«Ist wirklich alles schon vorbei?» Wird es Roger Federers letzte Saison? Und weitere Fragen an die Tennis-Götter

Neues Jahr, neues Glück, neue Verheissungen, neue Dramen – was im Leben gilt, gilt auch auf dem Tennisplatz. Mit den Australian Open steht der erste Höhepunkt auf dem Programm. Wir wagen einen Blick in die Glaskugel, stellen die wichtigsten Fragen und suchen Antworten.

Simon Häring, Melbourne
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Seinen letzten Grand-Slam-Sieg feierte Roger Federer 2018 in Melbourne.

Seinen letzten Grand-Slam-Sieg feierte Roger Federer 2018 in Melbourne.

Bild: Keystone

Wird es Roger Federers letzte Saison?

Er wird im August zwar bereits 39 Jahre alt, so offen wie jüngst hat Roger Federer über sein Karriereende aber noch nie geredet. «Jetzt sitze ich hier und frage mich: Ist das wirklich alles schon vorbei? Wenn ja, dann ging das wirklich sehr schnell», sagte er im Dezember im Gespräch mit Schweizer Medien. Federer verdrängt den Gedanken nicht, sondern bezeichnet ihn als «Teil des ganzen Prozesses und meines derzeitigen Lebens. Er ist sehr real, der Rücktritt.» Es wecke in ihm auch Gefühle der Dankbarkeit für das, was er habe erleben dürfen. Und er lerne dadurch auch, mit seinen Ängsten umzugehen. Aus dem nahenden Ende schöpfe er aber auch Motivation. «Ich frage mich, wie ich mich neu erfinden kann, um noch länger dabei sein zu können.» Dabei ist er sicher bei den vier Grand-Slam-Turnieren, also auch in Roland Garros, und im August in Tokyo zum fünften Mal bei Olympischen Spielen. Im Frühjahr 2021 wird sein neues Heim in Rapperswil-Jona bezugsbereit, und auch die Zwillingsbuben Leo und Lenny erreichen das schulpflichtige Alter. Es spricht also tatsächlich vieles dafür, dass Roger Federer seine Karriere Ende 2020 beendet.

Prognose: Bleibt Roger Federer gesund, gehört er auch 2020 zu den Weltbesten. Und wird seine Karriere auch darüber hinaus fortsetzen.

Gewinnt Roger Federer 2020 ein grosses Turnier?

Warum nicht? In Wimbledon fehlte Roger Federer nur ein Punkt zum Titel, in Paris erreichte er die Halbfinals, bei den US Open die Viertelfinals und bei den Australian Open die Achtelfinals. Gewinnt er drei, vier Turniere, wäre das eine gute Saison. Gewinnt er fünf oder mehr, wäre das sehr gut. Kommt ein 21. Grand-Slam-Titel dazu, wäre das sogar überragend. Die Chancen sind intakt. Doch die nackten Zahlen verlieren an Bedeutung. Zahlenreihen verblassen, Rekorde stehen in Büchern, die irgendwann Staub ansetzen. Erinnerungen aber bleiben länger im Gedächtnis. Wie Federer 2003 nach seinem ersten Wimbledon-Sieg, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, in die Knie geht. Wie er 2009 im Pariser Nieselregen zum ersten Mal die Coupe des Mousquetaires in Empfang nimmt. Und wie er 2019, über zwei Jahrzehnte nach seinem ersten Spiel in der St. Jakobs-Halle, zum zehnten in seiner Heimat Basel gewinnt. Und ihn das noch immer zu Tränen rührt. Dass Federer noch spielt, macht das Jahr 2020 – unabhängig von Resultaten – zu einem Traumjahr.

Prognose: Roger Federer gewinnt 6 Turniere, darunter ein Grand-Slam-Turnier. Er stellt damit Jimmy Connors' Marke von 109 Titeln ein.

Meiste Turniersiege bei den Männern

1. Jimmy Connors (USA) 109
2. Roger Federer (Schweiz) 103
3. Ivan Lendl (CSK/USA) 94
4. Rafael Nadal (Spanien) 84
5. John McEnroe (USA) 77
6. Novak Djokovic (Serbien) 76
7. Pete Sampras (USA) 74
7. Björn Borg (Schweden) 74
9. Guillermo Vilas (Argentinien)  62
10. Andre Agassi (USA) 60

Bricht Rafael Nadal Federers Grand-Slam-Rekord?

Rafael Nadal ist Roger Federer dicht auf den Fersen.

