Kosmopolitin in der Machowelt

Als angehende Teamchefin von Sauber wird Monisha Kaltenborn die erste Frau an der Spitze eines Formel-1-Teams sein. Es ist eine Rolle, welche die zweifache Mutter mit indischen Wurzeln nicht gesucht hat, die ihr jedoch bestens behagt.

Ruth Müller
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Sauber-CEO Monisha Kaltenborn im angeregten Gespräch mit Formel-1-Chefvermarkter Bernie Ecclestone. (Bild: imago)

Sauber-CEO Monisha Kaltenborn im angeregten Gespräch mit Formel-1-Chefvermarkter Bernie Ecclestone. (Bild: imago)

AUTOMOBIL. Es waren immer grosse Aufgaben, die Monisha Kaltenborn reizten. Als Kind wollte sie das Weltall erobern, nach ihrer ersten Bekanntschaft mit dem Motorsport die Rallye Paris–Dakar bestreiten. Dass alles anders kam, ist nicht minder spektakulär. In der Männerdomäne Formel 1, wo Frauen vorwiegend als dekoratives Accessoire geschätzt sind, bekleidet sie einen der einflussreichsten Posten: Seit zweieinhalb Jahren ist sie als CEO von Sauber Motorsport die rechte Hand von Teamgründer und -besitzer Peter Sauber. Bald wird die 41-Jährige seine Nachfolge antreten und den Rennstall als Teamchefin leiten.

«Geplant habe ich nicht, als erste Frau in der Formel 1 diese Führungsrolle zu übernehmen. Ich bin in die Aufgabe hineingewachsen», sagt sie. Geboren im indischen Dehradun, zog sie als Achtjährige mit ihren Eltern nach Wien. Sie nahm die österreichische Staatsbürgerschaft an und studierte Jura. Nach verschiedenen Jobs wechselte sie 1998 zur Fritz-Kaiser-Gruppe, damals Teilhaberin des Sauber-Teams. Sie kümmerte sich um die rechtlichen und unternehmerischen Belange des Teams. Als Kaiser seine Anteile veräusserte, bezog Kaltenborn Quartier in Hinwil, wo sie die Rechtsabteilung der Sauber-Gruppe leitete – um ein Jahr später bereits Mitglied der Geschäftsführung zu werden.

Für die Übersetzerin gehalten

«Von Beginn weg hatte ich Einblick in viele Bereiche, die Aussenstehenden gänzlich verborgen bleiben: in sportliche Aspekte, kommerzielle Belange und reglementarische Angelegenheiten.» Über all die Jahre gehörte es zu Kaltenborns Tagesgeschäft, Verträge mit Fahrern, Sponsoren und Lieferanten zu verhandeln. Auch pflegte sie enge Kontakte mit dem Automobil-Weltverband FIA. «Ich hatte das Glück, von Anfang an mit dem kleinen Kreis der Entscheidungsträger in der Formel 1 zu tun zu haben. Wenn sie einen schon so lange kennen und man dann in eine höhere Position aufsteigt, wird man auch schnell akzeptiert.» Schlüsselfiguren wie Bernie Ecclestone oder Jean Todt kannten sie sehr wohl und wussten die ambitionierte Frau richtig einzuordnen. Dass ein ehemaliger Teamchef sie ein volles Jahr lang für Saubers Übersetzerin hielt, darüber kann die First Lady der Formel 1 lachen. Unterschätzt zu werden, könne manchmal auch ein Vorteil sein, sagt sie.

Sie sei nun schon so lange dabei und fühle sich ganz wohl in ihrem Job, bekräftigt sie. Sauber ist dies nur recht. «Ich habe immer gesagt, mit 70 Jahren möchte ich nicht mehr an der Boxenmauer stehen», sagt er. Eigentlich hatte er sich bereits zurückgezogen. Doch als vor drei Jahren der Ausstieg von BMW kam, sah er keine Option, als sein Lebenswerk vor dem Aus zu retten. «Einen grossen Beitrag zum Erhalt des Teams leistete Monisha Kaltenborn», verteilt Sauber Lorbeeren. Und er machte einen wesentlichen Schritt zur Kontinuität: Kaltenborn erhielt ein Drittel der Anteile an der Sauber-Gruppe. Die restlichen zwei Drittel bleiben in Saubers Besitz. Einerseits ein Zeichen grossen Vertrauens, verstärkte Sauber so auch die Bindung.

Schuhe und Handtaschen

Die designierte Teamchefin, ganz Kosmopolitin, lebt heute in Küsnacht am Zürichsee, mit ihrem deutschen Ehemann Jens sowie dem zehnjährigen Sohn und der siebenjährigen Tochter. Strukturiertes Management ist denn auch in ihrem Privatleben gefragt. Falls Kaltenborn ein Zeitfenster für ihre Hobbies nutzen kann, fühlt sie sich wohl auf der Yogamatte, dem Tennisplatz oder bei einem Opernbesuch. Auch hat sie eine – typisch weibliche – Schwäche für Schuhe und Handtaschen. Sie glaubt, als Frau eine grössere emotionale Distanz zum Motorsport zu haben und die Dinge deshalb pragmatischer anzugehen. «Auch finde ich, Frauen tendieren eher dazu, nicht auf die eigene Position fixiert zu sein, sondern die Sicht fürs Ganze zu haben und Lösungen zu finden, die allen dienen.» Das Sauber-Team kann davon nur profitieren.