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Kommentar

König Fussball mit eingeschränkter Macht

Russland – Saudi-Arabien, 14. Juni, 17 Uhr: Alle Augen sind nach Moskau gerichtet. Es ist der Start der Fussball-Weltmeisterschaft.
Jérôme Martinu, Chefredaktor
Illustation Oliver Marx

Illustation Oliver Marx

Jérôme Martinu, Chefredaktor

Jérôme Martinu, Chefredaktor

Dieser Pfiff wird auf der ganzen Welt gehört. Wenn heute um 17 Uhr der Schiedsrichter in Moskau das Eröffnungsspiel zwischen Gastgeber Russland und Saudi-Arabien anpfeift, ist der grösste Sport­anlass auf unserem Globus nach der obligaten vierjährigen Pause neu lanciert. Das Fussball-Weltmeisterschaftsturnier in Russland wird die Massen mobilisieren. Gemeinschaftserlebnisse vor öffentlichen Grossleinwänden, in Gärten und Stuben sind zur Normalität geworden. Faszinierend, wie ein WM-Spielplan das soziale Leben einen Monat lang prägen kann.

TV-Geräte, Fanartikel, Bier, Wurst, Chips, WM-Sonderaktionen à gogo ... Nun hat auch der gigantische Marketing­rummel begonnen. Fussball ist ein äusserst lukratives globales Geschäft. Der Weltfussball­verband Fifa verzeichnet seit Jahren Rekordeinnahmen. Über 5,6 Milliarden Dollar hat er seit der letzten WM in Brasilien erwirtschaftet. Im Profifussball fliesst enorm viel Geld. Absurd viel, sagen die Kritiker. Zweifelhafte bis illegale Geschäfte sind – je nach Weltgegend – nichts Ungewöhnliches. In ­Ghana etwa steht der nationale Verband derzeit wegen Korruptionsfällen vor der Auflösung. Und die Fifa hat auch nach dem Machtwechsel vom langjährigen Präsidenten Joseph S. Blatter zu Gianni Infantino noch nicht zur Ruhe gefunden. In der Führung des Weltverbandes dreht sich zu vieles um sich selber – und ums Geld.

Machtspiele, Korruption, Rechtsstreitigkeiten, Transferwahnsinn, Hooliganismus: Die dunklen Seiten der «schönsten Nebensache der Welt» werden der WM-Stimmung keinen Abbruch tun. Sobald der Ball rollt, sind die unschönen Begleiterscheinungen des Weltfussballs bestenfalls sekundär.

Die Stimmung. Natürlich werden die Ausschläge auf der WM-Euphorieskala hierzulande ganz wesentlich bestimmt vom Abschneiden der Schweizer Nationalmannschaft. Mit den Vorrundengegnern Brasilien, Serbien und Costa Rica hat unsere rot-weisse Truppe kein einfaches Los gezogen. Aber die Nati hat seit der Amtsübernahme von Vladimir Petkovic nach der WM 2014 eine erfreuliche Leistungsentwicklung gezeigt. Dies und die in den letzten vier Jahren erspielten Resultate nähren nicht nur die Hoffnung auf ein Weiterkommen, sondern lassen gar vom Viertelfinal träumen.

Viertelfinal hin oder her: Was macht eigentlich die Faszination dieser Sportart aus? Wie lässt sich erklären, dass mutmasslich mehr als eine Milliarde Menschen den WM-Final vom 15. Juli schauen werden? Nun, Fussball ist ein einfacher Sport. Zwei Teams, zwei Tore, ein Ball. Das Runde muss ins Eckige. Jeder versteht das. Fast jeder kann da selber mittun, auf einem kleinen grünen Fleck, auf einem Garagenvorplatz. So einfach das Spiel, so perfekt ist die Dramaturgie: Ob Turnier oder Meisterschaft, am Ende kann’s nur einen Sieger geben. Nebst Können und Taktik spielen immer auch Glück und Zufall eine Rolle – das macht diesen Sport so spannend.

Fussball ist massentauglich. Er verbindet, funktioniert über weite Strecken gar als gesellschaftliche Bewegung. Wer will, soll sich also gerne von der WM-Euphorie anstecken lassen. Soll feiern, mitfiebern, jubeln.

Und dennoch: König Fussball regiert nur mit eingeschränkter Macht. Man sollte nicht zum falschen Eindruck gelangen, dass die (passive) Teilnahme am WM-Spektakel Pflicht ist. Zu viel Geld. Zu viel Starkult. Zu viel künstliche Aufregung. Wer kann es einem verübeln, wenn er angesichts dieser und der eingangs beschriebenen Auswüchse im professionellen Fussballgeschäft gelassenes Desinteresse dem Mitfiebern vorzieht? So erfüllend die Freude am Spiel auf dem Rasen sein kann, so irrelevant ist die Kickerei letztlich für ein funktionierendes, friedliches gesellschaftliches Zusammenleben.

Ob Verweigerer oder Fan: Es gibt hier mit Sicherheit kein richtig oder falsch. «Interessiert mich nicht», für den Ausspruch braucht’s kein schlechtes Gewissen. Ebenso wenig wie für ein kräftiges «Hopp Schwiiz!».

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