Rafael Nadal ist Roger Federer dicht auf den Fersen.

Bild: Keystone

Noch im letzten Frühling gingen die Selbstzweifel des Rafael Nadal so weit, dass er sich erstmals die Sinnfrage stellte. Weder in Monte Carlo noch in Barcelona noch in Madrid hatte er auf Sand, seiner bevorzugten Unterlage, den Final erreicht. Das provozierte die berechtigte Frage nach seiner Unantastbarkeit. Nadal wirkte ausgelaugt, ihm mangelte es an Energie, Intensität und Willen – und damit eigentlich an allem, was ihn auf dem Tennis-Platz ausgemacht hatte. Dann gelang Nadal das, was ihm in seiner Karriere so oft gelang – er stiegt wie Phönix aus der Asche: Siege in Rom, Roland Garros, Montreal und bei den US Open. Nun hält der Spanier bei 19 Grand-Slam-Titeln, erstmals in Schlagdistanz zu Federer, der bei 20 Titeln steht. Seit 2005 hat Nadal nur in zwei Jahren (2015 und 2016) nicht mindestens ein Grand-Slam-Turnier gewonnen. Es spricht also alles dafür, dass Rafael Nadal auch im neuen Jahrzehnt Grand-Slam-Titelgewinnt.

Prognose: Rafael Nadal triumphiert zwar in Roland Garros. Weil Federer aber ebenfalls ein Major-Turnier gewinnt, zieht Nadal höchstens gleich.

Grand-Slam-Titel-Rennen nach Alter

Dominieren Nadal, Djokovic und Federer weiter?

Seit 2005 haben Rafael Nadal (19), Roger Federer (16) und Novak Djokovic (16) 51 von 60 Gran-Slam-Turnieren gewonnen. Auch in den letzten drei teilten der Spanier, der Schweizer und der Serbe die wichtigsten Pokale untereinander auf – 5 Mal siegte Nadal, 4 Mal Djokovic, 3 Mal Federer. An ihnen gibt es kaum ein Vorbeikommen. Eine Revolution wird auch in diesem Jahr ausbleiben, doch die Evolution geht weiter. Denn es gibt durchaus Anzeichen für einen schleichenden Ablösungsprozess. Bei den neun Masters-1000-Turnieren gab es sechs verschiedene Sieger. Einzig Nadal, Djokovic und Daniil Medwedew gewannen zwei Turniere dieser Kategorie. Der Russe erreichte im September auch den Final der US Open. Beim Final der acht Jahresbesten gab es mit Daniil Medwedew, Stefanos Tsitsipas und dem Italiener Matteo Berrettini drei Debütanten. Es triumphierte der 22-jährige Tsitsipas, der im letzten Jahr das Kunststück vollbrachte, Federer (in Melbourne), Nadal (auf Sand) und Djokovic zu bezwingen.

Prognose: 2020 feiert erstmals seit den US Open 2014 (Marin Cilic) ein neuer Spieler seinen ersten Sieg bei einen Grand-Slam-Turnier.

Wer sind die Herausforderer für Nadal, Djokovic und Federer?

Noch halten sich Nadal, Djokovic und Federer an der Spitze, doch ein Ende ihrer Dominanz ist schon deshalb absehbar, weil auch sie die Zeit nicht anhalten können. Federer ist 38, Nadal wird 34, Djokovic 33. Sie haben die Träume einer ganzen Generation zerplatzen lassen – Grigor Dimitrov, Milos Raonic und Kei Nishikori machten zwar passable Karrieren, blieben jedoch ohne Grand-Slam-Titel. Abgelöst wurden sie inzwischen vom Griechen Stefanos Tsitsipas, dem Italiener Matteo Berrettini und dem Russen Daniil Medwedew. Sie alle erreichten im Vorjahr den Final der acht Jahresbesten. Besonders erstaunlich ist die Entwicklung Medwedews. In der zweiten Jahreshälfte gewann er in Cincinnati, St. Petersburg und Schanghai, und erreichte in Washington, Montreal und bei den US Open den Final, in dem er gegen Nadal einen 0:2-Rückstand wettmachte und den Spanier danach in grösste Probleme brachte. Dahinter ist auch mit den Kanadiern Denis Shapovalov (20) und Félix Auger-Aliassime (19) sowie dem Russen Andrey Rublew (22) zu rechnen. Überfällig wäre ein Grand-Slam-Titel für den Österreicher Dominic Thiem (26). Ausser Form, aber immer noch erst 22 ist der Deutsche Alexander Zverev.

