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Junge Gesichter, neue Töne: Am Davos Festival gehört die Bühne dem musikalischen Nachwuchs

Am Davos Festival entwickelt Oliver Schnyder mit dem musikalischen Nachwuchs eine breite Palette an Spielformen.
Rolf App
Oliver Schnyder für einmal als Umblätterer, hier für Pianistin Yulianna Andeeva, mit der Davos Festival Camerata unter Roberto González-Monjas. (Bild: Yannick Andrea)

Oliver Schnyder für einmal als Umblätterer, hier für Pianistin Yulianna Andeeva, mit der Davos Festival Camerata unter Roberto González-Monjas. (Bild: Yannick Andrea)

Um neun Uhr trifft man sich jeden Tag. Dann werden die Arbeiten verteilt. Und Oliver Schnyder ist beschäftigt bis in den Abend hinein. An diesem Samstag wird der Aargauer Pianist und Intendant des diesjährigen Davos-Festivals uns zwei Mal auf der Bühne beim Umblättern begegnen – das erste Mal kurz vor dem Mittag beim Recital des jungen Russen Nikita Tonkogonov, das zweite Mal am Abend in der ungemein stimmungsvollen Kirche St. Johann, wo er der Pianistin des Trios Sōra beim schmerzlich-intensiven, von einer familiären Katastrophe ausgelösten Klaviertrio g-Moll von Bedrich Smetana zur Seite steht. Und dazwischen begleitet er uns im Nostalgie-Luxuszug der Rhätischen Bahn nach Filisur.

Unterwegs und am Zwischenhalt bringt das junge Zürcher Klezmer-Ensemble Cheibe Balagan lustvoll-beschwingte Töne in ein Festival ein, das mit seinem Motto «Einschnitt!» doch mehr der ernsten Seite des Lebens zuneigt. «Trennung & Tod» ist Tonkogonovs Programm überschrieben, kristallin-klar interpretiert er Beethovens «Les Adieux», Liszt´ Klavierfassung von Isoldes Liebestod und die geballten Akkorde seiner «Funérailles». Leider verstärkt die Akustik des Saals die Härten noch.

Schnyder kommt – und geht gleich wieder

Tonkogonov ist eines von vielen jungen Talenten, die in diesen Tagen in Davos zu hören sind. 1986 hat Michael Haefliger, heute Intendant des Lucerne Festivals, dieses besondere Festival für junge Künstler ins Leben gerufen. Der durch sein kommunikatives Talent bestens geeignete Oliver Schnyder hätte es für mehrere Jahre leiten sollen, ist aber schon bei der Vorbereitung dieses ersten Sommers zur Einsicht gelangt, «dass es mit den heutigen Strukturen unmöglich wäre, meinen anderen künstlerischen Verpflichtungen noch nachkommen zu können».

Das aber will er unbedingt. Zwischen 50 und 70 Konzerte gibt Schnyder jedes Jahr, und gerade eben hat er bei einem Auftritt mit seinem Trio im Engadin gespürt, «wie viel mir das bedeutet». Bewegt hat er zusammen mit seiner im jugendmusikalischen Bereich tätigen Frau Fränzi Frick dennoch einiges, für die Künstler, aber vor allem auch für ein Publikum, das dem Experimentellen in der Davoser Höhe wohlwollend gegenüber steht. Man spürt diese Offenheit schon am Freitagabend, wenn gleich zwei Mal «Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke» von Rainer Maria Rilke in Wort und Ton erzählt wird: Zuerst für Sprecher und Klavier durch Tom Tafel und Frederic Bager – eine Komposition des in Auschwitz umgekommenen Viktor Ullmann – , dann als Monooper für Alt und Orchester aus der Feder von Frank Martin mit Maria Riccarda Wesseling.

Nicht nur die reiche, zart glitzernde Musik Martins ist da zu entdecken. Es ist auch das Orchester, das ein erstes Mal mit Spielfreude und Präsenz überzeugt. Die von Roberto González-Monjas geleitete Davos Festival Camerata vereinigt jene jungen Künstler, die in der Festival-Akademie Gelegenheit bekommen, ihr Können in den unterschiedlichsten Formationen zu erproben – unterstützt von Musikern, die teils als Mentoren fungieren, teils auch nur als erfahrenere Kollegen teilnehmen. Und die auch selber auftreten wie die Pianistin Yulianna Andeeva in Mieczyslaw Weinbergs Klavierquintett, in einer Fassung für Klavier, Streicher und Schlagzeug. Oder wie die Bratschistin Dana Zemtsov, die den Solopart in Benjamin Brittens «Lachrymae» berückend schön spielt.

Das Moderne ist keineswegs Opfer

Die Programme fordern Musiker und Zuhörer gleichermassen heraus, aber ein Opfer ist es keineswegs. Denn das Unbekannte, Moderne, Ungewöhnliche geniesst zwar eindeutig Vorrang, auch wenn das Festival nächsten Samstag mit Gioachino Rossinis «Petite Messe Solennelle» und damit einem letzten Auftritt des Davoser Kammerchors zu Ende geht. Gestern Abend stand sogar eine veritable Uraufführung an: «Ein Schnitt», eine Auftragskomposition der Aargauer Komponistin Stephanie Haensler für Streichquintett. Nein, ein Opfer ist es nicht, auch nicht für Liebhaber von Beethoven, Mozart, Brahms & Co., deren Werke ja zu ihren Zeiten auch schockierend neu klangen.

Dazu sind diese modernen Klanggebilde oft zu sinnlich schön – oder wie Iannis Xenakis Musik für Schlagzeug rhythmisch so anziehend, dass man hineingezogen wird. Mit Xenakis eröffnet und schliesst der Perkussionist Fabian Ziegler am Sonntagabend ein Konzert, in dem die jungen Künstler tief im Reichtum zeitgenössischer Musik wühlen. Unüberhörbar dabei die Virtuosität und Musikalität der Pianistin Julia Kociuban, des Cellisten Christoph Croisé und des Quartetts Berlin-Tokyo. Ein guter Jahrgang also, den Oliver Schnyder da mit zur Reife gebracht hat. Und die noch Jüngeren kommen schon nach, sie haben sogar seit diesem Jahr ihr eigenes Programm. Es gibt jetzt nicht nur die «Young Artists», sondern auch noch die «Very Young Artists».

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