KRISTALLKUGEL: Ein Spiel ohne Grenzen

Die neue Gesamtweltcupsiegerin Mikaela Shiffrin verkörpert das Aussergewöhnliche. Der jungen Amerikanerin scheinen als Skirennfahrerin keine Grenzen gesetzt – zumindest fast.

David Bernold (sda), Aspen
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Bei Mikaela Shiffrin scheint alles mit Leichtigkeit von sich zu gehen. (Bild: Scott Sady/AP)

Bei Mikaela Shiffrin scheint alles mit Leichtigkeit von sich zu gehen. (Bild: Scott Sady/AP)

David Bernold (SDA), Aspen

Es war die erste Begegnung mit Mikaela Shiffrin fernab der Rennpiste. Anfang Dezember 2013 in Beaver Creek, dem Nobelresort unweit ihres Wohnorts Eagle Vail entfernt. Der Sponsor hatte zu einer Abendveranstaltung geladen. Noch nicht 19 Jahre alt war die Amerikanerin damals. Gemessen an ihrem Auftreten, war sie dem Teenageralter jedoch längst entwachsen. Sie redete, als sei es das Natürlichste auf der Welt, eine Hundertschaft von Gästen zu unterhalten. Sie sprach über ihre Pläne als Skirennfahrerin, unter anderem davon, dereinst in allen Disziplinen um den Sieg mitmischen zu wollen.

Die Zuhörer staunten nicht schlecht über die mutigen Aussagen. Doch irgendwie schienen sie den Worten zu glauben. Daran hat sich nichts geändert. So hat sie vor diesem Winter gesagt, dass der Gesamtweltcup eines ihrer Ziele sei. Dieses hat sie nun erreicht. Der Gewinn der grossen Kristallkugel ist die logische Konsequenz für eine Athletin, die für das Aussergewöhnliche steht, der offenbar keine Grenzen gesetzt sind, für die das Limit eine variable Linie darstellt. Diese Linie hat sie in den vergangenen Monaten um ein weiteres Stück nach oben verschoben. Elf Weltcup-Rennen hat sie in diesem Winter bis anhin gewonnen. Dazu kommen der dritte WM-Titel im Slalom und Silber im Riesenslalom.

«Ich fahre mehr Ski als alle anderen»

Olympiasiegerin in ihrer Domäne Slalom war Shiffrin schon vor drei Jahren in Sotschi geworden, so dass sie nun die letzte Lücke

in ihrem Palmarès geschlossen hat – im Alter von erst 22 Jahren. Bei ihr scheint alles mit Leichtigkeit von sich zu gehen. Das Talent allein hat sie aber nicht zu einer Hauptdarstellerin im Skisport gemacht. «Ich trainiere mehr als alle anderen, und ich fahre mehr Ski als alle anderen», sagt sie. Dazu bewegt sie sich in einem Umfeld, in dem rational vorgegangen wird – bei der Planung etwa. Vorerst war da die Slalomfahrerin Shiffrin. Sie begann, die Szene nach Belieben zu dominieren. Da war aber auch schon der Riesenslalom, in dem sie sich schwerer tat. Also wurde das Training in dieser Disziplin forciert – ohne das hohe Niveau im Slalom zu gefährden. Mittlerweile siegt sie in Slalom und Riesenslalom. Die nächsten Schritte sind längst aufgegleist. Ihr Ziel: Allrounderin sein. Ihre Ambition: eine komplette Skirennfahrerin werden. Ihr Anspruch: in allen Disziplinen die Beste sein.

Belastung wurde ihr zu gross

Die regelmässige Teilnahme an Super-G-Rennen war bereits im vorletzten Winter vorgesehen. Der Plan wurde jedoch verworfen, weil Shiffrin die Sicherheit im Slalom abhanden gekommen und im Team nach Trainerwechseln Unruhe aufgekommen war. In der vergangenen Saison machte ihr eine Knieverletzung einen Strich durch die Rechnung. Bis heute hat sie im Weltcup Super-G nur sporadisch bestritten. Ihr Début in der Abfahrt gab sie zu Beginn dieser Saison. Zwei Starts in den kanadischen Rocky Mountains – das war’s. Die Belastung war ihr zu gross geworden. Wann Shiffrin die Speeddisziplinen in grösserem Umfang in ihren Kalender aufnehmen wird, bleibt abzuwarten. Sie muss nichts überstürzen. Weitere Grenzen verschieben – ja, aber mit Bedacht.