Prognose: Denis Shapovalov und Andrey Rublew werden die Aufsteiger des Jahres. Alexander Zverev erlebt erneut eine schwierige Saison.

Welche Rolle spielt Stan Wawrinka?

Roland Garros 2019 bedeutete die Rückkehr des Leidensmanns Stan Wawrinka.

Roland Garros 2019 bedeutete die Rückkehr des Leidensmanns Stan Wawrinka.

Bild: Keystone

Dass er zwei Jahre nach seinen zwei operativen Behandlungen am linken Knie zur Behebung eines Knorpelschadens wieder auf hohem Niveau Tennis spielen kann, bezeichnet sogar sein Arzt als «kleines Wunder». Das erste Jahr nach der Verletzung beendete Wawrinka, der bis auf Rang 263 zurückgefallen war, im 66. Rang der Weltrangliste, nun gehört er bereits wieder zu den besten 15. Zwar blieb ihm ein Turniersieg verwehrt, doch sowohl bei den French Open (Niederlage gegen Federer) als auch bei den US Open, wo er Novak Djokovic bis zu dessen Aufgabe Mitte des dritten Satzes dominiert hatte, erreichte er die Viertelfinals. Tendenz? Weiter steigend! «Ich habe noch Potenzial in mir, viel sogar. Sowohl physisch wie mental», sagt der Romand, der im März seinen 35. Geburtstag feiert. Entsprechend selbstbewusst formuliert der 3-fache Grand-Slam-Sieger sein Ziel, sich für den Jahresfinal der acht Jahresbesten zu qualifizieren. Von 2013 bis 2016 war Wawrinka immer dabei, auch 2017 hätte er sich qualifiziert, obschon er die Saison bereits im August abbrach.

Prognose: Bleibt er gesund, gewinnt Stan Wawrinka erstmals seit Mai 2017 in Genf ein Turnier. Zudem erreicht er einen Grand-Slam-Viertelfinal.

Gewinnt Belinda Bencic ihr erstes Grand-Slam-Turnier?

2019 war das Jahr, in dem Belinda Bencic zwei Titel gewann und bei den US Open erstmals bei einem Grand-Slam-Turnier die Halbfinals erreichte.

2019 war das Jahr, in dem Belinda Bencic zwei Titel gewann und bei den US Open erstmals bei einem Grand-Slam-Turnier die Halbfinals erreichte.

Bild: Keystone

2019 gewann Belinda Bencic die Turniere in Dubai und Moskau, stand bei den US Open, wo sie der späteren Siegerin Bianca Andreescu unterlag, erstmals in den Halbfinals eines Grand-Slam-Turniers, erreichte beim Final der acht Jahresbesten die Halbfinals und beendete die Saison als Nummer 8 der Weltrangliste erstmals in den Top Ten. Besonders bemerkenswert: Bencic gewann im abgelaufenen Jahr alle drei Duelle gegen die damals aktuelle Nummer 1 der Welt, Naomi Osaka. Ihre eindrückliche Bilanz gegen Spielerinnen aus den Top 10: 11:8. Seit Herbst 2018 ist Bencic wieder mit ihrem Vater Ivan als Trainer unterwegs. Und seither zeigt die Formkurve nach oben. Unter Fitnesstrainer und Freund, Martin Hromkovic, hat sich Bencic zu einer der besten Athletinnen im Frauen-Tennis entwickelt. Auf schnellen Belägen gehört die Ostschweizerin bei jedem Turnier zu den Anwärterinnen auf den Sieg. Also auch bei den Australian Open, in Wimbledon und den US Open. Eher weniger hingegen auf Sand.

Prognose: Belinda Bencic gewinnt als vierte Schweizerin nach Martina Hingis, Roger Federer und Stan Wawrinka ein Grand-Slam-Turnier.

Wer dominiert bei den Frauen?

