Japan steht für den Fortschritt

Der überraschende Triumph Japans an der WM in Deutschland zeigt, dass sich der Frauenfussball in den vergangenen Jahren weiterentwickelt hat. Es ist aber zu bezweifeln, dass das öffentliche Interesse in dieser Form erhalten bleibt.

Markus Zahnd
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Japans Homare Sawa stemmt den WM-Pokal in die Höhe, die Teamkolleginnen feiern mit. (Bild: ky/Thomas Lohnes)

Japans Homare Sawa stemmt den WM-Pokal in die Höhe, die Teamkolleginnen feiern mit. (Bild: ky/Thomas Lohnes)

Fussball. Homare Sawa wusste am späten Sonntagabend vor fast 50 000 Zuschauern in Frankfurt gar nicht, wie ihr geschah. Der Stadionsprecher rief ein ums andere Mal ihren Namen ins Mikrophon. Die Japanerin durfte zuerst den Fairplay-Pokal, dann die Auszeichnung als beste Torschützin und als beste Spielerin des Turniers entgegennehmen. Als Krönung konnte sie inmitten ihrer Teamkolleginnen die Trophäe für den Gewinn des WM-Titels in die Höhe stemmen.

Mit dem Triumph der Japanerinnen hatte vor der Frauen-WM in Deutschland niemand gerechnet. In der Weltrangliste der Fifa belegt Japan zwar den vierten Rang, doch der Abstand zu den führenden Nationen USA, Deutschland und Brasilien schien zu gross. Auch das bisherige Abschneiden sprach nicht für die Japanerinnen: Einmal nur hatten sie es in den Viertelfinal geschafft, bei den anderen drei WM-Auftritten scheiterten sie bereits in der Vorrunde.

Bessere Qualität im Spiel

Der Finalsieg kam zwar etwas glücklich zustande, die favorisierten Amerikanerinnen dominierten das Spiel und vergaben beste Chancen. Dennoch ist der Titelgewinn Japans der Beweis dafür, dass sich der Frauenfussball in den vergangenen Jahren weiterentwickelt hat, die Qualität des Spiels besser und die Breite an der Spitze dichter geworden ist. Die Japanerinnen besiegten sowohl Deutschland als auch die USA zum erstenmal überhaupt. Und selbst früh gescheiterte Nationen wie Nordkorea, das vor allem durch positive Dopingkontrollen auffiel, oder Äquatorial-Guinea kassierten keine Kanterniederlagen mehr wie noch vor vier Jahren. Nicht zuletzt auch deshalb fanden sämtliche Nationaltrainerinnen und Nationaltrainer nur lobende Worte für das Turnier.

Obwohl es aus sportlicher Sicht die beste der bisher sechs Weltmeisterschaften war, gibt es einige Kritikpunkte. So konnten die Schiedsrichterinnen – die Fifa setzt seit 1999 nur noch Frauen ein – mit der Entwicklung des Spiels nicht mithalten. Es war keine Werbung für den Frauenfussball, wie viele Fehlentscheide den Unparteiischen unterliefen. Hier muss die Fifa einen Weg finden, die Qualität zu steigern.

Normalerweise kaum Zuschauer

Letztlich steht aber auch die Frage im Raum, wie viel des medialen und öffentlichen Interesses über die WM hinaus erhalten bleibt. Steffi Jones, die OK-Präsidentin des Turniers, darf stolz darauf sein, dass 782 000 der 900 000 Tickets verkauft wurden. Den Final verfolgten in der ARD 15,34 Millionen Zuschauer. Ob der Frauenfussball die Massen auch in Zukunft derart begeistern wird, ist allerdings zu bezweifeln. Selbst in der deutschen Bundesliga – gemeinhin als beste Liga der Welt angesehen – besuchen normalerweise kaum mehr als ein paar wenige hundert Menschen die Partien. Und auch im Fernsehen werden keine Ligaspiele gezeigt. Daher bleibt die Frage, ob die WM in der Öffentlichkeit nicht zu sehr als Event inszeniert und den Menschen ein Produkt verkauft wurde, was es eigentlich gar nicht ist. Denn letztlich bleibt Frauenfussball eine Randsportart, was mit einem Blick auf die Anzahl Lizenzierten auf der ganzen Welt zu belegen ist.

Den Japanerinnen um ihre 32jährige Regisseurin Sawa dürften diese Fragen zumindest im Moment gleichgültig sein. Sie feierten ihren überraschenden Titelgewinn eine Nacht lang ausgiebig und reisten gestern in ihre Heimat zurück. Im Gepäck der Pokal, der dem ganzen Land Vertrauen in die eigene Stärke zurückgeben soll. Denn Sawa fand in der Stunde des Triumphes nach der ersten Verwirrung die Worte doch schnell wieder: «Nach dem Erdbeben hatte Japan keine leichte Zeit. Ich hoffe, dass wir den japanischen Menschen zu Hause Kraft und Mut geben können.»