Leere Zuschauerränge im Spitzenkampf zwischen Juve und Inter: Das Derby d’Italia ist vom Virus gezeichnet

Die italienische Serie A ist spannend wie schon lange nicht mehr. Doch jetzt verkommt der Spitzenkampf zwischen Juventus Turin und Inter Mailand zum Geisterspiel.

Markus Brütsch
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Wenn Juve und Inter (rechts) aufeinander treffen, geht es voll zur Sache.

Wenn Juve und Inter (rechts) aufeinander treffen, geht es voll zur Sache.

Keystone

Am Donnerstagabend hat sich Inter schon mal ein bisschen daran gewöhnen können, wie es sich so anfühlt, ohne Zuschauer zu spielen. In den Sechzehntelfinals der Europa League mussten die Mailänder wegen des Corona-Virus das Rückspiel gegen Ludogorez Rasgrad unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen. Auch für Journalisten waren die Eingänge verriegelt geblieben, die Pressekonferenzen abgesagt worden. Einzig ein paar Kameraleute hatten Zutritt und übertrugen den 2:1-Heimsieg der Italiener aus einer trostlosen Atmosphäre in die guten Stuben.

Hätte Inter das Hinspiel in Bulgarien nicht 2:0 gewonnen, wäre der Erlass durch Politik und Uefa, die Partie als Geisterspiel durchzuführen, deutlich brisanter gewesen. Ohne den zwölften Mann im Rücken hätten sich die Italiener womöglich entscheidend benachteiligt gefühlt – unverschuldet. Und anders als vor einem Jahr, als ihnen der nationale Verband zwei Heimpartien ohne Zuschauer aufbrummte, weil «Fans» Kalidou Koulibaly von Napoli mit Affenlauten eingedeckt hatten.

Keine neue Situation für Inter – und sogar ein Vorteil

So werden die Mailänder am Sonntagabend nicht vor einer gänzlich neuen Situation stehen, wenn sie in Turin in die ausgestorbene Allianz-Arena einlaufen. Es wird für sie als Gastmannschaft gar ein Vorteil sein, dass Juventus ohne die Unterstützung seiner Fans auskommen muss.

Ausgerechnet jetzt, wo die Serie A wieder einmal so spannend ist wie lange nicht, verdirbt dieses Virus vielen Tifosi die Freude am Mitfiebern. Nach acht Titelgewinnen in Folge ist Juventus von Inter viel Widerstand erwachsen. Doch mehr als das: Weil Lazio Rom eine unglaubliche Saison spielt und seit zwanzig Matches ungeschlagen ist, streiten sich gar drei Vereine um den Scudetto. Nachdem aber die Partie von Inter gegen Sampdoria am letzten Sonntag wegen des Virus abgesagt worden war, liegen die Mailänder derzeit sechs Punkte hinter den Turinern. Eine Niederlage würde für die Nerazzurri daher auch aus psychologischen Gründen zu einer Hypothek.

Nicht drin liegt eine erneute Spielabsage. Während andere Sportarten wie Volleyball oder Rugby in Norditalien, vom Piemont bis ins Friaul, auf Anordnung der Regierung ihren Betrieb ganz ruhen lassen, darf der Fussball per Dekret rollen, wenn das Stadion leer bleibt. Wegen der bevorstehenden EM ist die Liga unter Druck. Das Programm muss auf Gedeih und Verderb durchgepeitscht werden. Wenn nötig, eben ohne Fans. Sollte Inter im italienischen Cup und in der Europa League bis in den Final vorstossen, müsste das Nachholspiel gegen Sampdoria weit hinausgeschoben werden, was eine Wettbewerbsverzerrung wäre.

Hohe finanzielle Einbussen

Das Corona-Virus hat aber nicht nur auf den sportlichen Bereich Einfluss, sondern führt auch zu erheblichen finanziellen Einbussen. In Turin entgehen der Gastronomie, den Fanshops und dem Museum Einnahmen in der Höhe von 1,5 Millionen Euro. Weil Juve laut einem Bericht der «Gazzetta dello Sport» im Gegensatz zu anderen Klubs bei Geisterspielen kein Geld für nutzlos gewordene Tickets zurückgibt, bleiben die 3,2 Millionen Euro in der Kasse der Bianconeri. An der Börse allerdings hat die Juve-Aktie mehr als elf Prozent verloren, und in der Champions League nach dem 0:1 am Mittwoch in Lyon wohl noch etwas mehr.

Auch wenn Juventus und Inter übermorgen also spielen, so ist es unter diesen Umständen ein arg gebeuteltes Derby d’Italia. Geisterspiele sind auch am Fernsehen nicht attraktiv. In einer vollen Hütte aber hätte man sich auf ein Duell der Superlative freuen können. Zwischen dem kauzigen Juve-Trainer Maurizio Sarri und dem Inter-Einpeitscher Antonio Conte. Auch das Aufeinandertreffen der Torjäger Ronaldo (21 Treffer) und Romelu Lukaku (17) hätte seinen Reiz gehabt. Selbst wenn die beiden befürchten müssen, mit seinen 27 Toren sei Ciro Immobile von Lazio nicht nur auf dem Weg zum Torschützenkönig, sondern vielleicht gar zum Meistertitel.

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