Kultur überwindet Grenzen

ERMATINGEN. Nützen Kunst und Kultur der Wirtschaft am Bodensee? Dieser Frage ist ein Kolloquium der Stiftung Unternehmerforum Lilienberg gestern nachgegangen. Die Impulse der Referenten werden an einer Tagung im Oktober vertieft.

Dieter Langhart
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Diskutierten Kunst und Kultur als Wirtschaftsfaktor im Bodenseeraum: Bettina Rosenburg, David Lang, Monique Würtz, Rainer Vollkommer und Hans-Peter Wüthrich. (Bild: Nana do Carmo)

Diskutierten Kunst und Kultur als Wirtschaftsfaktor im Bodenseeraum: Bettina Rosenburg, David Lang, Monique Würtz, Rainer Vollkommer und Hans-Peter Wüthrich. (Bild: Nana do Carmo)

Die Frage ist alt: Lohnt sich Kunst, zahlt sich Kultur aus – und für wen? Die Antworten aber, die die vier Referenten gestern auf dem Lilienberg gegeben haben, sind erfrischend, denken wortwörtlich über Grenzen hinweg, nicht nur über den trennenden See. Denn um die «Herausforderung Grenze» geht es dem Aktionsfeld Politik & Gesellschaft der Stiftung Unternehmerforum Lilienberg, das sich mit dem Bodenseeraum und seinen vier Anrainerstaaten auseinandersetzt.

Zu wenig Austausch

Kunst als Wirtschaftsfaktor also in einem Raum, der einst eine kulturelle Einheit bildete und heute von politischen Grenzen und solchen in den Köpfen behindert wird. Der Lilienberg wolle den Bodenseeraum besser vernetzen, sagte Hans-Peter Wüthrich, Leiter des Aktionsfeldes und Moderator des Kolloquiums. Er vermisse den fächerübergreifenden Austausch angesichts von gut 1600 Organisationen mit diesem Ziel.

Grenzen wegdenken also. Und Grenzen sichtbar machen – mit Kunst. Denkwürdiges Beispiel ist Johannes Dörflingers Kunstgrenze zwischen Kreuzlingen und Konstanz – weltweit das erste und bislang einzige.

Eine verbindende Grenze

Bettina Rosenburg von der Johannes-Dörflinger-Stiftung fasste die Geschichte der Kunstgrenze zusammen, von der öffentlichen Diskussion und den politischen und rechtlichen Hürden seit 2004 über die Öffnung des Grenzzauns in Klein-Venedig mit einem Volksfest 2006 bis zur Einweihung im April 2007. «Ein immenser Schritt» sei es gewesen, über die Wirkung einer Grenze zu reden und ihr eine Bedeutung zu geben mit einem Kunstwerk, das auch politisch zu verstehen ist; deren 22 Skulpturen keine Vor- und keine Rückseite hätten, also für die Gleichberechtigung der Länder stünden. Aus einer trennenden sei eine verbindende Grenze geworden, bei der sich verweilen lasse, statt sie hinter sich zu bringen. Dörflingers Kunstgrenze stelle den «Aufbruch zu einer neuen Grenzkultur» dar, hatte die Schweizer Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz bei der Einweihung gesagt.

Grenzen bedeuteten Randlagen, sagte Rosenburg, doch das «Wahrzeichen beider Städte» sei zum Zeichen einer möglichen Zentrumslage geworden. Im März vorigen Jahres ist die Kunstgrenze im Europarat in Strassburg vorgestellt worden – das hatte Folgen: Publikationen und Broschüren, der Freundeskreis Kunstgrenze, die Musikfreunde um den Thurgauer Frédéric Bolli. Und Hans-Peter Wüthrich fügte hinzu: «Wir sind nicht randständig, wir sind keine randständige Region, sondern liegen im Zentrum Europas.»

Grenze: Mental und physisch

David Lang aus Mammern ist Sänger, Pianist und Dirigent. Mit einem Meisterkurs hat er 2011 begonnen, jetzt stemmen er und ein Verein das dritte Mammern Classics. Ein «noch kleines Festival» nennt er es, das morgen beginnt und fünf sinfonische und zwei Solokonzerte umfasst. «Ich habe jedesmal eine mentale Grenze überwinden müssen», sagt Lang. Die geographische Grenze trenne: «Wo und wie werbe ich in Deutschland?» Ebenso die wirtschaftliche: «Im Raum Zürich gibt es mehr potenzielle Sponsoren.» Und ohne Sponsoren gehe gar nichts, auch wenn die Akquisition einfacher werde, sobald man bekannt sei: «Sponsoren vertrauen dir blind – oder gar nicht.». Lang nutzt auch Synergien, vermietet das Konzertzelt an andere Veranstalter. Und glaubt an seine Vision: das Festival in der Schweiz oder gar Europa zu etablieren.

Monique Würtz, Chefredaktorin von «Kultur am Bodensee», sagte in ihrem Referat: «Es gilt als unkeusch, Kultur und Wirtschaft zu verbinden.» Und zeigte sich erstaunt, dass an den Hochschulen nicht über Wertschöpfung geforscht werde. Rainer Vollkommer setzt beim Liechtensteinischen Landesmuseum ganz auf Marke und Kommunikation samt Social Media, und er will, «dass wir in Regionen denken, nicht Städten».

Gegenseitiges Vertrauen

Vertrauen zwischen Künstler und Unternehmer also, betonte Marianne Rosenburg abschliessend; der Künstler dürfe jedoch nie eingeengt werden, ergänzte Hans-Peter Wüthrich. Und mit Blick auf das Konzil-Jubiläum 2014: «Wir müssen hingehen und sagen: Museen sind nicht verstaubt, denn wir können aus der Geschichte lernen.»

wirtschaft ostschweiz 32