«König Otto» träumt vom nächsten Coup

Otto Rehhagel hat das geschafft, wovon Millionen träumen, aber nie erreichen werden: Ihm ist der Aufstieg von ziemlich weit unten nach ganz oben geglückt.

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Otto Rehhagel hat das geschafft, wovon Millionen träumen, aber nie erreichen werden: Ihm ist der Aufstieg von ziemlich weit unten nach ganz oben geglückt. Als Sohn eines Bergarbeiters, der an den Folgen der Malocherei schon mit 39 verstorben ist, wurde er vor knapp 70 Jahren in Essen, mitten im Kohlenpott, geboren. Rehhagel arbeitete später als Anstreicher, bevor er ein mittelmässiger Fussballprofi und danach ein äusserst erfolgreicher Fussballtrainer wurde. Rehhagel ist längst Millionär, liest gescheite Bücher, zitiert mit Vorliebe Goethe und Schiller, hört am liebsten Mozart, Beethoven, Plácido Domingo und die Callas. Der einstige Arbeiter verkehrt in den besten Kreisen, oft und gerne hält er sich in der Schweiz auf. Die Zürcher Kronenhalle zählt zu seinen Lieblingsrestaurants, mit Ehefrau Beate verbringt er die Winterferien regelmässig in St. Moritz.

«Gotteslästerung»

Rehhagel ist nicht nur ein Paradebeispiel für einen beeindruckenden sozialen Aufstieg aus eigener Kraft, sondern auch dafür, dass der Prophet im eigenen Land tatsächlich oftmals wenig bis nichts zählt. Mit Werder Bremen, Bayern München und Kaiserslautern hat er viele Titel und Trophäen errungen. Bei Bremen war er 14 Jahre lang tätig, gewann zwei Meistertitel und einmal den Europacup der Cupsieger. In Bremen liebten sie ihn, dort kürten sie ihn zu «König Otto».

Im restlichen Deutschland hingegen fielen Rehhagel die Herzen nicht zu. Das hängt wohl mit seiner eher schroffen Art zusammen. Er gilt als misstrauisch und selbstherrlich. «Journalisten, die Falsches über mich verbreiten, gebe ich das nächste Interview im Jahr 2093», sagte er einmal. Rehhagel zu kritisieren käme einer «Gotteslästerung» gleich, schrieb die «Stuttgarter Zeitung». Die deutsche Journalisten halten Rehhagel für einen notorischen Besserwisser und Kauz, dessen Trainingslehre veraltet ist.

Wieder «Rehakles»?

Vielleicht mag der Coach Rehhagel einigen nicht mehr zeitgemäss erscheinen («Ich bin ein Verfechter alter Werte und stehe auf konservative Tugenden wie Fleiss, Anstand, Disziplin und Treue»), erfolgreich arbeitet er aber allemal. Mit den Griechen gewann er 2004 die EM, die grösste Überraschung in der fussballerischen Neuzeit. Die Hellenen lagen dem Deutschen zu Füssen, die Stadt Athen verlieh ihm die Ehrenbürgerschaft, als erster Ausländer überhaupt wurde er zum «Griechen des Jahres» gewählt.

«Rehakles» und seine Griechen bestreiten heute ihr erstes Spiel an dieser EM. Selbstbewusst traten sie zuletzt auf, überzeugt von der erfolgreichen Titelverteidigung. «Nichts ist unmöglich», sagt Rehhagel. Gerade die Griechen haben das vor vier Jahren bewiesen. Nicht auszudenken, was bei ihnen los wäre, gelänge Otto Rehhagel ein neuerlicher Coup wie damals in Portugal. Vielleicht würden ihn dann selbst seine Landsleute lieben. Andreas Werz