KRISE: Noch nicht ganz ausgerollt

Inlineskating kämpft um seine Bedeutung: In diesem Jahr verzichtete gar der Gigathlon auf die einstige Traditionsdisziplin. Die Inliner versäumten es in den Boomjahren, den Nachwuchs zu fördern. Dennoch gibt es Lichtblicke.

Ralf Streule
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Der Engadin-Inlinemarathon, hier in einer Aufnahme von 2009, ist in den vergangenen Jahren neu belebt worden. (Bild: Arno Balzarini/KEY)

Der Engadin-Inlinemarathon, hier in einer Aufnahme von 2009, ist in den vergangenen Jahren neu belebt worden. (Bild: Arno Balzarini/KEY)

Ralf Streule

Von der Krise des Inlineskating in der Schweiz ist seit Jahren zu lesen. Das vergangene Wochenende war aus Sicht der einstigen Trendsportart aber ein neuer Tiefpunkt, zumindest auf den ersten Blick. An der EM in Portugal, so vermelden es die Sportagenturen, gab es «keine Schweizer Teilnehmer». Und am Gigathlon, der am Wochenende rund um Zürich zum 14. Mal ausgetragen wurde, war die Sportart erstmals nicht im Programm.

«Die Macht der Inlineskater» titelte die NZZ noch 1997, als die Inlinegemeinde stark wuchs und der Inlinemarathon in Zürich gleich auf Anhieb eine städtische Bewilligung erhielt. Und die Ostschweizer erinnern sich an den 111-km-Lauf «One-Eleven», der zwischen 1998 und 2008 stattfand, von St. Gallen aus durch den Thurgau führte und in den besten Jahren 1600 Skater anzog, darunter viele internationale Spitzenathleten. Ein Gesundheitssport mit hohen Tempi und dem Hochgefühl des Windschattenfahrens – die Disziplin schien Zukunft zu haben. Und man träumte davon, die Sportart bald olympisch werden zu lassen. Doch als 2006 in Weinfelden der Inlinedrom mit einer Rundbahn gebaut und der Plan eines nationalen Leistungszentrums geschmiedet war, kündigte sich die Talfahrt bereits leise an.

Zu viele Grabenkämpfe in den Boomjahren

Grund für den Niedergang war nicht das Ende des Booms alleine. Vielmehr war in der Hoch-blüte gemäss Insidern eine eigentliche Blase entstanden. Eine grosse Rolle spielte damals «Inlineguru» Coni Altherr, der in den 1990er-Jahren die erfolgreiche Rennserie «Swiss Inline Cup» (SIC) gründete, weltweit Rennserien hielt und den Schweizer Rollsportverband (SRV) führte. Der Boom ebbte ab, die Blase platzte. Und man merkte, dass man es verpasst hatte, dem Schweizer Inlinesport Förderstrukturen zu geben. Zudem schwelten jahrelang Konflikte in der Inline-Szene. Es ging unter anderem um die Balance zwischen Breiten- und Leistungssport. Bald wechselte der «Swiss Inline Cup» den Besitzer, wurde ausgedünnt, verschwand 2011 ganz. Die WM 2009, in Weinfelden und Zürich vorgesehen, musste aus finanziellen Gründen zurückgegeben werden. Swiss Olympic stufte Speedskating ab und stutzte folglich die Beiträge.

«Bis heute sind die Nachwehen zu spüren», sagt Elsbeth Wenger, seit drei Jahren SRV-Präsidentin. «Es gab tolle Rennen und Zulauf in den Vereinen, doch die Nachwuchsarbeit wurde vernachlässigt.» Nun seien der Verband und die Vereine gefragt, wieder eine solide Basis herzustellen – wie es sie in Italien oder Frankreich gebe. Ein grosser Teil des Scherbenhaufens sei aufgeräumt: Förderkonzepte sind erstellt, eine Trainerausbildung aufgegleist, ein Leistungszentrum aufgebaut. Dass damit der Boom nicht automatisch zurückkehrt, weiss aber auch ihr Sohn Livio Wenger, der aktuell erfolgreichste Speedskater der Schweiz. Dennoch sagt er: «International nimmt das Niveau des Bahn-Inlinesports zu.» Die Schweiz habe spät erkannt, dass sich der Spitzensport zu einem grossen Teil auf der Bahn abspiele. «Bahn-Inline wird olympisch, es ist nur eine Frage der Zeit.» Da gelte es, dranzubleiben. Dass an der EM in Portugal keine Schweizer teilnahmen, relativiert er. «Viele Athleten konzentrieren sich auf Anlässe wie die WM oder die World Games.» So auch er, der zudem den Fokus auf die Eisschnelllaufsaison legt – mit dem Ziel einer Olympiaqualifikation.

Doch wo steht Inlineskating als Breitensport? Bruno Himmelberger, Mitinitiant des Inlinedrom und Mitglied des Thurgauer Inlineclubs Rolling Apple, nimmt an, dass die Talsohle durchschritten ist. Die Mitgliederzahlen seien bei rund 30 Aktiven stabil. «Und Ferienkurse für Schüler sind ausgebucht.»

Hoffnung macht zudem, dass wieder eine Rennserie auf die Beine gestellt wurde. Die «Swiss Skate Tour», Nachfolgerin des SIC, belebte unter anderem den Linth- und den Engadin-Marathon neu. Organisatorin Annet Fankhauser bleibt aber zurückhaltend. Es gelte nach wie vor, das Vertrauen der Veranstalter vor Ort zurückzugewinnen, zudem habe die Tour weit weniger Teilnehmer als der SIC seinerzeit. Schön sei, dass im Engadin neu das «European Masters», die Marathon-EM für über 35-Jährige, ausgetragen werde. Zudem sei der Nachwuchscup im Aufwind. Enttäuscht ist sie, dass der Gigathlon auf Inliner verzichtet. «Viele Gigathleten nutzten unsere Rennen als Vorbereitung.»

Gigathlon-Sieger: «Die Inlinestrecke fehlte»

Das letzte Wort ist beim Gigath-lon aber noch nicht gesprochen. Laut Mediensprecher Manuel Wirz war es besonders beim Zürcher Anlass schwierig, die Inlinestrecken zu integrieren. Das sinkende Inline-Interesse, vor allem bei den jüngeren Sportlern, sei aber zu spüren. Auch wenn es andererseits viele Rückmeldungen von Enttäuschten gebe. Zum Beispiel von Sieger Gabriel Lombriser, der nach der Zielankunft gesagt habe: «Es war schön, aber die Inlinestrecke fehlte.»