Interview

«Konfrontation war nicht Köbis Stärke»

Ernst Lämmli, der Köbi-Erfinder: Der Mann, ohne den Kuhn nicht Nationaltrainer geworden wäre, erzählt von gemeinsamen Zeiten.

Interview: Sebastian Wendel und François Schmid-Bechtel
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Zwei, die man einfach gern haben muss: der verstorbene Ex-Nati-Trainer Köbi Kuhn (links) und sein damaliger Chef Ernst Lämmli.

Zwei, die man einfach gern haben muss: der verstorbene Ex-Nati-Trainer Köbi Kuhn (links) und sein damaliger Chef Ernst Lämmli.

Bild: Freshfocus

Holziken, ein 1500-Seelen-Dorf, zehn Kilometer entfernt von Aarau. Auf der Dorf-Homepage wirbt man trotzig: «Auch eine Gemeinde ohne Kulturtempel und Einkaufszentren hat ihre Reize.»

Das findet auch Ernst Lämmli. Seit 80 Jahren lebt er in seinem Geburtsort. Der Architekt empfängt mit Frau Pia in einem unauffälligen Mehrfamilienhaus am Dorfrand, in dem sich die Lämmlis in der obersten Etage für den Lebensabend eingerichtet haben.

Hinter Lämmli liegen bewegende Tage. Am Sonntag sagte die Aarauer Bevölkerung an der Urne Ja zu einem neuen Stadion für den FC Aarau. Dazu muss man wissen: Lämmli, Meisterpräsident des FCA 1993, lancierte vor 20 Jahren die unendliche Stadion-Geschichte mit dem ersten Projekt in Schafisheim.

Alle Bewilligungen lagen vor, die Politik stimmte zu – doch der Neubau scheiterte, weil sich klubintern Personen gegen den Wegzug des FC aus der Stadt wehrten. Lämmli: «Jetzt hoffe ich, dass die Aarauer vorwärts machen und ich das neue Stadion noch erlebe.»

Zwei Tage später, am Dienstag, erfährt Lämmli aus den Medien vom Tod Köbi Kuhns. Die ganze Schweiz betrauert einen ihrer Helden, doch nur wenige wissen: Ohne Lämmli wäre Kuhn 2001 nicht Schweizer Nationaltrainer geworden. Lämmli, der Köbi-Erfinder.

Wann haben Sie Köbi Kuhn letztmals gesehen?

An einem Länderspiel in Basel. Wir sind nebeneinander gesessen. Er mit seiner frisch Angetrauten Jadwiga.

Welchen Eindruck hat Kuhn bei Ihrem letzten Aufeinandertreffen auf Sie gemacht?

Eigentlich einen guten. Nur ist er nach der Pause nicht mehr auf seinen Platz zurückgekehrt. Wahrscheinlich hatten die beiden ein kleines Gezänk. Sie sass danach alleine auf der Tribüne.

Waren Sie und Kuhn Freunde?

Wir hatten einen guten Draht.

Zur Person

Der Aargauer Architekt war von 1989 bis 2000 Präsident des FC Aarau. In diese Zeit fielen der Meistertitel 1993 und etliche Europacup-Teilnahmen. Nach seinem Rücktritt wurde Lämmli zum Delegierten der Schweizer Nationalmannschaft gewählt. 2001 machte er Köbi Kuhn, 2008 Ottmar Hitzfeld zum Nationaltrainer. 2009 zog er sich aus dem Fussball zurück.

Sie haben ihn 2001 zum Nationaltrainer gemacht.

Nicht ich alleine. Der Technische Direktor Ruedi Hasler war auch beteiligt. Ein Jahr zuvor wurde ich Delegierter der Nationalmannschaft, damals hiess der Trainer noch Enzo Trossero.

Wie lief der Trainerwechsel ab?

Ich erhielt einen Anruf von Verbandspräsident Ralph Zloczower. Er bat mich, nach Bern zu kommen. «Wann?» fragte ich. Er: «Möglichst schnell.» Als ich eine Stunde später ankam, war Trossero schon dort. Sein erster Satz war: «Längeli oder ich.»

Trossero hatte Ihnen sogar den Zutritt zur Kabine untersagt.

Das habe ich mir nur einmal bieten lassen, damals habe ich scharf geschossen. Mit Trossero konnte es nicht funktionieren. Ich erinnere mich, wie er während eines Spiels aus Frust mit dem Kopf gegen das Gehäuse der Trainerbank schlug. Ich dachte: Hat der noch alle Tassen im Schrank? Als Trossero das Ultimatum gestellt hat, war klar, dass er und nicht ich gehen muss. Also brauchten wir auf die Schnelle einen neuen Trainer. Für mich konnte der nur Köbi Kuhn heissen.

Das Problem: Kuhn, damals Trainer der Schweizer U21, stand bei FCZ-Präsident Sven Hotz im Wort. Kuhn war auf dem Weg zur Vertragsunterschrift, als der Anruf von Lämmli kam. Das Angebot konnte Kuhn trotz aller Liebe zu «seinem» FC Zürich nicht ablehnen. Es gab damals auch Kritik an der Personalwahl Lämmlis, es hiess, dem 58-jährigen Kuhn fehle die Erfahrung auf der grossen Bühne.

Aus Lämmlis Sicht kein Hindernis: «Er war einfach zu bescheiden, schon früher auf die grosse Bühne zu treten. Er wäre zu mehr fähig gewesen.» Unter Kuhn qualifizierte sich die Nati für die EM 2004 und die WM 2006. Sein letztes Turnier war die Heim-EM 2008, danach wurde er von Ottmar Hitzfeld abgelöst. Ein Coup, ebenfalls orchestriert von Ernst Lämmli.

