«Kooperationen sind anregend»

Das Frauenfelder Cinema Luna bringt aktuelle polnische Filme ins Kino. Programmchef Christof Stillhard sagt warum. Und warum sich Kooperationen lohnen – um besondere Filme abseits des üblichen Tagesprogramms zu zeigen.

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Einer von fünf polnischen Filmen, die in Frauenfeld zu sehen sind: «Courage» von Greg Zglinski, Regisseur von «Tout un hiver sans feu». (Bild: pd)

Einer von fünf polnischen Filmen, die in Frauenfeld zu sehen sind: «Courage» von Greg Zglinski, Regisseur von «Tout un hiver sans feu». (Bild: pd)

Das Cinema Luna wartet in den kommenden Wochen gleich mit drei Filmreihen auf: Kino Polska, Nacer Khemir, Bluesfilme. Zufall?

Christof Stillhard: Die Häufung der Reihen ist zufällig. Kino Polska ist eine gesamtschweizerische Reihe von Cinélibre, dem Verband der unkommerziellen Kinos. Vor Monaten schon musste man sich auf einen Termin festlegen. Die Khemir-Reihe gehört zur kommenden Ausstellung der Bibliothek der Kulturen im Verwaltungsgebäude, die Bluesfilme sollen aufs Bluesfestival einstimmen.

Was passiert mit dem laufenden Programm?

Stillhard: Das bleibt. Die Bluesfilme und Nacer Khemir haben wir auf Nebenschienen gelegt, Matineen und Nocturnes, die polnischen Filme belegen einen Monat lang drei Tage pro Woche.

Zu viele solcher Reihen wären also nicht unbedingt vorteilhaft.

Stillhard: So schön solche Reihen sind – wirtschaftlich ergiebig sind sie nicht. Die Palästina-Reihe letztes Jahr schrieb nur deshalb keine roten Zahlen, weil ich in Bern noch einen Förderer fand, der tausend Franken beisteuerte. Denn die meisten Besucher kommen ins «Luna», weil ein Film in den Medien im Gespräch ist, etwa «Hannah Arendt», der gestern angelaufen ist. Mit diesen aktuellen Filmen verdienen wir mehr und können uns so auch experimentellere leisten.

Aber Reihen sind attraktiv.

Stillhard: Gewiss, künstlerisch und filmgeschichtlich gesehen ohnehin. Es ist etwas Besonderes, wenn man während eines Monats einen Überblick über einen Filmemacher oder das aktuelle Filmschaffen eines Landes geboten bekommt, wie etwa bei Kino Polska jetzt oder bei Cinema Italiano letzten Dezember – auch wenn eine solche Programmation viel teurer und aufwendiger ist.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit solchen Kooperationen?

Stillhard: Sehr anregend. Wir verstehen uns wegen der städtischen Unterstützung, die wir seit vielen Jahren erhalten, auch als kommunales Kino und sind deshalb offen für alle möglichen Kooperationen, wie etwa mit den kantonalen Museen, dem Kunstverein, Helvetas oder dem 2-Stunden-Lauf.

Wird das vom Publikum geschätzt?

Stillhard: Immer wieder tauchen Besucher auf, auch aus angrenzenden Kantonen, weil sie hier etwas Spezielles abseits des üblichen Tagesprogramms zu sehen bekommen.

Kommen auch neue Gesichter ins «Luna»?

Stillhard: Aber ja. Im April veranstalten wir zusammen mit dem SAC Thurgau eine Reihe mit Bergfilmen, denn der SAC Schweiz feiert sein 150-Jahr-Jubiläum. Das könnte uns ein neues Publikumssegment erschliessen: Bergsteiger und Wanderer.

Walter Ruggle schreibt im neuen Magazin des Filmverleihs Trigon: «Mehr denn je wünschte man sich, dass es in allen Städten mit mehreren Sälen mindestens ein kommerziell betriebenes Kino mit Monatsprogramm geben würde», das «mit einer berechenbaren Programmation aufwarten und den Kinoliebenden die Chance geben [könnte], ihre Kinobesuche rechtzeitig und gezielt zu planen.» Das «Luna» ist vor einiger Zeit von gedruckten Monats- zu per Mail verschickten Wochenprogrammen übergegangen, um flexibler auf die Nachfrage der Besucher reagieren zu können. Hat sich das bewährt?

Stillhard: Ich verstehe Trigon gut. Als wir das neue Haus bezogen, wollten wir bei einem Saal das Monatsprogramm beibehalten, den zweiten Saal von Woche zu Woche programmieren. Theoretisch eine gute Idee, aber schlecht kommunizierbar. Viele Zuschauer haben sich auf das gedruckte Monatsprogramm verlassen, aber die wöchentlich programmierten Filme im zweiten Saal nicht wahrgenommen. Deshalb und weil manche unserer Filme so speziell sind, dass nur ein paar wenige Leute kommen und wir nach drei, vier Tagen wieder etwas ergiebiger programmieren müssen, gibt es nun nur noch Wochenprogramme – aber mit Vorankündigungen.

Das Kinok St. Gallen plant aber auch auf Monate im voraus.

Stillhard: Das Kinok bekommt jährlich von Stadt und Kanton 300 000 Franken Unterstützung und hat für einen Saal mehrere Vollzeitstellen. Mit so viel Geld kann man noch vieles tun… Das Cinema Luna bekommt von der Stadt Frauenfeld jährlich 20 000 Franken. Und 2012 fand auch der Kanton Thurgau unser Programm unterstützenswert.

Die Gewohnheiten haben sich auch gewandelt; Besucher entscheiden spontan: «Heute habe ich Lust auf Film – was läuft im Kino?»

Stillhard: Das ist richtig. Hinzu kommt, dass die Digitalisierung alles beschleunigt. Früher startete ein Schweizer Film mit vier, fünf Kopien, die kleinen Kinos mussten warten – jetzt ermöglichen die digitalen Kopien den gleichzeitigen Start in allen Kinos.

Eine gute Sache?

Stillhard: Die Gefahr besteht, dass alle Kinos dieselben Filme zeigen – und die Filme verschwinden rascher aus den Kinos.

Von 1997 bis 2006 wurde das Cinema Luna jedes Jahr mit dem ersten Preis des Bundesamtes für Kultur, überreicht durch den Schweizer Studiokino-Verband, für die beste Kino-Programmation der Schweiz in der Kategorie Landkinos ausgezeichnet. Dann wurde der Preis abgeschafft. Kennen Sie die Gründe?

Stillhard: Das BAK hat Succès Cinema eingeführt: Kinos, Regisseure, Produzenten und Verleihe erhalten für jedes bei einem Schweizer Film verkaufte Billett etwas Geld. Je mehr Schweizer Filme du zeigst, je mehr Förderung erhältst du.

Aber bei einem Preis geht es auch um Wertschätzung.

Stillhard: Ja, das habe ich Ivo Kummer vom BAK auch gesagt: Der Preis wäre wichtig, denn er hat uns Türen bei Förderern und Gönnern geöffnet, weil sie von der höchsten Kulturförderung des Landes bestätigt bekamen, was für ein aussergewöhnliches Programm im Cinema Luna zu sehen ist. Interview: Dieter Langhart

Christof Stillhard Programmleiter des Cinema Luna in Frauenfeld (Bild: Quelle)

Christof Stillhard Programmleiter des Cinema Luna in Frauenfeld (Bild: Quelle)