In den letzten vier Jahren brachten die vier Grand-Slam-Turniere zehn verschiedene Siegerinnen hervor, keine davon gewann innerhalb eines Kalenderjahres mehr als eines davon. Die Leistungsdichte bei den Frauen lässt kaum eine Prognose zu. Nicht weniger als 15 (!) aktive Spielerinnen haben in ihrer Karriere schon einmal ein Grand-Slam-Turnier gewonnen. Mit Simona Halep, Naomi Osaka und Ashleigh Barty wechselten sich im letzten Jahr drei Frauen an der Spitze der Weltrangliste ab. Zwei Wochen nach ihrem Sieg in Roland Garros, am 24. Juni, übernahm die Australierin Barty die Spitze und führt diese seither mit kurzen Unterbrüchen an. Aufsteigerin des Jahres war aber die Kanadierin Bianca Andreescu. 19-jährig triumphierte sie bei den US Open und verlor 2019 nur 7 Spiele, war aber auch oft verletzt. Im Final bezwang Andreescu Serena Williams, die in der Weltrangliste nur auf Rang 10 liegt. Noch weiter hinten klassiert sind Angelique Kerber (WTA 18), die seit 2016 drei Grand-Slam-Titel und damit die meisten bei den Frauen gewonnen hat, und die Amerikanerin Sloane Stephens (WTA 24), die US-Open-Siegerin von 2017. Nicht einmal in die Setzliste schafft es die Spanierin Garbine Muguruza (WTA 35), ihres Zeichens French-Open-Siegerin 2016 und Wimbledon-Siegerin 2017.

Prognose: Auch 2020 bleibt das Frauen-Tennis unberechenbar spannend und bringt mindestens drei verschiedene Grand-Slam-Siegerinnen hervor.

Die Top Ten der WTA-Weltrangliste 2019

Besiegt Serena Williams ihren Fluch?

Als Schwangere gewann sie 2017 bei den Australian Open im Final gegen ihre ältere Schwester Venus ihren 23. Grand-Slam-Titel. Die Geburt von Tochter Alexis Olympia im September verlief indes dramatisch: Notfall-Kaiserschnitt, Lungenembolie bei Serena Williams. Mit einem weiteren Eingriff verhinderten die Mediziner, dass ein Blutgerinnsel in die Lunge gelangte. So gesehen ist es bereits ein Wunder, dass Serena Williams wieder zur Weltspitze gehört. Und doch steht die Rückkehr nach der Schwangerschaft unter keinem guten Stern. Vier Mal stand sie seit der Geburt ihrer Tochter im September 2017 in einem Grand-Slam-Final – vier Mal scheiterte sie. In Wimbledon hatte sie die Finals gegen Angélique Kerber (2018) und Simona Halep (2019) verloren, bei den US Open gegen Naomi Osaka (2018) und gegen Bianca Andreescu (2019). Immerhin gewann Williams vor Wochenfrist in Auckland erstmals als Mutter ein Turnier. Williams jagt die Australiern Margaret Court aus Australien, die zwischen 1960 und 1973 24 Grand-Slam-Titel gewann.

Prognose: Bleibt sie gesund, gewinnt Serena Williams ihren 24. Grand-Slam-Titel und egalisiert damit die Bestmarke von Margaret Court.

Was passiert im Schatten von Roger Federer?

Jérôme ist eines der neuen Gesichter am Schweizer Tennis-Himmel.

Jérôme ist eines der neuen Gesichter am Schweizer Tennis-Himmel.

Bild: Keystone

Einen Tennis-Spieler wie Roger Federer wird die Schweiz, ja die Welt, wohl so schnell nicht wieder sehen. Lange Zeit musste einem beim Gedanken an die Zukunft nach der Ära Federer und Wawrinka Angst und Bange werden. Doch nun macht eine Gruppe junger Talente auf sich aufmerksam. Mit den 17-jährigen Leandro Riedi, Jeffrey von der Schulenburg, Dominic Stricker und dem erst 16-jährigen Aargauer Jérôme Kym, der im letzten Jahr Heinz Günthardt als jüngsten Schweizer Davis-Cup-Spieler aller Zeiten ablöste, stehen gleich vier Junioren im 64er-Tableau der Australian Open. In ihrer Altersklasse gehören sie zu den Weltbesten. Von der Schulenburg belegt in der Junioren-Weltrangliste Rang 8, Riedi Rang 10, Stricker Rang 11 und Kym Rang 44. Und so kam es, dass jüngst drei von ihnen, Kym, Riedi und Stricker, auf Einladung von Severin Lüthi, Davis-Cup-Captain und Trainer von Roger Federer in Personalunion, in Dubai mit Roger Federer trainieren durften. Es tut sich also was im Schweizer Männer-Tennis.

Prognose: Einer aus dem Quartett Von der Schulenburg, Riedi, Stricker und Kym erreicht bei einem Grand-Slam-Turnier mindestens den Halbfinal.