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Interview

Kugelstoss-Legende Werner Günthör: «Wenn es mir zu viel wird, stelle ich einfach mein Handy ab»

Werner Günthör schrieb vor über 30 Jahren mit Olympiabronze im Kugelstossen Geschichte. Heute bildet der 58-Jährige Lehrerinnen und Lehrer am Nationalen Sportzentrum aus und spielt Eishockey. Ein Gespräch über moderne Kommunikationsmittel, Kampfgeist von Schweizer Sportlern und Klimastreiks.
Tim Frei
Der 58-jährige Günthör ist in Uttwil am Bodensee aufgewachsen. Seit einer halben Ewigkeit lebt er im Bieler Seeland. (Bild: Urs Lindt/Freshfocus, Magglingen, 25. September 2019)

Der 58-jährige Günthör ist in Uttwil am Bodensee aufgewachsen. Seit einer halben Ewigkeit lebt er im Bieler Seeland. (Bild: Urs Lindt/Freshfocus, Magglingen, 25. September 2019)

Mit Ihrer Bestweite von 22,75 Meter aus 1988 belegen Sie weltweit Rang acht. Wie weit stossen Sie die 7,25 Kilogramm schwere Kugel heute noch?

Werner Günthör: Eine konkrete Zahl kann ich nicht nennen. Müsste ich die Kugel in die Hand nehmen, würde mir wohl alles wehtun. Wenn man die physischen Voraussetzungen nicht mehr mitbringt, macht es keinen Spass mehr. Ich würde nicht mehr weit stossen.

Sport ist Ihnen immer noch sehr wichtig. Eishockey ist eines Ihrer Hobbies...

...seit ein paar Jahren spiele ich während der Saison jeden Dienstag in Lyss mit Sportlehrer-Kollegen. Meinen Zenit habe ich lange überschritten – für die nordamerikanische NHL, die beste Liga der Welt, reicht es knapp nicht mehr. (lacht) Wir haben viel Spass miteinander, das ist mir wichtiger als das Gewinnen. Wenn die jüngeren Spieler Tempo machen, wird es für mich fast ein bisschen zu schnell.

Sie sehen aber noch topfit aus.

Das täuscht. Als topfit würde ich mich nicht bezeichnen. Ob ich gut «zwäg» bin? Man lebt, würde ich sagen. Leistungsmässig habe ich mittlerweile schon meine Mühe – that’s life! Für die Strapazen, die ich in meiner Karriere erlebte, bin ich aber in guter Verfassung. Manchmal muss ich auf mein Gewicht achten, da ich immer mal wieder gerne etwas Feines esse und mir ein Glas Wein gönne.

(Bild: Urs Lindt/Freshfocus)(Bild: Urs Lindt/Freshfocus)
(Bild: Urs Lindt/Freshfocus)(Bild: Urs Lindt/Freshfocus)
(Bild: Urs Lindt/Freshfocus)(Bild: Urs Lindt/Freshfocus)
(Bild: Urs Lindt/Freshfocus)(Bild: Urs Lindt/Freshfocus)
Werner Günthör an den Schweizer Leichtathletik-Meisterschaften 1987 in Bern. (Bild: Keystone)Werner Günthör an den Schweizer Leichtathletik-Meisterschaften 1987 in Bern. (Bild: Keystone)
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Werner Günthör

Der Kampfgeist war eine Ihrer grossen Stärken. Geben sich Schweizer Sportler heute eher zu schnell zufrieden?

Wir sind heute sicher in einer Komfortzone, die man verlassen muss. Im Sport mag es nicht viel leiden – macht man Fehler, ist man schnell nicht mehr vorne dabei. Wir sind tendenziell schon in einer behüteten Welt. Aber das ist meine Meinung, die heutige Generation teilt sie wahrscheinlich nicht.

Ich will nicht sagen, dass wir es früher anders hatten. Die jungen Sportler sind nicht besser oder schlechter als wir damals. Aber ich denke, sie haben heute vieles leichter, und müssen sich – natürlich nicht überall – weniger anstrengen.

Gibt es zu viele andere Angebote, zu viel Ablenkung?

