KÖNIGSETAPPE: Attacken, Stürze, Niederlagen

Im Spurt einer sechsköpfigen Spitzengruppe gewinnt der Kolumbianer Rigoberto Uran an der Tour de France das ereignisreiche neunte Teilstück. Chris Froome behauptet sich als Führender.

Werner Eisenring (sda)
Drucken
Teilen
Rigoberto Uran (in Grün) setzt sich im Schlussspurt hauchdünn durch. (Bild: Peter Dejong/AP)

Rigoberto Uran (in Grün) setzt sich im Schlussspurt hauchdünn durch. (Bild: Peter Dejong/AP)

Werner Eisenring (SDA)

Erstmals seit sechs Jahren standen gleich drei schwere Übergänge der höchsten Kategorie im Programm einer Tour-de-France-Etappe. Und es wurde tatsächlich ein harter Tag. Auf den 181,5 km zwischen Nantua und Chambéry spielten sich dramatische Szenen zuhauf ab.

Den Schlusspunkt bildete die Entscheidung um den Etappensieg. Der Franzose Warren Barguil hatte nach dem Zielstrich den Arm gehoben, da er sich als Sieger wähnte. Doch das Zielfoto zeigte ein anderes Ergebnis: Rigoberto Uran, der inzwischen 30-jährige Olympia-Zweite von 2012, hatte Barguil noch um Reifenbreite abgefangen und errang so seinen dritten Sieg an einer grossen Rundfahrt, nachdem er im Giro d’Italia 2013 und 2014 je einmal zugeschlagen hatte.

Porte muss nach Sturz aufgeben

Man hätte es allerdings auch Barguil gegönnt. Der Mann aus der Bretagne hatte schon zu einer 40 Fahrer umfassenden Spitzengruppe gehört, die sich in der Startphase gebildet hatte und im weiteren Verlauf immer mehr ausdünnte. Am Mont du Chat, dem letzten grossen Hindernis des Tages, setzte sich Barguil alleine ab. Als einziger der ursprünglichen Flüchtlinge hielt er sich an dieser Rampe vor der Gruppe mit den Favoriten um Chris Froome, doch sein Vorsprung von nur noch 20 Sekunden war zu gering, um auf den restlichen 26 km zu bestehen.

In der technisch anspruchsvollen Abfahrt ereignete sich schliesslich das grösste Drama des Tages. Richie Porte, zuletzt Gesamtsieger der Tour de Romandie und von vielen als härtester Gegner von Froome um den Sieg in der Tour de France eingestuft, kam von der Strasse ab und knallte heftig in eine mit Fels durchsetzte Böschung. Der Ire Daniel Martin stürzte über den Australier, konnte aber die Fahrt fortsetzen. Porte dagegen musste mit der Ambulanz ins Spital gebracht werden. Den nächsten Angriff setzte in der Abfahrt Romain Bardet. 25 Sekunden Vorsprung holte der letztjährige Gesamt-Zweite heraus, doch auf den flachen 13 km bis ins Ziel hielt der Franzose nicht durch. Zwei Kilometer vor dem Ziel waren die Verfolger wieder dran.

Bardet belegte schliesslich Platz vier in der Etappe, unmittelbar hinter Leader Froome, aber vor dem Italiener Fabio Aru und dem Dänen Jakob Fuglsang – allesamt Anwärter auf einen Podiumsplatz, wenn in zwei Wochen die Tour in Paris zu Ende geht. In der neuen Gesamtwertung liegt nun Froome 18 Sekunden vor Aru und 51 Sekunden vor Bardet. Tagessieger Uran folgt als Vierter mit 55 Sekunden Rückstand, Fuglsang hat aktuell 1:37 Minuten Rückstand.

Aru nicht mit der feinen Art

Gewinnen konnte man die Tour in den Savoyer Alpen nicht, verlieren hingegen schon. Neben Sturzopfer Porte traf diese Erkenntnis auf die sportlichen Verlierer zu, die es auch gab. Der Kolumbianer Nairo Quintana beispielsweise büsste über eine Minute ein und liegt nun in Gesamtwertung als Achter bereits 2:13 Minuten zurück. Bereits definitiv verloren scheint die Rundfahrt für den Spanier Alberto Contador, der über vier Minuten nach dem Etappensieger ins Ziel kam. Zu reden gab hinterher auch noch jene Szene, die sich im Aufstieg zum Mont du Chat ereignete. Chris Froome zeigte mit dem hochgestrecktem Arm einen Defekt an, was Aru sofort für eine Attacke nutzte. Der Italiener fand aber keine Unterstützung durch die weiteren Mitfavoriten, weshalb der Brite nach einem Velowechsel relativ schnell wieder aufschliessen konnte. «Danke all jenen, die in dieser Situation nicht attackierten und sich sportlich verhielten», sagte Froome, darauf bedacht, keine Polemik zu entfachen.

Den Montag nutzt der Tour-Tross zum Transfer in den Südwesten, wo morgen und am Mittwoch zwei Flachetappen folgen. Erst am Donnerstag geht es wieder in die Berge, wenn das erste Teilstück in den Pyrenäen im Programm steht.