«Jeder Sportler erhält seinen Tag»

Am letzten Tag der Leichtathletik-EM in Amsterdam setzen Tadesse Abraham im Halbmarathon und Lea Sprunger über 400 m Hürden die Glanzlichter. Mit insgesamt fünf Medaillen holt der Schweizer Verband so viele wie noch nie.

Raya Badraun/Amsterdam
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Der Langstreckenläufer Tadesse Abraham holt trotz eines Umwegs Doppelgold für die Schweiz. (Bild: ap/Geert Vanden Wijngaert)

Der Langstreckenläufer Tadesse Abraham holt trotz eines Umwegs Doppelgold für die Schweiz. (Bild: ap/Geert Vanden Wijngaert)

LEICHTATHLETIK. Kurz vor Schluss gab es noch einen Schreckensmoment. Tadesse Abraham schwenkte schon die Schweizer Fahne, als er von einem Helfer in die falsche Richtung geleitet wurde. Statt geradeaus ins Ziel, bog er wie die Töfffahrer links ab. Erst nach wenigen Schritten bemerkte er seinen Fehler und kehrte um. Der Sieg im Halbmarathon war dadurch zwar nicht gefährdet. In der Teamwertung, bei der die besten drei Zeiten zählen, ging es für die Schweizer jedoch um jede Sekunde. Abraham versuchte deshalb, die verlorene Zeit noch aufzuholen – mit Erfolg. Am Ende gewannen die Schweizer mit lediglich zwei Sekunden Vorsprung Gold vor den Spaniern und den Italienern.

Deutlicher hingegen war das Ergebnis in der Einzelwertung. Das Ziel erreichte Abraham 24 Sekunden vor Kaan Kigen Özbilen. Nachdem er die ersten 15 Kilometer hinter dem Türken absolviert hatte, übernahm der gebürtige Eritreer die Führung. «Ich habe gemerkt, dass er müde wurde», sagt Abraham. Deshalb startete er zum Angriff und baute seine Führung kontinuierlich aus. Der 33jährige Abraham ist damit der sechste Schweizer, der an einer EM Gold gewinnt. «Jeder Sportler erhält seinen Tag. Ich hatte ihn heute», sagte er. Vor zwei Jahren in Zürich startete er im Marathon zwar ebenfalls als einer der Favoriten, damals wurde er jedoch nur Neunter. Die grosse Enttäuschung hat er mittlerweile hinter sich gelassen. «Aus Zürich nahm ich vor allem die gute Energie mit», sagt Abraham. Er war nicht der einzige.

In die Nähe des Podests gerückt

Vor der Heim-EM 2014 initiierte der Schweizer Leichtathletikverband das Projekt «Swiss Starters». Ein wichtiger Teil davon bildete die Karriereplanung. Manche reduzierten in der Folge das Arbeitspensum oder verlängerten das Studium. Dadurch kehrte eine Kultur des Leistungssports zurück in die Leichtathletik. Unter dem Erfolgsdruck konnten im Letzigrund jedoch nicht alle Athleten überzeugen. So holte die Schweiz vor Heimpublikum «nur» die Goldmedaille von Kariem Hussein über 400 m Hürden. Diese war aber besonders wichtig. Durch sie rückte das Podest plötzlich in Reichweite der Athleten. «Dass ein Schweizer so weit kommen kann, motiviert mich extrem», sagt der Hürdensprinter Brahian Peña, der in Amsterdam das erste Mal an einer EM der Aktiven startete. «Das Ziel der Athleten ist nicht mehr, dabei zu sein. Sie wollen in den Final kommen und eine Medaille holen», sagt Christoph Seiler, Präsident von Swiss Athletics. In Amsterdam haben das die Sportler gleich reihenweise geschafft. Obwohl mit der Hürdensprinterin Noemi Zbären und der Stabhochspringerin Nicole Büchler zwei Medaillenanwärterinnen fehlten, holte die Schweiz insgesamt 13 Plazierungen unter den ersten acht. Das Verbandsziel von drei Medaillen war bereits gestern morgen nach dem Halbmarathon übertroffen worden. Damit stellten die Schweizer Leichtathleten eine Bestmarke auf. Bisher war die EM 1969 mit einem ganzen Medaillensatz der erfolgreichste Grossanlass aus Schweizer Sicht. Nun bedeuten fünf Medaillen die Bestmarke. Denn die Zugabe folgte gestern abend zum Abschluss der kontinentalen Titelkämpfe in Amsterdam.

Schlusssprint zu Bronze

Auf den ersten Metern sah es nicht danach aus, als würde die Schweiz eine weitere Medaille holen. Léa Sprunger startete im Final über 400 m Hürden verhalten. Aufgrund des Windes hatte sie Mühe, den Rhythmus zu finden. Als sie schliesslich auf die Zielgerade einbog, sah sie den Rückstand auf die Konkurrenz. «Ich war nicht dort, wo ich sein wollte», sagt sie. Also zog sie das Tempo an und holte auf den letzten Metern noch die Italienerin Ayomide Folorunso ein. Damit wurde sie hinter der Dänin Sara Slott Petersen und der Polin Joanna Linkiewicz Dritte. «In diesem Moment war ich froh über meine Vergangenheit», sagt Sprunger und lacht. Es ist noch nicht lange her, da war die 26jährige Waadtländerin Sprinterin und gehörte der Frauenstaffel an, die einen Rekord nach dem anderen aufstellte. Vor zwei Jahren wechselte sie schliesslich die Disziplin. Zu den routinierten Läuferinnen gehört sie deshalb noch nicht. Erst zwölf Läufe über 400 m Hürden hat sie bisher absolviert. Die Medaille macht deshalb auch Hoffnung, dass es nicht bei diesem einen erfolgreichen Tag bleibt.

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