Das ganze «Compi-Zeugs». Wenn man das mit den Achtzigerjahren vergleicht, ist es unglaublich, was es heute an Ablenkungen gibt. Facebook, und wie die anderen sozialen Medien heissen. Heute muss jeder eine eigene Seite haben. Ich will das nicht werten, jeder muss damit umgehen können.

Aber?

Die neuen Medien haben Hektik in unser Leben gebracht. Man ist überall auf der Welt abrufbereit, selbst am Amazonas hat man noch Empfang. Das Ganze gibt mir nicht zu denken, aber wenn es mir zu viel wird, stelle ich einfach mein Handy ab.

Wozu brauchen Sie Ihr Handy?

Das Höchste der Gefühle ist, ein SMS zu schreiben oder zu telefonieren. Das reicht mir. Aber ich bin auch schon ein alter Mann, der im Gegensatz zu den Jungen mit dieser modernen Kommunikation nicht gut umgehen kann.

Gibt es auch im Sport Entwicklungen, an denen Sie sich stören?

Bei Grossanlässen frage ich mich: Müssen wir an immer exotischeren Orten einen solch riesigen Tempel bauen? Wenn man Sommerspiele austrägt und sie so gross behalten will, muss man auch in die grossen Städte wie Paris, Los Angeles und London, in denen die ganze Infrastruktur schon vorhanden ist. Und nicht so wie in Katar, wo man für die Fussball-WM 2022 Stadien errichtet, in denen man später Radieschen oder sonst was pflanzt – wie zuletzt Bäume in einem Stadion in Klagenfurt.

Themawechsel: Die Klimastreiks sind aktuell weltweit en vogue. Was halten Sie davon?

Ich finde es toll, wenn sich junge Menschen engagieren. Aber wenn ich höre, dass der kürzlich in China eröffnete Flughafen pro Jahr 45 Millionen Reisende befördern soll, wundere ich mich schon darüber, dass wir in der Schweiz darüber streiten, ob wir drei Liter Benzin sparen sollten. Klar, wir müssen auch etwas machen. Das Klima ist aber ein globales Problem.

Was können wir in der Schweiz denn machen?

Das, was wir beeinflussen können. Wir tun gut daran, nicht übers Ziel hinauszuschiessen. Problematisch finde ich dieses Schwarz-Weiss-Denken: Batterieauto gut, Benzinauto schlecht oder Gemüse essen gut, Fleisch essen schlecht. Besser wäre zum Beispiel: Weniger Fleisch konsumieren und bewusst einkaufen, also auf regionale Produkte setzen. So kann der Einzelne etwas bewirken.

Sie sind in Uttwil am Bodensee aufgewachsen. Was bedeutet Ihnen der Thurgau heute noch?

Ich habe den Dialekt noch und auch Freunde dort. Mein Lebensmittelpunkt aber ist am Bielersee.

Bis heute der erfolgreichste Schweizer Leichtathlet

Am 1. Juni 1961 im thurgauischen Uttwil am Bodensee geboren, zog Werner Günthör als 20-Jähriger ins Bieler Seeland, weil sein Trainer Jean-Pierre Egger in Magglingen arbeitete. Seit 23 Jahren lebt er mit seiner Frau Nadja in Erlach. Günthör («Kugel-Werni»), bis heute erfolgreichster Schweizer Leichtathlet, hat das Kugelstossen hierzulande populär gemacht. 1986 holte er in Stuttgart mit EM-Gold seinen ersten grossen Titel. Ein Jahr später in Rom gewann er als erster Schweizer Leichtathlet WM-Gold. Auch an den nächsten zwei Austragungen wurde er Weltmeister, zudem sicherte er sich einmal den Titel in der Halle. Sein grösster Erfolg war Bronze an den Olympischen Spielen 1988 in Seoul. Das war die bisher letzte von insgesamt acht Olympiamedaillen eines Schweizer Leichtathleten. 1993 beendete der zwei Meter grosse und 130 Kilogramm schwere Athlet mit Schuhgrösse 48 seine Karriere. Seit zwei Jahrzehnten bildet der 58-Jährige am Nationalen Sportzentrum Magglingen Sportlehrer aus. (tm)

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