KARRIERECHANCEN: Der Frauenfelder Segantini

Ein Ostschweizer erobert in Paris die grosse Hockey-Welt. Fabrice Herzogs Chancen auf eine NHL-Karriere sind mit seinen herrlichen Toren sprunghaft gestiegen.

Klaus Zaugg, Paris
Merken
Drucken
Teilen
Der Thurgauer Fabrice Herzog hatte an der WM in Paris schon mehrmals Grund zum Jubeln. (Bild: Petr David Josek/Keystone)

Der Thurgauer Fabrice Herzog hatte an der WM in Paris schon mehrmals Grund zum Jubeln. (Bild: Petr David Josek/Keystone)

Klaus Zaugg, Paris

In diesen Tagen erobert Fabrice Herzog aus Frauenfeld in Paris die grosse Hockey-Welt. Der 22-Jährige ist früh aus der Ostschweiz ausgezogen, um andernorts Karriere zu machen. Herzog sagt: «Zürich, Kloten oder Zug sind schnell erreichbar, und nur dort gibt es Elite-Junioren-Teams.» Vielleicht ist das ja auch gut so: Früh müssen sich die Ostschweizer in einer neuen Umgebung behaupten.

Auch Herzog hatte es noch nie leicht. Diese Saison gewährten ihm die Trainer bei den ZSC Lions keine zentrale Rolle. Meistens stürmte er in der dritten Formation neben Reto Schäppi und Ronalds Kenins. In dieser «Traktoren-Linie» war er ein verlorener Künstler unter Handwerkern. Wie wenn einer wie Giovanni ­Segantini Wände streichen sollte. Elf Tore und zwölf Assists aus 50 Spielen sind für einen Spieler mit seinem Potenzial eigentlich viel zu wenig. Es gehört zu seiner bisherigen Karriere, dass er immer wieder unterschätzt worden ist. Auch von Zugs Sportchef Reto Kläy. Zu spät erkannte er das enorme Potenzial dieses Stürmers. So wechselte Herzog im Sommer 2015 zu den ZSC Lions. Und er hat auch diese WM als offensive «Randfigur» begonnen.

Herzogs Tore sind Kunstwerke

Vielleicht hätte es der Frauenfelder leichter, wenn er ein charismatischer, fordernder, lauter Typ wäre. Aber er ist freundlich, bescheiden, leise in der Art und stark in der Tat. Aber dem jungen Familienvater – er ist verheiratet und Vater einer 15 Monate alten Tochter – käme es nicht in den Sinn, sich über seine Situation zu beklagen. Die Leistung soll zählen und sonst nichts. So wie bei dieser WM. Er hat geduldig auf seine Chance gewartet und sie genützt. Die drei Treffer waren nicht einfach Tore als Produkt von Wucht und Kraft und offensiver Gewalt. Es waren Kunst­werke in Entstehung und Vollendung. Kunstschüsse. Noch läuft sein Vertrag mit den ZSC Lions bis 2019. «Aber ich habe eine Ausstiegsklausel für die NHL.» Eine solche Klausel lässt sich heute jeder Junior in den Vertrag schreiben. Bei Herzog macht diese Klausel hingegen sehr wohl Sinn. Er hat schon einmal eine «Ehrenrunde» in Nordamerika gemacht und sich auf höchster nordamerikanischer Juniorenstufe bei den Quebec Remparts bewährt (2013/14). Die Toronto Maple Leafs haben sich im Draft von 2013 die Rechte am Nationalstürmer gesichert, und die ZSC Lions pflegen eine Zusammenarbeit mit dem kanadischen Club. Herzog sagt, die NHL sei weiterhin sein grosses Ziel – und es ist ein realistisches Ziel.

Die bisher beste NLA-Saison hatte er vor zwei Jahren mit 24 Punkten in 38 Spielen. Weil er oft neben Auston Matthews über die Aussenbahnen fegen durfte. Mit dem amerikanischen Wunderkind harmonierte er prächtig. Nie haben wir in der NLA vorher oder nachher einen besseren Herzog gesehen. Inzwischen ist Auston Matthews in Toronto ein charismatischer Star in der weltbesten Eishockeyliga. Wir sollten nicht ausschliessen, dass Herzog eines Tages neben Auston Matthews stürmen wird. Und es ist denkbar, dass er bereits im Herbst eine Einladung ins NHL-Trainingscamp bekommen wird. Die drei Tore gegen Kanada und Finnland waren beste Eigenwerbung und sind von den NHL-Generälen sehr wohl registriert worden.