KONTROVERS: Widerstand gegen Tennis-WM

Dass der Davis-Cup begeistern kann, zeigte sich am Wochenende in Valencia. Gut möglich aber, dass der Weltverband bald auf eine eigentliche Tennis-WM setzt. Die Gegner der Idee formieren sich.

Jörg Allmeroth
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Emotionen, die den Wert des Davis-Cups zeigen: David Ferrer sichert Spanien den Halbfinaleinzug gegen Deutschland. (Bild: David Aliaga/Imago)

Emotionen, die den Wert des Davis-Cups zeigen: David Ferrer sichert Spanien den Halbfinaleinzug gegen Deutschland. (Bild: David Aliaga/Imago)

Jörg Allmeroth

Der Vergleich ist abenteuerlich. Aber er hilft vielleicht, um zu verstehen, was gerade mit dem Davis-Cup passiert. Stellen wir uns also vor, Roger Federer würde seinen Freund Bill Gates, den Microsoft-Gründer, überreden, ins Fussballgeschäft einzusteigen. Das gemischte Doppel Federer/Gates würde 50 Milliarden Dollar locker machen und die Uefa-Spitze in einer Geheimverhandlung dazu bewegen, die Champions League zu verkaufen. Fortan gäbe es keine Heimspiele mehr für Bayern München, Barcelona oder Manchester United, sondern ein Turnier der besten Teams an einem neutralen Ort, an einem Schauplatz, der dafür Millionen oder auch Milliarden locker macht. Alles Quatsch? Alles Unsinn? Eine Schnapsidee?

Nicht dann, wenn es ums Tennis und seine ältesten Institution geht, den Davis-Cup. Passiert ist dies: Der spanische Fussballstar Gerard Piqué verbündet sich mit einem asiatischen Milliardär, bildet ein undurchsichtiges Konsortium namens Kosmos, legt dem Weltverband ITF in Hinterzimmergesprächen einen Drei-Milliarden-Dollar-Deal auf den Tisch, der vorsieht, einen World Cup der Nations zu veranstalten. Ein Turnier der Länder, im November, zum Saisonschluss. Irgendwo auf der Welt, wohl aber unter der Staatsprotektion in China oder am Arabischen Golf. Was es dann schon ab 2019 nicht mehr gäbe: Heimspiele und Auswärtsspiele der Topnationen.

Ein Match wie ein Plädoyer für den Davis-Cup

Und damit ginge verloren, was sich am Wochenende in Valencia abspielte, einem der einprägsamsten Länderspiele der jüngeren Davis-Cup-Geschichte. Spanien gegen Deutschland im Viertelfinal, das 2:3-Scheitern der Deutschen, es war das Destillat für das, was die Faszination des Davis-Cups ausmacht. Und man sah, wozu dieser oft beliebig kritisierte Wettbewerb noch immer in der Lage ist: Siege und Niederlagen zu vergrössern. Geschichten zu schreiben, die auch nach vielen Jahren nicht vergessen sind. Die Partie endete in einem knapp fünfstündigen Thriller zwischen dem 36-jährigen David Ferrer und dem 34-jährigen Philipp Kohlschreiber. Ferrer, ein Mann, der viel erlebt hat in seinem Tennisleben, sagte hinterher, sein Sieg zum 3:2-Triumph sei der beste Moment seiner ­Karriere gewesen. Kohlschreiber sagte hinterher, es sei seine schlimmste Niederlage gewesen. Ein ikonisches Bild blieb hängen nach dieser Partie: Kohlschreiber sitzt zusammengesunken in seinem Stuhl. Ferrer streicht ihm tröstend über den Kopf. Dahinter ist Boris Becker postiert, mit starrem Gesicht. Die Begegnung war ein Plädoyer für den alten, bisherigen Davis-Cup. Weil sich so viel Klasse und Prominenz in der Stierkampfarena versammelt hatte, Nadal allen voran, die Nummer 1 der Welt. Aber auch Alexander Zverev, einer seiner möglichen Nachfolger. Das dreitägige Drama verstärkte eine Oppositionsbewegung, die an Stärke und Stimme gewinnt. Überall wurde Kritik am Ausverkauf der Tennisseele beklagt, am Opfern des Davis-Cups für einen Kommerzevent. Der frühere Weltranglisten-Erste Lleyton Hewitt, heute Davis-Cup-Chef Australiens, fragte nach dem spanisch-deutschen Kräfteringen via Twitter rhetorisch: «Meint ihr das ernst, ITF? Wollt ihr diese unbeschreibliche Atmosphäre kaputtmachen, die Heim- und Auswärtsspiele?» Und die Französin Amelia Mauresmo, auch ehemalige Nummer 1 und nun Chefin des nationalen Frauenteams, gab zu Protokoll: «Wie kann der Weltverband über solche drastischen Veränderungen nachdenken?» Statt einer «sinnvollen Weiterentwicklung des Wettbewerbs» spreche man das «Todesurteil aus», so Mauresmo.

ITF mit der zweifelhaften Strategie der Fifa?

Käme der Deal der ITF mit der Kosmos-Gruppe zustande, würden die Nationalverbände zwar über gut zwei Jahrzehnte eine Garantiesumme einstreichen können. Aber der Davis-Cup garantiert Städten und Regionen, die Heimspiele austragen, auch touristische Umsätze – Millionen für Hotels, Restaurants, den Einzelhandel. Das fiele weg, wie auch das Erlebnis für Fans, ihre Stars im eigenen Land zu sehen.

David Haggerty, der ITF-Präsident, verfolgt eine durchsichtige Strategie. Er winkt den vielen kleinen, finanziell in prekären Verhältnissen wirtschaftenden Nationen mit dem Geldbeutel. Sie sollen beim Jahreskongress im Sommer in Orlando mit ihren Stimmen die Gegnerschaft aus den grösseren Ländern überstimmen – man kennt das Verfahren aus dem Fifa-Universum. Allerdings formiert sich hinter den Kulissen auch schon eine Boykottbewegung. Einige Topspieler haben bereits angekündigt, sie würden bei dem World Cup of Nations nicht an den Start gehen. Es kann sein, dass der versuchte Kahlschlag beim Davis-Cup am Ende Haggerty davonspült, wenn der Coup scheitert. Oder dass er den Weltverband zerreisst.