«Jeder Fahrer ist ein Held»

Radrennfahrer Reto Hollenstein: Seit Sonntag weiss ich, weshalb alle Radprofis mindestens einmal während ihrer Karriere die Tour de France bestreiten und auf der Champs-Elysées ankommen wollen.

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Radrennfahrer Reto Hollenstein: Seit Sonntag weiss ich, weshalb alle Radprofis mindestens einmal während ihrer Karriere die Tour de France bestreiten und auf der Champs-Elysées ankommen wollen. In Paris ist jeder Fahrer ein Held der Landstrasse, wird unabhängig des Rangs vom Publikum wie ein Sieger gefeiert. Die Kulisse mit dem Triumphbogen ist einzigartig.

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Nach dem Ausstieg aus der Tour habe ich mich schwer damit getan, nicht mehr dabei zu sein. Doch irgendwann gilt es, sich damit abzufinden. In Paris wäre ich jedoch schon gerne mitgefahren. Dafür konnte ich nun andere Eindrücke sammeln, weil ich auf der letzten Etappe beim Schweizer Fernsehen als Interviewgast eingeladen war, und die Zielankunft damit aus einer Position verfolgen durfte, die sonst nicht möglich gewesen wäre. Es soll für mich nicht die erste und letzte Tour gewesen sein. Nächstes Jahr möchte ich noch besser vorbereitet wieder dabei sein.

Körperlich habe ich den Sturz und die Lungenverletzung in der ersten Pyrenäenetappe den Umständen entsprechend gut überstanden. Letzte medizinische Checks haben ergeben, dass die Lunge wieder funktioniert, das Risiko für einen Flug jedoch zu gross wäre. Deshalb reise ich am Montagabend mit meiner österreichischen Freundin zusammen im Nachtzug von Paris via Zürich nach Wien. Ab Dienstag werde ich mich dort erholen.

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Emotional dürfte es einige Zeit dauern, bis all die Erlebnisse während der letzten drei Wochen verarbeitet sind. Sei es die kräfteraubende Startphase mit den Millionen von Zuschauern in England, die Etappen durch die Vogesen und Alpen oder die sechs Stunden mit nur einem voll funktionsfähigen Lungenflügel. Mir wird erst jetzt richtig bewusst, welchen Risiken wir Fahrer uns bei den Passagen durch die Dörfer aussetzen. Ein falscher Schritt eines Zuschauers, ein Manöver eines Kollegen, ein Defekt oder Ausrutscher in einer Abfahrt oder ein Schlagloch können verheerende Folgen haben. So gesehen ist es erstaunlich, dass nicht mehr passiert.

Die Rundfahrt wird als Tour der Leiden bezeichnet. An einem Eintagesrennen oder einer anderen Tour würden die Fahrer nach Stürzen oder gesundheitlichen Beschwerden nicht an den Start gehen oder unterwegs vom Rad steigen. Bei der Tour de France ist es anders. Der Wille versetzt Berge. «Ich will nach Paris» habe ich mir speziell in der ersten Woche wegen der Erkältung oft sagen müssen. «Vor Kontrollschluss mit dem Gruppetto ins Ziel», lautete die Devise.

Um den Anschluss kämpfen nicht nur Helfer, sondern auch Weltklassefahrer. Einmal handelte es sich um eine vielleicht 50köpfige Gruppe. Auch Michael Albasini und sämtliche Sprinter waren dabei. Unter den abgehängten Fahrern ist jeder gleich, die Sportgruppe spielt keine Rolle, es herrscht untereinander eine besondere Stimmung. Der Giro oder die Spanien-Rundfahrt stellen ebenso hohe Anforderungen an die Fahrer, doch sie werden nie den Mythos der Tour erreichen.

Aufgezeichnet: Urs Huwyler

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