KNOCHENARBEIT: Die Macht des Besens

Im Curling ist ein gutes Händchen beim Abgeben des Steins entscheidend. Die Wirkung der Wischer wird oft unterschätzt. Auf Weltniveau wie jetzt an der EM in St. Gallen können sie den Unterschied ausmachen.

Ives Bruggmann
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Claudio Pätz (rechts) und Benoît Schwarz wischen so nahe wie möglich am Curlingstein, damit der Effekt möglichst gross ist. Soll der Stein weiter gleiten, ist viel Kraft gefragt.

Claudio Pätz (rechts) und Benoît Schwarz wischen so nahe wie möglich am Curlingstein, damit der Effekt möglichst gross ist. Soll der Stein weiter gleiten, ist viel Kraft gefragt.

Ives Bruggmann

Claudio Pätz ist mit 1,87 m und 93 kg das grösste und schwerste Mitglied der Schweizer Curlingmannschaft. Masse, die ihm beim Wischen auf dem Eisfeld entgegenkommen. Zusammen mit Valentin Tanner, der ähnlich viel wiegt, ist Pätz dafür verantwortlich, dass der Stein am exakt richtigen Ort zu liegen kommt. Denn durch starkes Wischen mit dem Curlingbesen, der unten mit einem synthetischen Polster ausgestattet ist, erwärmt sich das Eis kurzfristig. Auf dem dadurch entstandenen Wasserfilm gleitet der Stein bis zu drei Meter weiter – je nach Eisbeschaffenheit.

Nur wenn Pätz als Third, also als dritter Spieler des Teams, selber seine zwei Steine abgibt, ist er nicht mit dem Besen im Einsatz. Dann übernimmt Vizeskip Benoît Schwarz. Skip Peter De Cruz’ Künste als Wischer sind nur in Ausnahmefällen gefragt.

Am dritten Tag der Curling-EM in St. Gallen waren Pätz und Tanner als Wischer besonders fleissig. Gleich zweimal stand die Schweizer Equipe im Einsatz, insgesamt über vier Stunden. In dieser Zeit fegten die beiden Wischer 90-mal das Eis vor dem Curlingstein. Wenn man davon ausgeht, dass die beiden im Durchschnitt 20 Meter wischend zurücklegten, dann ergibt das eine Strecke von 1, 8 km. Dementsprechend geschafft ist der Zürcher im Team der Genfer jeweils nach den Spielen. «Vor allem wenn zwei Partien an einem Tag anstehen, merke ich es extrem», sagt Pätz. Zudem sei die Belastung einseitig, da er als Rechtshänder beim Wischen einen Grossteil seines Gewichts auf den linken Arm und das rechte Bein lege.

80 Prozent Technik

Für Pätz ist die Wirkung des Wischens mitentscheidend. «Natürlich ist es am wichtigsten, wie gut der Stein gespielt ist.» Auf diesem Level könnten aber Nuancen den Unterschied ausmachen. Auf 20 Prozent schätzt Pätz deshalb den Effekt des Wischens ein, während die restlichen 80 Prozent die Technik beim Abgeben des Steins ausmachen. Dabei ist der Einfluss jenes Wischers, der näher am Stein ist, deutlich höher als bei demjenigen, der weiter entfernt wischt.

Nur 400 Gramm leicht

Die körperliche Fitness ist deshalb im Curling mittlerweile ein wichtiger Faktor geworden. Pätz und Tanner tragen diesem Umstand jeweils im Sommer Rechnung, wenn sie sich sowohl die Kraft als auch die Ausdauer für den Winter erarbeiten.

Die Schweizer greifen bei den Besen auf ein kanadisches Produkt zurück, das nur knapp 400 Gramm wiegt. Der Stiel besteht aus Karbon, daran befestigt ist ein Schwenkkopf aus Stahl, an dem wiederum das synthetische Wischpolster befestigt ist. Dieses muss strikte Richtlinien des Weltcurlingverbands einhalten, damit sich kein Team durch den Besen einen Vorteil verschaffen kann. Die wichtigste Eigenschaft des Polsters ist, dass es das Wasser absorbiert und zugleich Wärme erzeugt.

Heute beeinflussen die Wischer das Spiel deutlich stärker als früher. Der Besen wird übrigens auch als Balancierhilfe bei der Steinabgabe eingesetzt. Zudem zeigt der Skip damit jeweils an, wo er sich den Stein des Teamkameraden wünscht. Nur eines können auch die besten Wischer nicht verhindern: Wenn der Stein zu lang gespielt ist, sind auch sie machtlos.