Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

JEFF SAIBENE: Der Graf von Bielefeld

In nur acht Wochen hat sich Jeff Saibene in Bielefeld zum gefeierten und besungenen Trainer gemacht – weil er ein biederes Team umkrempelte und vor dem Abstieg rettete. Ob er bleibt, lässt er dennoch offen.
Ralf Streule
In Bielefeld hat Jeff Saibene sein Meisterstück abgeliefert. Sein Marktwert steigt. (Bild: Imago)

In Bielefeld hat Jeff Saibene sein Meisterstück abgeliefert. Sein Marktwert steigt. (Bild: Imago)

Ralf Streule

Das Lied erklingt in der Nacht von Sonntag auf Montag. Es scheppert irgendwann nach zwei Uhr aus einem Lautsprecher in irgendeiner Bar Bielefelds. Fans, die mit Spielern von Arminia Bielefeld den Ligaerhalt feiern, singen aus voller Kehle mit. «Oh Pardon, sind Sie der Graf von Luxemburg?» – ein alter deutscher Schlager, den der Luxemburger Jeff Saibene bis dahin nicht kannte. Ein Schlager aber, der zu seinen Ehren gespielt wird. Saibene ist perplex und gerührt, ähnlich wie vielleicht damals 2013, als er mit dem FC St.Gallen Spartak Moskau besiegte und danach an der Pressekonferenz von den russischen Journalisten eine Standing Ovation erhielt. Eine Wahnsinnszeit habe er hinter sich in Bielefeld, sagt ein müder Saibene am Tag nach dem bewerkstelligten Ligaerhalt am Telefon. «Ich habe nie so viele Leute vor Freude weinen sehen.» Eine ganze Stadt habe um den Verbleib ihrer Mannschaft in der 2. Bundesliga gezittert. «In der dritten Liga wäre es finanziell schwierig geworden für den Club», sagt Saibene. Arminia ist verschuldet, da vor Jahren ein Tribünenbau rund zehn Millionen Euro teurer wurde als geplant. Der Ligaerhalt entspannt die Situation. Und Zweifel bestehen im Clubumfeld nicht: Saibene ist der Hauptverantwortliche für die Rettung.

Neun Spiele und nur eine Niederlage unter Saibene

Der seidene Faden, an dem der Traditionsclub noch hing im März, wurde unter Saibene innerhalb der zweieinhalb Monate zu einem stattlichen Seil – am Ende hielt es. Zehn Runden vor Schluss lag Bielefeld am Tabellenende. In der Endabrechnung steht es nun auf Platz 15, einen Punkt vor dem Barrage-Platz. Das 1:1 am Sonntag in Dresden hätte es nicht einmal mehr gebraucht, da 1860 München seine Partie in Heidenheim verlor.

Und Saibene, deutlich hörbar noch von den Emotionen angetrieben, schwärmt selber vor: Das fünftbeste Team der Liga war die Arminia seit dem Trainerwechsel. In neun Spielen gab es unter dem 48-Jährigen gerade noch eine Niederlage – gegen den Aufsteiger VfB Stuttgart.

Diese Woche wird Saibene erstmals seit seinem Amtsantritt wieder in die Schweiz reisen zu seiner Familie im Aargauischen. Bei seiner Frau und seinen Söhnen, die ihn in Bielefeld mehrmals besucht hatten, will er zunächst die Dinge setzen lassen und einordnen, «den Druck der Extremsituation vorbeigehen lassen» – nach acht Wochen Hotelaufenthalt. Saibene war vorerst nur bis Saisonende angestellt. Dass er von den Verantwortlichen in Bielefeld einen neuen Vertrag vorgesetzt bekommt, ist aber sicher. Und auch Saibene sagt, dass es ihm in der Fussballstadt mit gut 300000 Einwohnern in Nordrhein-Westfalen bestens gefällt. «Alles hat gepasst. Das Vertrauen, das der Club mir entgegenbrachte, war von Anfang an riesig.» Saibene spricht auch von der grossen Energie in der 2. Liga, vom «phänomenalen Erlebnis», in Dresden vor 30000 Zuschauern anzutreten und sich emotional wie an einem WM-Final zu fühlen – obschon es für die Ostdeutschen um nichts mehr ging. «Das Rundherum ist der Hauptunterschied zur Super League, nicht unbedingt das Niveau.» Trotz all der schwärmerisch erzählten Erlebnisse: Noch will Saibene in der Schweiz zur Ruhe kommen, bevor er sich für eine allfällige Vertragsverlängerung entscheidet. Wer weiss, vielleicht nutzt er auch die Gunst der Stunde, die ihn zum gefeierten Trainer macht, um noch weitere mögliche Adressen zu prüfen. In Bielefeld hat er sein Meisterstück abgeliefert, sein Marktwert steigt. Obschon er sagt: «In Bielefeld passt’s.»

Hektische Trainings zu Beginn von Saibenes Einsatz

Doch was war es, das Saibene mit der Mannschaft angestellt hat? Einer Mannschaft, die im Umfeld als untrainierbar und als bieder beschrieben wurde und welcher der Ligaerhalt nicht mehr zugetraut worden war? Saibene spricht von einer Hektik im Training, die ihm bei seiner Ankunft aufgefallen sei. Das ruhige, präzise Spiel sei fast allen Akteuren abhanden gekommen. «Der Wille war aber da.»

Saibene brachte das ruhige, aber mutige Spiel zurück – und traf taktisch überraschende Entscheidungen. Fabian Klos, zuvor einer der treffsichersten Bielefelder, liess er nur noch als Joker auflaufen, weil er «nicht ins System passte». «Wäre es nicht aufgegangen, hätte man mir das sicher angekreidet.» Aber eben: Bielefeld und Saibene, das ist aufgegangen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.