpreis ausgezeichnete, in Kennerkreisen hochgeschätzte Künstler Roland Dostal (47) liebt es, gelegentlich zu verschwinden und in vollkommener Anonymität zu leben. Ende 2013 ist er nach mehreren Jahren in einem asiatischen Kleinstaat am Fusse des Himalaja zurückgekehrt. Eine vielseitige Ausstellung in der Galerie Adrian Bleisch rückt uns Dostal wieder einmal nahe.

Was treibt einen Künstler an, den heimatlichen Thurgau in Richtung Asien zu verlassen?

Roland Dostal: Ich habe keine besondere Motivation, in die Ferne zu gehen, etwas anderes zu erfahren – Entfaltung ist überall möglich. Ich lebe nach dem, was sich ergibt. Meine Reise kam durch einen Kontakt zustande, ich habe eine Chance ergriffen, neue Räume zu öffnen.

Gab es Kunstströmungen, von denen Sie dort im nachhinein berührt wurden, und gab es auch an Ort und Stelle Impulse, von denen Sie als Künstler angeregt wurden?

Dostal: Es gibt keine Kunstströmungen mehr. Davon zu reden ist naiv. Es gibt heute vielfältige Möglichkeiten, etwas zu schaffen, entweder ganz traditionell oder mit Einbezug zahlloser Medien. Es gibt Vorgaben, es geht nur darum, sie in neue Bezüge zu stellen. Alles ist schon vorhanden, man muss es nur in irgendeiner Weise neu formulieren. Die Formsprachen fliessen ineinander. Das Zusammensein mit Menschen einer fremden Kultur, ihr Verständnis von Werten, das von unserm verschieden ist, die Ausformungen ihrer Spiritualität, das hat mich schon immer angezogen.

Woher stammen diese Vorgaben?

Dostal: Sie sind durch die Evolution der Kunst gegeben, oder wie man das nennen will, gegeben durch die Vorreiter. Es geht darum, wie das benutzt wird und sich vermittelt.

Sie haben sehr abgeschieden gelebt. Wie sehr hat Sie die Szene in Europa noch interessiert? Welche Verbindungen haben Sie aufrechterhalten?

Dostal: Ehrlich betrachtet, gibt es unter Künstlern keinen grossen Austausch. In der Kultur, in der wir leben, schafft und lebt jeder für sich. Das hat sich überall, im Sozialen wie in der Kunst, so entwickelt. Gelegenheit, sich vielleicht zu treffen, sind Ausstellungen. Aber eigentlich wurstelt jeder vor sich hin.

Offensichtlich kennen Sie Facebook nicht. Die Künstler wähnen sich da in einem intensiven Austausch. Ob man von einem Austausch sprechen kann bei der unübersehbaren narzisstischen Komponente, ist wohl eine Definitionsfrage.

Dostal: Austausch über Medien – ja, das gibt's. Wir werden mit Bildern und Konzepten überhäuft. Den Austausch von Mensch zu Mensch fördert das kaum. Hat man ein gewisses Alter erreicht, ist man zudem etwas weniger geneigt, sich für Hirngewitter anderer zu interessieren.

Sie haben diesen Austausch mit der Kollegenschaft also nicht vermisst, Sie haben sich nie abgeschieden von einer gewissen Szene gefühlt?

Dostal: Eine Kunstszene habe ich noch nie vermisst. Wenn es etwas zu vermissen gibt, dann waren es schöne Frauen.

Es verwundert mich, dass es in einem asiatischen Bergvolk keine schöne Frauen gibt. Wie muss man sich das kulturelle Klima in einem abgelegenen asiatischen Kleinstaat vorstellen?