Sie waren massgeblich am Aufstieg des Schweizer Fussballs in die erweiterte Weltspitze beteiligt.

Das kann man so sehen.

Trotz Ihrer guten Beziehung zu Kuhn: Er musste sich von Ihnen auch Kritik gefallen lassen.

Er hat Dinge gemacht, mit denen ich nicht einverstanden war.

Meinen Sie die Abservierung verdienter Spieler wie Stéphane Henchoz, Stéphane Chapuisat, Ciriaco Sforza nach seinem Amtsantritt und später Johann Vogel?

Er tat sich schwer damit. Es ging mir nicht um die Entscheidung an sich, sondern um die Art und Weise. Ich wollte, dass Kuhn mit mir zu diesen Spielern nach Hause fährt und ihnen den Entscheid direkt mitteilt. Es war nicht korrekt, dass sie es aus der Zeitung erfahren mussten.

Hatte Kuhn Angst vor der Konfrontation?

Konfrontation war nicht seine Stärke.

Trotzdem haben Sie ihm immer den Rücken gestärkt. Ohne Ihren Zuspruch wäre Kuhn wahrscheinlich kurz nach seinem Amtsantritt wieder entlassen worden, wegen der angesprochenen Personalien und der schlechten Resultate.

Ja, ohne mich wäre es sehr kritisch geworden für ihn.

Sie verlängerten zwei Mal vorzeitig Kuhns Vertrag und stiessen die Verbandsoberen damit vor den Kopf.

Oh, das hat dem Präsidenten Zloczower gar nicht gefallen. Er sagte: «Es kann doch nicht sein, dass du ohne meine Zustimmung so etwas kommunizierst.» Ich hatte als Nati-Delegierter ein Vorschlagsrecht, davon machte ich Gebrauch. Es hat sich ja alles als richtig herausgestellt. Wissen Sie, ich zähle mich selber zu den schwer Erziehbaren.

Ahnten Sie, dass in Kuhn, einst glorreicher Fussballer, dann gescheiterter Versicherungsvertreter und unterschätzter Nachwuchscoach, das Potenzial steckte, einer der populärsten Schweizer zu werden?

Ja, weil ich ihn eben nie unterschätzte. Er war ein sehr pflegeleichter Mann. Wenn er von Bern heim nach Zürich fuhr, machte er bei mir in Holziken halt, um neue Weisungen zu empfangen.

Welche denn?

Kein Kommentar.

Warum hat es zwischen Ihnen beiden so gut funktioniert?

Weil wir uns vom Typ her ähnlich waren und die gleichen Wertvorstellungen hatten. Wir haben uns nicht zu wichtig genommen, sondern uns als Dienstleister für den Schweizer Fussball gesehen.

Kurz vor der Heim-EM 2008 fiel Köbi Kuhns Frau Alice ins Koma. Lämmli erzählt, wie Kuhn daran dachte, als Nationaltrainer vor der EM zurück­zutreten, sich dann aber dagegen entschied. Sportlich war die Heim-EM enttäuschend (Out nach der Vorrunde), Kuhns Popularität hat das nicht geschadet. Danach kümmerte er sich bis zu deren Tod im Jahr 2014 um Alice. In dieser Zeit reduzierte sich auch der Kontakt zwischen den Weggefährten Lämmli und Kuhn, was mitunter an Lämmlis gesundheitlichen Problemen lag.

Bei einem Sturz im Dezember 2012 zog er sich einen Schädelbruch und eine Hirnblutung zu, sein Zustand war lange kritisch. Frau Pia schaltet sich ins Gespräch ein: «Die ersten drei Jahre danach waren schwierig. Ernst war apathisch und lustlos. Ich fand ihn einmal im Badezimmer, er schaute seine nassen Hände an und wusste nicht, wie weiter. Erst als ich ihm das Handtuch reichte, verstand er. Das Schlimmste waren die Stürze. Selbst renommierte Ärzte wussten keinen Rat, verwiesen auf Epilepsie. Ich insistierte immer wieder und dann stellte ein junger Arzt fest, dass sich in seinem Gehirn Flüssigkeit sammelte und das Gleichgewichtsorgan beeinträchtigte. Nach der entsprechenden Operation war er wie ausgewechselt, endlich konnte man wieder normal mit ihm kommunizieren.»

Herr Lämmli, auch Köbi Kuhn hatte Schicksalsschläge zu verkraften. Wie haben Sie ihn dabei erlebt?

Wenn etwas nicht stimmte, war er etwas bedrückt. Er wollte sich nicht viel anmerken lassen, innerlich ging es ihm schlecht. Er hing sehr an seinem einzigen Kind Viviane. Sie war drogenabhängig, er kümmerte sich rührend um sie, brachte ihr fast täglich etwas Warmes zu essen an den Platzspitz in Zürich. Ihr Tod vor einem Jahr muss sehr hart gewesen sein für Köbi.

Wie haben Sie auf die Nachricht von Kuhns Tod reagiert?

Ich war traurig und machte mir Vorwürfe, dass ich nicht mehr bei ihm vorbeigeschaut habe. Ich habe viele Male ­versucht, ihn anzurufen. Aber immer wurde ich von seiner Frau Jadwiga abgewimmelt.

Werden Sie an die Beerdigung gehen?

Ich habe es mir vorgenommen.

Glauben Sie, Köbi Kuhn dereinst wieder zu begegnen?

Ich werde ihm nicht mehr begegnen. Oder glauben Sie an den Storch? Nein, die Realität ist anders. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Seelen den Körper verlassen und sich die ganze Familie im Himmel wieder vereint.