Lauberhorn-König Feuz und sein Wengen

Wenn Beat Feuz am Lauberhorn fährt, verneigt sich die Skiwelt. Seit Samstag ist er dreifacher Sieger der Abfahrt. Ein Tag mit Legenden des Skisports und die Frage, für was Feuz einen seiner Wengensiege eintauschen würde.

Martin Probst
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Samstag, kurz nach 11.15 Uhr. Pirmin Zurbriggen mahnt zur Eile: „Wir dürfen hier nur einmal rüber. Und das ist exakt um 11.30 Uhr.“ Die Gäste gehorchen. Schliesslich erlebt man es nicht alle Tage, dass ein König des Skisports als Reiseleiter amtet. Das Ziel der Gruppe: eine Aussichtsplattform unter dem Hundschopf. VIPs only. In diesem Fall Kunden einer Schweizer Bank.

Zurbriggen, der so vieles gewann, hat die Abfahrt am Lauberhorn nie gewonnen. 1989 war er Zweiter. Während sich seine Gäste also beeilen und bereits hoffen, dass an diesem Tag ein Schweizer zuoberst auf dem Podest steht, erklärt Bernhard Russi, ein anderer König des Skisports, über die Lautsprecher, warum die Abfahrt nicht von ganz oben gefahren wird. „Die grossen Neuschneemengen über Nacht haben dafür gesorgt, dass die Piste im oberen Teil gebrochen ist.“

Paris und die Buckelpiste

Russi, der so vieles gewann, hat die Abfahrt am Lauberhorn nie gewonnen. 1976 und 1977 war er Dritter. Aber er weiss, wie es gehen würde, hat es den TV-Zuschauern viele Jahre als Experte erklärt. Auch 2012, als Beat Feuz den Klassiker in Wengen ein erstes Mal für sich entschied.

Man muss kein Experte sein, um zu wissen, dass Feuz Topfavorit auf den Sieg ist. Neben 2012 siegte er auch 2018, wurde 2015 und 2019 Zweiter. Einer, der etwas dagegen hat, dass Feuz erneut gewinnt, ist Dominik Paris. Über die öffentliche Piste fährt der Italiener zum Ersatzstart. Der Neuschnee hat sich mittlerweile auf Haufen gesammelt. Die meiste Energie steckte die Pistencrew in der Nacht zuvor in die Rennpiste. Die so entstandene öffentliche Buckelpiste ist auch für einen der besten Abfahrer ungewohntes Terrain. Nur vorsichtig fährt er runter.

Feuz und der Killerinstinkt

Als Paris etwas später am Tag mit Startnummer sieben in Führung geht, sieht das ganz anders aus. Man muss eben wissen, wann man riskiert. Und keiner kann dies besser als Beat Feuz. Urs Lehmann, Präsident von Swiss-Ski, nennt diese Fähigkeit Killerinstinkt. „Zusammen mit seinem wohl einmaligen Gefühl auf den Ski macht ihn das so stark.“ Vor allem in der Abfahrt. Seit drei Saisons, in 22 Weltcuprennen, stand Feuz in dieser Disziplin nur viermal nicht auf dem Podest, holte zweimal in Folge die Kristallkugel für den besten Abfahrer des Winters und liegt auch in dieser Saison im Klassement in Führung. Sechs Punkte vor Dominik Paris.

Startnummer neun. Die Fans am Hundschopf toben. Beat Feuz steht im Starthaus und hört sie schreien. „Als ginge es um Leben und Tod“, sagt der 32-Jährige. Den meisten würden jetzt die Knie schlottern. 32000 Menschen live an der Strecke, über eine Million vor den Schweizer TV-Geräten. Und alle erwarten eine Wunderfahrt von ihm. Und was tut Feuz? Der bleibt cool. „Es ist ja nicht so, dass ich zum ersten Mal als Topfavorit am Start eines Rennens stehe.“

Ein Extrarisiko für Wengen

Unten im Ziel warten zahlreiche ehemalige Sieger. Anlässlich des 90. Jubiläums des Rennens wurden sie nach Wengen eingeladen. Markus Wasmeier, Sieger 1987, tippt auf seinen deutschen Landsmann Thomas Dressen als Gewinner. Dieser wird Dritter, direkt hinter Dominik Paris. Vier Abfahrten wurden in diesem Winter vor jener in Wengen gefahren. Immer gewann einer aus dem Trio Paris (2 Siege), Dressen (1), Feuz (1). Und nun am Lauberhorn?

Beat Feuz stösst sich ab. Die Schiene, die einen vor Weihnachten in Gröden gebrochenen Mittelhandknochen schont, hat er weggelassen. „Das war ein Risiko, das ich nicht an jedem Rennen eingehen würde“, sagt er. Aber Wengen ist anders. „Ich vergleiche Siege nicht gerne. Aber ich würde einen Sieg in Wengen mit nichts tauschen.“ Weil es ein Klassiker ist. Und weil es sein Heimrennen ist. Seit der Weltcup 1967 eingeführt wurde, haben sechs Athleten die Abfahrt in Wengen schon zweimal gewonnen. Dreimal nur einer: der Österreicher Franz Klammer.

Und jetzt Kitzbühel?

Kernen-S: Bestzeit. Hanneggschuss: Bestzeit. Silberhornsprung: Bestzeit. Ziel: Grenzenloser Jubel. Beat Feuz hat es wieder getan. Jetzt steht er auf einer Stufe mit Klammer. Mister Lauberhorn? „Ja, ich denke, jetzt darf man das sagen.“ Ein König des Schweizer Skisports? Mit Sicherheit. Oben am Hundschopf freut sich auch der Auftraggeber von Zurbriggen. Ist doch das Bankinstitut gleichzeitig Kopfsponsor von Beat Feuz. Für die Gäste schliesst sich der Kreis.

Für Feuz aber geht es weiter. Am Dienstagabend reist er nach Kitzbühel. Dort hat er die Abfahrt noch nie gewonnen. Aber was nicht ist, kann ja bereits am nächsten Samstag werden.