Dostal: Die Menschen sind vom Mittelalter direkt in die Neuzeit geworfen worden. Die sozialen und kulturellen Entwicklungen mit ihren Revolutionen, die fortschreitende Industrialisierung, wie wir sie kennen, haben dort nicht stattgefunden. Die Menschen haben den gegebenen Buddhismus weitergeführt. Niemand weiss, wer Elvis, die Beatles oder Picasso waren. Es gibt jetzt einzelne, die ausserhalb buddhistischer Traditionen Gemälde herstellen, es gibt auch einige Filmer, die aber nicht sehr darauf erpicht sind, Eigenes hervorzubringen, die sich vorwiegend an Bollywood orientieren. Alles ein wenig auf einer uns unbekannten, sentimentalen Ebene, was auch schön ist. Diese Menschen wollen sich nicht intellektuell verkrümmen wie wir. Mehr Hirnwindungen ergeben nichts Besseres, nicht unbedingt ein neues, tragendes Konzept.

Wie bei den abendländischen, überintellektualisierten Menschen, etwa bei der Kuratorensprache der Kunstvermarkter.

Dostal: Ist bei uns ein neues Medium im Anmarsch, wird versucht, neue Konzepte zu erfinden, die eigentlich nur etwas schon Vorhandenes noch komplizierter darstellen. Die Themen oder Inhalte sind doch immer die gleichen, auch bei einem sogenannt neuen Konzept.

Würden Sie gern nach Asien zurückkehren?

Dostal: Ich fühle mich hier total wohl, ich habe mich im Thurgau nie unwohl gefühlt. Ich habe hier gute Freunde, kenne gute Leute. Was ich hier und in der ganzen Schweiz immer geschätzt habe, sind intelligente Kommunikation und Menschlichkeit auf einer hohen Ebene. Das finde ich erstaunlich. Mein letzter Asien-Aufenthalt war nur mit einem speziellen Visa möglich und wird nicht wiederholt. Aber ich lasse alle Türen offen, um weiterhin herumzigeunern zu können. Ich möchte mich nicht festlegen.

Ihre Beweglichkeit, der Ortswechsel scheinen Ihnen sehr wichtig zu sein.

Dostal: Ich finde es total gut und lustig, wenn die Leute sagen: Wo ist denn der Dostal wieder? Wenn man nicht weggeht und wiederkommt, wird es langweilig (lacht). Wenn ich immer hier wäre, hiesse es: Er ist die ganze Zeit da. Die Kuratoren fänden mich weniger interessant (lacht heftig).

Alles nur PR also. Sie stellen im März bei Adrian Bleisch aus. Bekommen wir da eher Sachen aus Ihrem Fundus zu Gesicht oder wird auch Ihr jüngstes Schaffen aus Asien vertreten sein?

Dostal: Ich schreibe meine Sachen selten an, man weiss also nicht so genau, wie alt sie sind. Ich arbeite eigentlich immer mit dem Fundus, ich arbeite auch nach Jahren daran, und so ist es schwierig, zwischen Alt und Neu zu unterscheiden. Die Gestik der 80er-Jahre kann auf eine aktuelle Sprache treffen, aus Altem kann Neues werden – mich interessiert, Verdichtung herzustellen. Meine Arbeiten sind einfacher geworden, aber nicht die Überlegungen, die dahinter stehen. Ob etwas im linearen Sinn neu ist, interessiert mich nicht. Was im Gegenüber geschieht, im Dialog mit dem Betrachter, ausserhalb eines Konzepts, das finde ich spannend.

Was interessiert Sie als Künstler zurzeit am meisten?

Dostal: Wie man Bilder, Dinglichkeiten, Gedanken mit Hilfe verschiedener Medien darstellen, organisieren, auch begehbar inszenieren kann. Mein Anliegen ist, dass Kunst selbsterklärend ist. Kunst ist auch Abenteuer, wie eine Kiste, in der ich herumwühle und die verschiedensten Dinge zutage bringe. Mir ist es völlig egal, aus welcher Ecke Kunst kommt, ob sie realistisch, surreal, abstrakt oder postmodern ist – ausschlaggebend ist, ob sie dich packt, Fähigkeiten zum Dialog besitzt.

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