KLASSETEAMS: Thurgauer Exportschlager

Im Radsport ist es fast wie in der Formel 1. Bloss in einem starken Rennstall kommen die Qualitäten der Fahrer zur Geltung. Die Thurgauer Profis Stefan Küng, Michael Albasini und Stefan Hollenstein sind für Topteams gemeldet.

Daniel Good
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An der Tour de France im vergangenen Sommer knüpfte Reto Hollenstein die entscheidenden Kontakte zu seinem neuen Rennstall. (Bild: Peter Dejong/AP)

An der Tour de France im vergangenen Sommer knüpfte Reto Hollenstein die entscheidenden Kontakte zu seinem neuen Rennstall. (Bild: Peter Dejong/AP)

Daniel Good

Die Luft im Thurgau muss besonders gut sein. Die Rennvelofahrer aus dem Ostschweizer Kanton zählen zu den begehrtesten Exportartikeln. Nach Stefan Küng und Michael Albasini hat für die nächste Saison auch der Sirnacher Reto Hollenstein Unterschlupf in einem Topteam gefunden. Hollenstein fährt künftig für Katusha, die Nummer sechs im internationalen Ranking. Der aus Lanterswil stammende Albasini steht schon seit 2012 bei Orica, der Nummer fünf der Welt, unter Vertrag. Küng aus Wilen bei Wil ist der Hoffnungsträger im amerikanischen BMC-Team, das in der Weltrangliste auf Platz vier klassiert ist.

Nach dem Rücktritt von Fabian Cancellara sind Albasini und der 23-jährige Küng die beiden stärksten Schweizer Radprofis. Hollenstein hat ebenfalls grosse Qualitäten. Er ist seit Jahren einer der besten Helfer im Feld. Dieser Vorzug blieb auch Katusha nicht verborgen. Für die Schinderei im Dienst der Mannschaftskollegen erhielt der 31-Jährige nun ein Engagement in der Equipe des Zeitfahrweltmeisters Tony Martin und des Klassikerspezialisten Alexander Kristoff.

Jobbörse an der Tour de France

Hollenstein gehörte während vier Jahren zum Schweizer Team IAM, das nun aufgelöst wird. Während Wochen wusste der Familienvater nicht, wie es weitergeht. Wie ein gutes Dutzend seiner IAM-Teamgefährten stand er im Sommer auf der Strasse. «Es war eine harte Zeit», sagt er. «Ich hatte oft Mühe, mich auf den Sport zu konzentrieren.» Während der Tour de France ergaben sich aber über verschiedene Fahrer Kontakte zu Katusha. Im Herbst war der Deal besiegelt.

Die drei Thurgauer Radprofis verstehen sich gut. «Wann immer wir gemeinsam ein Rennen bestreiten, tauschen wir uns aus. Michael Albasini ist mein grosses Vorbild, weil er ein hervorragender Helfer ist, aber seine Chancen auch wahrnimmt, wenn er vom Team Freiheiten erhält», sagt Hollenstein. Er hofft, in der neuen Mannschaft auch einmal auf die eigene Rechnung fahren zu können. In der kommenden Saison hat er aber zunächst an den Klassikern im Norden dem Norweger Kristoff den Rücken frei zu halten. Gute Chancen wird Katusha auch in den Mannschaftszeitfahren haben, hat es doch viele gute Roller im Team. Zu den tempofesten Fahrern zählt auch Hollenstein. Wenn das Thurgauer Trio zu Hause ist, trainiert es oft zusammen. Die Distanz von Wilen bei Wil via Sirnach nach Lanterswil misst nur gut 20 Kilometer. «Es ist doch erstaunlich, dass drei sehr gute Velofahrer aus so einem kleinen Raum stammen», sagt Hollenstein. Dass Radsportstars im Thurgau wohnen, hat Tradition. Der 1997 verstorbene Fritz Schär, der erste Gewinner des grünen Trikots an der Tour de France, stammte aus Kaltenbach.

Der deutsche Weltmeister Martin, der wie Hollenstein auf die kommende Saison hin zu Katusha wechselt, wohnt in Mannenbach. Der gefallene Champion Jan Ullrich war bis im Spätsommer in Scherzingen ansässig. Auch Ullrichs Landsmann An­dreas Klöden, der Gesamtzweite der Tour de France 2004 und 2006, ist im Kanton heimisch geworden. Wahrscheinlich essen auch alle gerne Äpfel.