KLASSISCH: Vom Aussterben bedroht

Die Langläufer eröffnen die Saison morgen in Kuusamo in klassischer Technik. Weil im Weltcup die althergebrachte Diagonaltechnik oft umgangen wird, versucht die FIS diese mit Reglementsänderungen zu retten.

Hans Leuenberger/Kuusamo
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Der gute alte Diagonalschritt: So wie hier der Schwede Gunde Svan in Val di Fiemme 1991 wird heute immer seltener gelaufen. Die Entwicklung zu mehr Doppelstockstoss gefällt der FIS nicht. (Bild: Armando Trovati/AP)

Der gute alte Diagonalschritt: So wie hier der Schwede Gunde Svan in Val di Fiemme 1991 wird heute immer seltener gelaufen. Die Entwicklung zu mehr Doppelstockstoss gefällt der FIS nicht. (Bild: Armando Trovati/AP)

Hans Leuenberger/Kuusamo

Das Communiqué mit den Beschlüssen der Herbsttagung des Skiverbands FIS kommt auf drei A4-Seiten trocken daher. Zum Thema Langlauf steht einzig: «Die maximale Länge der Skistöcke für Rennen in klassischer Technik wird auf 83 Prozent der Grösse des Athleten festgesetzt.» Hinter diesem Entscheid verbirgt sich weit mehr als ein technisches Detail. Die Massnahme soll helfen, die klassische Technik zu erhalten und einer Methode Einhalt zu gebieten, die besonders im vergangenen Jahr immer öfters zu sehen war: In klassischen Rennen waren einige Läufer auf Skating-Ski unterwegs und schoben sich im Doppelstock-Stoss ins Ziel. Dario Cologna wurde so zum Beispiel 2014 in Davos mit Skating-Ski Dritter im Klassisch-Rennen. Solchem will die FIS nun einen Riegel schieben.

Stocklänge wird neu reglementiert

Ein Läufer, der im Diagonalschritt dahingleitet, braucht nicht längere Stöcke als neu vorgegeben. Ein Läufer hingegen, der sich mit Doppelstock-Stössen durch die gespurte Loipe schiebt, kann sich bei unlimitierter Grösse einen weiteren Vorteil verschaffen. Tests ergaben, dass insbesondere in den Anstiegen längere Hebel nochmals einen zusätzlichen Effekt bringen. Denn schon seit vielen Jahren ist bekannt, dass flach und leicht ansteigend der Doppelstock-Stoss die schnellste Fortbewegungsart im klassischen Stil ist – sofern eine kompakte Stockspur da ist. Den Wasa-Lauf in Schweden über 90 mehrheitlich flache Kilometer bewältigt die Elite schon lange mit Doppelstock-Stössen. Nachdem der Kasache Alexej Poltoranin im Januar 2015 als erster Athlet im Weltcup in einem Klassisch-Distanzrennen in der «falschen Technik» gesiegt hatte, sah sich die FIS zum Handeln gezwungen, um die ursprüng­liche Form des Langlaufens nicht verkümmern zu lassen.

Die FIS gab Gegensteuer und setzte in der vergangenen Saison das Regelwerk konsequenter durch. Bogentreten oder häufige Spurwechsel – im Prinzip reine Skating-Elemente – wurden unterbunden. «Die Situation hat sich gebessert, es wird besser durchgegriffen», sagt der Schweizer Teamchef Christian Flury. Mehr Einfluss nimmt die Wahl des Streckenprofils. Kurven nach Abfahrten, damit die Läufer nicht mit Vollgas in die Gegensteigung brausen können, oder mehrere ruppige Anstiege benachteiligen die «Skater» in Klassisch-Rennen. Das wirksamste Gegenmittel bietet aber Kuusamo an, wo heute und morgen bei den Frauen und Männern Klassisch-Rennen anstehen. «Das Ziel liegt am höchsten Punkt. Mit übersäuerten Armen stösst sich da am Schluss keiner mehr hoch», meint Flury.

Die Begrenzung der Stocklänge läutet nach Ansicht von Flury allerdings noch keine Trendwende ein. Die Entwicklung werde «höchstens gebremst», meint er. «Am Fachkongress herrschte nach wie vor eine fast depressive Stimmung nach dem Motto: Klassisch stirbt.» Die Athleten werden weiter ihren Schub aus den Armen und aus dem Rumpf verbessern, um schneller zu werden. Cologna bestätigt, dass er bei seinem dritten Rang 2014 in Davos in seinem Doppelstock-Rennen auf Skating-Ski längere Stöcke verwendet hat, als nun erlaubt sind. Er wird also etwas gebremst, allerdings wird dies nur minim der Fall sein.

«Der Gang im Radrennen ist auch nicht vorgeschrieben»

Gefragt sind weitere Einschränkungen, die Diskussion ist im Gang. In unteren Wettkampf­kategorien wird nun eine Regel getestet, nach der gewisse Abschnitte in einer vorgeschriebenen Technik bewältigt werden müssen und gewisse Techniken verboten sind. Beispielsweise ­­einen Anstieg diagonal laufen und nicht mit Doppelstock stossen. Dario Cologna kann sich mit solchen Vorschriften schwerlich anfreunden. «Wenn ich einen schlecht gewachsten Ski habe und mir im Anstieg der Kick fehlt, bin ich verloren, wenn ich nicht stossen darf», meint er. Sein ­Bruder Gianluca schiebt nach: «Einem Mountainbiker schreibt man auch nicht vor, in welchem Gang er den Anstieg zu bewältigen hat.»

Die Cologna-Brüder teilen die gedrückte Stimmung um die klassische Technik nicht. Der Ältere und Erfolgreichere sagt: «In der vergangenen Saison habe ich im Weltcup nie durchgestossen, obwohl ich es mir einige Male überlegt habe.» Und der Jüngere meint: «Kuusamo ist ein gutes Beispiel. Klassisch dort laufen, wo es vom Streckenprofil her Sinn macht.»