Keine Literatur ohne Geschichte

FRAUENFELD. Für «Das Kalb vor der Gotthardpost» hat Peter von Matt den Schweizer Buchpreis erhalten. Der Kunstverein Frauenfeld hat ihn eingeladen, von der Schweiz zu lesen und zu erzählen. Keiner kann das so gut wie der Innerschweizer Germanist.

Dieter Langhart
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Peter von Matt: «Wir brauchen ein Wissen um das, was war.» (Bild: Dieter Langhart)

Peter von Matt: «Wir brauchen ein Wissen um das, was war.» (Bild: Dieter Langhart)

Er sagt druckreife Sätze wie Schriftsteller müssen uns das sagen, was uns niemand sagt oder Die Kunst ist ein Ort, wo Schwieriges ausgesprochen wird: Peter von Matt, der profunde Kenner von Literatur und Geschichte der Schweiz – und nicht nur der Schweiz. So sauertöpfisch sind die Schweizer ja nicht, sagt er, oder Die Schweiz ist ja auch eine grosse Festhütte. Er meint dies ernst und zugespitzt zugleich, und sein Blick geht weit über Rudolf Kollers Bild «Das Kalb vor der Gotthardpost» hinaus, das seinem neuen Buch den Namen geliehen hat, dem Essayband, der von Matt vergangenes Jahr den Schweizer Buchpreis eingetragen hat.

«Wie eine Keller'sche Festhütte»

Daraus hat Peter von Matt auf Einladung des Kunstvereins Frauenfeld gelesen – und nicht nur gelesen. Er hat Zusammenhänge erklärt, Wissen aufgefrischt, Hintergründe offengelegt, die nicht explizit in seinen Texten stehen. Nicht in der Kantonsbibliothek las der Germanist, sondern in der Konvikthalle, denn der Kunstverein hatte mit einem Ansturm Interessierter gerechnet. Und die älteste Turnhalle der Schweiz war dicht gestuhlt – kaum Platz für die «mobile Buchhandlung Sax» (Moderator Hansrudolf Frey), die von Matts Bücher anbot; kaum Platz für den Apéro, den Josef Räschle offeriert hat; gerade noch Platz für die zwei Bouquets, mit denen das Stift Höfli das Podest schmückte.

Einfach zu engagieren gewesen sei Peter von Matt, sagte eingangs Hansrudolf Frey, ehemaliger Verlagsleiter bei Huber, in ein Etablissement, das wie eine Festhütte zu Gottfried Kellers Zeiten aussehe. (Dazu schien das schummrige Licht zu passen, das Gast und Gesprächsleiter im Dunkeln liess.)

Seelengeschichte der Schweiz

Dann hebt Peter von Matt an, beginnt, wie im TZ-Interview versprochen, mit dem ersten Satz des Essays, das zu Titel und Frontispiz seines Buches gehört: Ob das Kalb davonkommt? Auszüge aus «Die Schweiz zwischen Ursprung und Fortschritt» trägt er vor und breitet seine Überlegungen «zur Seelengeschichte einer Nation», so der Untertitel, vor den Zuhörern aus. Gebannt hängen sie an seinen Lippen – bis auf die Frage Ist der Mann von Sinnen und merkt nicht, dass die Pferde durchbrennen? von draussen ein Fasnachtsknaller antwortet. «Die Stimmung ist aufgeladen», ist von Matts schlagfertige Reaktion.

Immer wieder flicht er Randbemerkungen zu seiner Analyse des Bildes ein, die weit mehr ist als eine Bildbetrachtung. Von Matt geht von den unterschiedlichen Geschwindigkeiten aus und erkennt Parallelen zu Jacob Burckhardts Entdeckung der weltgeschichtlichen Krisen über Alfred Eschers Fortschrittsglaube bis hin zur Neuzeit: Mit Schnelligkeit ist eine akute Gefahr verbunden. Die Kuhherde, aus der Koller das Kalb vor die Kutsche rennen liess, stehe für ein aufgesprengtes Idyll. Und so schliesst Peter von Matt: Diese Verquickung von Fortschrittsglauben und Konservatismus […] ist eine Eigentümlichkeit der Schweiz im politischen wie im literarischen Leben.

Im anschliessenden Gespräch kommen Hansrudolf Frey und Peter von Matt rasch auf die Krisen zu sprechen, die laut von Matt immer auf die Schweiz durchgeschlagen hätten. Wieder druckreife Sätze wie: Wir loben die Dichter, die uns sagen, ihr seid das beste Volk – und wir sagen: Wir haben die besten Dichter.

Von Widersprüchen und Spannungen ist die Rede, von den Politikern, die mehr von Politik verstünden als die Schriftsteller, aber deshalb nicht zwingend gute Politik machten. Literatur lässt sich nicht verstehen, wenn wir die geschichtlichen Hintergründe nicht kennen, sagt von Matt und nennt die Autoren unser «Frühwarnsystem». Die Schweiz hat immer Glück gehabt oder Der Boden ist nicht so sicher, auf dem wir stehen.

Helden sind überflüssig

Und dann liest Peter von Matt weiter: wie unser Bild vom idealen Volk entstanden ist, wie die Literatur Schweizer in der Fremde beschreibt (anders als die Eingewanderten). Er streift Spitteler, Meyer, Spyri und erklärt, wie Tell Teil unseres seelischen Lebens geworden ist: Wir dürfen die historische Wahrheit nicht überschätzen; egal, ob Tell existiert hat – Hauptsache, er hat Gessler erschossen. Wir brauchten die Heldengeschichten nicht mehr, sondern Erkundigungen der «kleinen Geschichte» wie jene Susanna Schwagers. Wenn wir wissen, woher wir kommen, wissen wir auch, wohin wir gehen.