Koblet, der Pédaleur de Charme

RAD. Am Donnerstag jährt sich der Todestag von Hugo Koblet zum 50. Mal. Der Gewinner der Tour de France von 1951 wurde nur 39jährig. Er war der erste Schweizer Sportstar, kam mit dem Leben abseits der Strasse aber nicht zurecht.

Daniel Good
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Hugo Koblet war als Mensch eine äusserst gewinnende Erscheinung. Er nahm sich und das Leben nicht zu ernst. Koblet war grosszügig, aber bald nach dem Ende der glorreichen Jahre als Radrennfahrer verschuldet. In den gehobenen Kreisen der Nachkriegsjahre war er sehr beliebt. Wahrscheinlich deshalb, weil er sich nichts daraus machte. Ferdy Kübler war anders. Als General Henri Guisan Kübler 1945 das Meistertrikot überzog, war der grosse Rivale von Koblet ausser sich vor Freude.

Als Rennfahrer war Koblet eine Klasse für sich. Aber nur während zweier Jahre. Als erster Ausländer gewann der damals 25jährige Stadtzürcher 1950 den Giro d'Italia. Gegen Konkurrenten wie Fausto Coppi, Gino Bartali und Kübler. Die Schweizer hatten sich nicht nur auf der Strasse zu verteidigen. In der letzten Woche der dreiwöchigen Rundfahrt durch Italien gab es Gerüchte, Koblet solle mit allen Mitteln aus dem Sattel gehoben werden. Die Mafia stecke dahinter. Die Schweizer Teamgefährten Koblets stellten sich sogar als Vorkoster zur Verfügung, um den Chef zu schützen. Am Tag nach dem Gesamtsieg Koblets in Rom empfing Papst Pius XXII. den Champion und dessen Mutter zur Audienz.

22 Minuten Vorsprung

Ein Jahr später entschied Koblet die Tour de France mit mehr als 22 Minuten Vorsprung für sich. Er dominierte das Rennen wie je kaum ein anderer vor und nach ihm. Vom 15. Juli 1951 schwärmen die Franzosen noch heute. Auf einer flachen Etappe deklassierte Koblet die Konkurrenz. Der Schweizer fuhr als Solist an der Spitze, im Feld mussten die Captains der anderen Mannschaft gemeinsam Nachführarbeit verrichten, um Koblets Antritt zu kontern. Vergeblich. Koblet erreichte das Ziel in Agen mit grossem Vorsprung und legte den Grundstein für den bis dato letzten Gesamtsieg eines Schweizers an der Tour de France. Es war die elfte Etappe. Viele prophezeiten Koblet in den folgenden Tagen einen Einbruch, aber der Leader hielt durch. «Ich fuhr mit Volldampf voraus, ohne mir gross Gedanken zu machen, was hinten passieren könnte. Das scharfe Tempo machte mir keinerlei Mühe, und ich pedalte so leicht und mühelos wie ehedem im Felde», schrieb Koblet später im Büchlein «Mein schönster Sieg».

Die Kommentatoren der grossen Zeitungen überboten sich in Lobeshymnen. Koblet war der wohl beste Stilist aller Zeiten. Bis heute ist er deshalb als «Pédaleur de Charme» in Erinnerung. Koblets Tritt war von einer unglaublichen Leichtigkeit. Obschon er 1,87 Meter gross und 78 Kilogramm schwer war, gehörte er auch in den Bergetappen zu den besten Fahrern.

Im Jahr nach dem Sieg an der Tour de France kam Koblet zunächst nicht in Form. Er verbrachte vor der Saison einige Zeit in Acapulco beim Schweizer Bandleader Teddy Stauffer und kam übergewichtig zurück. Die Tour de Suisse 1952 stand im Zeichen des Duells zwischen Weltmeister Kübler und Tour-de-France-Sieger Koblet. Aber Koblet litt an einer Nierenbeckenentzündung. Das Rennen der Rivalen, das auch kommerziell viel versprach, drohte zu platzen. Koblets Hausarzt Dr. Eugen Rupf riet dem Fahrer zur Aufgabe. Aber der Rennarzt Dr. Gossweiler sagte: «Wir bringen ihn schon wieder auf die Beine. Ich garantiere, dass nichts passieren kann.» Koblet erhielt eine Spritze mit dem Amphetamin Akzedron. Die Injektion hatte schlimme Folgen für Koblets Karriere. Eine Aortaklappe wurde beschädigt, 20 Prozent des vom Herz gepumpten Blutes floss zurück. Koblets Leistungsfähigkeit wurde um einen Fünftel eingeschränkt. Dr. Rupf zog den Herzspezialisten Prof. Löffler bei, der sagte: «Herr Kollega, der Mann darf nicht mehr Velo fahren.» Koblet aber fuhr weiter. Er verbuchte trotz der eingeschränkten Herzleistung noch schöne Erfolge, aber weitere ganz grosse Siege blieben ihm bis ans Karrierenende 1958 versagt.

Rückkehr in den banalen Alltag

Die Rückkehr in den Alltag fiel Koblet schwer. Er war Tankstellenhalter. Obschon er viel verdient hatte, war er verschuldet. Privat stand er vor der Scheidung vom Fotomodell Sonja Bühl, die er 1954 im Zürcher Fraumünster geheiratet hatte. Zehn Jahre später fand im Fraumünster die Beerdigung von Koblet statt. Am 2. November 1964 war er mit einem Alfa Romeo zwischen Mönchaltorf und Esslingen von der Strasse abgekommen und in einen Baum geprallt. Vier Tage später starb er 39jährig. Hartnäckig halten sich seither Gerüchte, dass Koblet Selbstmord beging. Bewiesen ist nichts.