Kniend, den Kopf erhoben

Was Atombombentests des ehemaligen Präsidenten Jacques Chirac, Fussballer Alain Sutter und US-Football-Profi Colin Kaepernick gemeinsam haben.

Pedro Lenz
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Als Alain Sutter, der heutige Sportchef des FC St. Gallen, noch aktiver Fussballer war, galt er als Rebell. Am 9. Juni 1995 hielt Sutter vor einem Länderspiel in Göteborg gemeinsam mit einigen Nationalmannschaftskollegen ein Leintuch mit der Aufschrift «Stop it Chirac» in die Höhe. Bis heute erinnern sich nicht nur Fussballfans an jenen politischen Protest gegen die Atombombentests Frankreichs im Mururoa-Atoll.

Die Frage, ob Profifussballer die öffentliche Bühne für politische Aussagen nutzen dürfen, beschäftigte daraufhin die ganze Schweiz. Sutter, der bald als Rädelsführer der erwähnten Aktion ausgemacht worden war, bekam in Leserbriefen und journalistischen Kommentaren einiges zu hören. Auf einmal schienen nicht mehr die Atombombentests des französischen Präsidenten Jacques Chirac ein Problem für unseren Planeten darzustellen, sondern Alain Sutters Leintuch-Protest.

Schlimmer als Sutter erging es dem US-Football-Profi Colin Kaepernick, der im Herbst 2016 als erster Football-Spieler die Nationalhymne vor den Ligaspielen nicht stehend, sondern kniend anhörte. Sein Protest gegen Polizeigewalt an Schwarzen zerstörte seine Karriere. Auf die Knie zu gehen, während die Nationalhymne erklingt, schien ein schlimmeres Vergehen zu sein, als Afroamerikaner bei Polizeikontrollen umzubringen.

Diese Woche machten die Fussballerinnen der Schweizer Frauen-Fussballnationalmannschaft den Protest von Kaepernick zu ihrem eigenen Anliegen. Kniend protestierten sie kurz vor dem Anpfiff des Länderspiels Schweiz – Belgien gegen Gewalt und Rassismus in Sport und Gesellschaft.

Natürlich blieben auch bei diesem Protest, wie seinerzeit bei Sutter oder bei Kaepernick, die gehässigen Kommentare nicht aus. Und selbstverständlich gab es nicht wenige Leserbriefschreiber, die den Fussballerinnen alles mögliche vorwarfen. Wieder waren viele Besserwisser der Ansicht, man dürfe Fussball und Politik keinesfalls mischen. Dabei haben die Nationalspielerinnen überhaupt nichts vermischt. Sie haben einfach ihre Solidarität mit farbigen Mitspielerinnen bezeugt und klargemacht, dass sie keinen Rassismus dulden. Jede gehässige Kritik an dieser Aktion beweist nur, wie nötig sie war.