Kaum Zeit zum Durchatmen

Acht Spieler hat der FC St. Gallen Anfang Woche zu ihren Nationalmannschaften entsendet. Das sei «ehrenhaft» für einen Fussballclub, sagt St. Gallens Trainer Joe Zinnbauer. Die Planung der Trainings werde damit aber nicht einfacher.

Ralf Streule
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Zeit für Spässe nach dem Training: Daniele Russo, Pascal Thrier und Albert Bunjaku (von links) erfüllen Fotowünsche eines Fussballfans. (Bild: Michaela Rohrer)

Zeit für Spässe nach dem Training: Daniele Russo, Pascal Thrier und Albert Bunjaku (von links) erfüllen Fotowünsche eines Fussballfans. (Bild: Michaela Rohrer)

FUSSBALL. Die Trainings des FC St. Gallen sind vor allem dann gut besucht, wenn ein wichtiges Spiel ansteht. Anders am Mittwochmorgen bei einer Übungseinheit im Gründenmoos, mitten in der Nationalmannschaftspause. Einzig ein junger Mann aus Köln steht am Spielfeldrand. Er will sich auf einer Städtereise «den Dom und den FC St. Gallen» anschauen. Ein Foto mit Trainer Joe Zinnbauer hat er vor dem Training ergattert, am Schluss geben sich einige Spieler die Ehre. Nach Gianluca Gaudino, den er hier unbedingt hätte kennenlernen wollen, hält er aber vergebens Ausschau. Der Mittelfeldspieler ist, wie sieben weitere St. Galler, mit seiner Nationalauswahl unterwegs.

Training bleibt gleich intensiv

Fast immer werden Nationalmannschaftspausen von Trainern rhetorisch ins positive Licht gerückt. Nach Siegen steigt man «mit einem guten Gefühl in die Pause», nach Misserfolgen gibt es «Zeit, sich wieder zu finden». Bei den Ostschweizern gab es zuletzt zwei Niederlagen in Folge – eine Premiere unter Trainer Joe Zinnbauer. Da die Spiele aber gegen die besten Teams der Liga verloren gingen, ist die Stimmung nicht im Keller, wie sich im Training zeigt. Fast so etwas wie Kehrausstimmung ist zu erahnen an diesem Mittwochmorgen. Das nächste Spiel steht erst in eineinhalb Wochen an. Zeit zum Zurücklehnen also?

Auf keinen Fall, sagt Zinnbauer. Inhaltlich bleibe das Training gleich, Zeit zum Durchatmen gebe es für keinen der Spieler, zumindest was das Körperliche angehe. Den mentalen Druck auf gewisse Stammspieler könne er aber durchaus «mal etwas wegnehmen». Eine Nationalmannschaftspause sei aber vor allem in organisatorischer Hinsicht eine Herausforderung. Sie mache die Koordination der Trainings nicht einfacher, da viele Spieler fehlten – mit Silvan Hefti, Martin Angha und Roy Gelmi ist derzeit zum Beispiel ein grosser Teil der Stammabwehr abwesend. Eine schwierige Aufgabe sei es auch, nach der Pause in der Mannschaft wieder eine gemeinsame Spannung aufzubauen, da die Akteure zu verschiedenen Zeitpunkten zurückkehrten. Da ist zum Beispiel Edgar Salli, der nach seinen Einsätzen mit Kamerun und der langen Reise zuletzt müde in St. Gallen angekommen sei. Dennoch seien die Spieler schnell wieder im Tritt. «Bis jetzt haben wir das immer hingekriegt.»

Zeit, um Defizite zu beheben

Ohnehin zählt Zinnbauer auch Positives auf im Zusammenhang mit der Zwangspause. Zum einen bleibe etwas mehr Zeit, sich auf Defizite einzelner Spieler zu konzentrieren. Zudem sei es «ehrenhaft für einen Fussballclub, so viele Spieler in Auswahlen zu entsenden». Dass sie gleichzeitig internationale Erfahrung sammelten, sei ein weiteres Plus. Die Entwicklung der Spieler in ihren Nationalteams beobachten die St. Galler genau. Sportchef Christian Stübi, Zinnbauer und andere Staff-Mitglieder schauen sich möglichst alle Spiele an, in Videoaufnahmen oder live. «Die Einsätze werden mit den Spielern aufgearbeitet.» Auch Erkenntnisse aus den Länderspielen seien oft viel wert. Das Gute sei, dass man bei der Analyse gleichzeitig auf «andere Füsse schauen kann», so Zinnbauer. Will heissen: Vielleicht entdecken die Scouts auch einmal einen potenziellen Spieler für den FC St. Gallen.

In der Pause dürften zudem Vertragsverhandlungen mit dem einen oder anderen Spieler voranschreiten. Details dazu gibt es von Seiten Zinnbauers aber nicht. Dass an Danjiel Aleksic immer mehr Clubs Interesse zeigten, sei ja aber schliesslich kein Geheimnis mehr.