Kein Mann des Volkes mehr

Pelé wird am Freitag 75jährig. Der ehemalige Superstar des brasilianischen Fussballs ist in seiner Heimat bei weitem nicht mehr so populär wie in seiner aktiven Zeit. Das Volk begegnet dem früheren Idol mittlerweile mit kühler Distanz.

Tobias Käufer/Rio De Janeiro
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Pelé war der beste Fussballspieler der 1950er- und 1960er-Jahre. 1975 wechselte er in die USA. (Bild: ap/Bill Ingraham)

Pelé war der beste Fussballspieler der 1950er- und 1960er-Jahre. 1975 wechselte er in die USA. (Bild: ap/Bill Ingraham)

FUSSBALL. Die Worte trafen die grosse Ikone des brasilianischen Fussballs wie einen Keulenschlag: «Pelé – Verräter» stand auf den Plakaten der Protestbewegung, die vor der WM 2014 durch Brasilien schwappte. Ausgerechnet Pelé, der in dieser Woche 75 Jahre alt wird. Ausgerechnet der berühmteste Sohn des brasilianischen Fussballs, dem Urvater einer Fussballnation. Doch die Liebe zum Übervater ist abgekühlt. Pelé ist zu einem Symbol jenes Fussballs geworden, der heute eher die Menschen erschrecken lässt. Eine industrielle Maschine ohne Herz – getrieben von TV-Verträgen und Korruptionsskandalen.

Als Edson Arantes do Nascimento – wie der am 23. Oktober 1940 in Três Corações im Bundesstaat Minas Gerais geborene Pelé mit richtigen Namen heisst – vor ein paar Monaten ins Spital kam und die Ärzte sich wegen des Gesundheitszustandes des früheren Profis ernste Sorgen machten, nahm die brasilianische Öffentlichkeit zwar interessiert, aber auch seltsam distanziert Notiz von dieser Nachricht. Keine Kerzen vor dem Spital wie nach dem Skiunfall von Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher oder beim Kampf zwischen Leben und Tod des kokainsüchtigen Diego Maradona in Buenos Aires vor ein paar Jahren. Brasilien bangte, aber es verlor nicht die Fassung.

Nur noch ein Werbeträger

Pelé ist längst in andere Sphären enteilt. Er ist nicht mehr der bodenständige Clubfussballer, der seinem Heimatclub Santos fast 20 Jahre die Treue hielt, ehe er 1975 zu Cosmos New York wechselte, um seine Karriere ausklingen zu lassen. Er ist nicht mehr der wohl beste Fussballer, der Brasilien zu drei WM-Titeln führte und damit den Grundstein legte, dass das Riesenreich aus Südamerika für immer zu einem wichtigen Land wurde.

Pelé war damals das, was Lionel Messi und Cristiano Ronaldo sind: nur erfolgreicher. Es waren die goldenen 1950er- und 1960er-Jahre, als sie Pelé auf Händen trugen. Doch schon damals gehörten die Herzen der Brasilianer einem anderen Star: Garrincha, dessen Leben eine tragische Wende nahm, weil er mit all dem Ruhm und der Prominenz nie zurecht kam. Pelé war schon damals einfach eine Spur perfekter.

Heute reden die Menschen in den Bars und Kneipen in Rio de Janeiro und São Paulo mit funkelnden Augen über den viel zu früh verstorbenen Garrincha, für Pelé aber verspüren sie eine seltsame Mischung aus Respekt, Bewunderung aber auch kühler Distanz. Das liegt vor allem daran, dass Pelé inzwischen nur noch ein Werbeträger ist, der sich nicht für gesellschaftspolitische Prozesse einsetzt. Pelé ist kein Menschenrechtsaktivist, kein Kämpfer gegen die soziale Ungerechtigkeit, kein Mann des Volkes, der sich für die Gleichberechtigung der immer noch unterdrückten schwarzen Bevölkerung einsetzt, es sei denn, eine Grossbank bezahlt ihn fürstlich.

Senna und Socrates populärer

Heute nimmt Brasilien Pelé vor allem als einen Gewinner der Grossanlässe WM und Olympia wahr. Für Interviews lässt sich Pelé inzwischen teuer bezahlen, auf rund 100 Millionen Euro schätzen Experten seine Werbeeinnahmen im Vorfeld von WM 2014 und Olympia. Das trübte seinen Blick für die wahren Probleme des Landes, das inzwischen in eine politische und wirtschaftliche Krise geschlittert ist. Pelé enthält sich in diesen schwierigen Momenten stets einer deutlichen Meinung. Auch das ist ein Grund, warum ihn die Menschen unter dem Zuckerhut nicht so uneingeschränkt lieben wie den verunglückten Formel-1-Weltmeister Ayrton Senna oder Socrates, der zwar nie Weltmeister wurde, aber zu Lebzeiten auf dem Spielfeld mit kleinen Gesten seine Abneigung gegenüber der Militärdiktatur zeigte, ehe er seiner Alkoholsucht zum Opfer fiel. Überliefert ist von Pelé ein Spruch, der ihn kennzeichnet wie kein anderer: «Arm, reich, hässlich oder schön, für Gott sind alle Menschen gleich. Warum er ausgerechnet mir diese Gabe geschenkt hat, weiss ich nicht. Ich hätte in meinem Leben nur Fussball spielen können. Michelangelo hat gemalt, Beethoven Klavier gespielt und ich Fussball.»