«Irgendwann war ich frustriert»

Tranquillo Barnetta ist auf Vereinssuche. Der Vertrag mit Schalke ist zum Saisonende ausgelaufen, der 30-Jährige strebt nun einen letzten Wechsel zu einem ausländischen Club an. Bevor er wieder für den FC St.Gallen spielen will.

Christian Brägger
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In Tranquillo Barnettas Clubkarriere fehlt ein Titel. Er sagt, er könne nicht den Anspruch stellen, in eine Topmannschaft zu wechseln. (Bild: Ralph Ribi)

In Tranquillo Barnettas Clubkarriere fehlt ein Titel. Er sagt, er könne nicht den Anspruch stellen, in eine Topmannschaft zu wechseln. (Bild: Ralph Ribi)

Herr Barnetta, wie schwierig ist die aktuelle Situation für Sie, nicht zu wissen, wie es weitergeht?

Tranquillo Barnetta: Ich bin relativ entspannt. Ich erlebte dieselbe Situation bereits vor drei Jahren, als ich Leverkusen verliess. Damals war das Angebot des Clubs so schlecht, dass ich nicht bleiben konnte. Aber es ist schon so: Wenn ich es nicht schon kennen würde, würde ich mich jeden zweiten Tag bei meinem Berater erkundigen.

In vier Wochen können Sie in Frankreich, Italien – oder ohne Club sein. Ein komisches Gefühl?

Barnetta: Das Ganze ist spannend, weil ich nicht weiss, wohin der nächste Schritt geht. Ich möchte etwas finden, das zu mir passt und das ich mir vorgestellt habe. Ein 20-Jähriger muss einen grossen Verein haben, um im Gespräch zu bleiben. Unter diesem Druck bin ich nicht mehr.

Schliessen Sie gewisse Länder für einen Transfer aus?

Barnetta: Seit ich 17 Jahre alt bin, ist mein Spielervermittler Wolfgang Vöge. Interessenten rufen ihn an, er sortiert für mich vor. Er weiss genau, wie ich denke und was ich will. In die Türkei möchte ich zum Beispiel nicht hin. Dieses Land passt nicht zu mir. Aus China gab es drei lose Anfragen. Doch das kam für mich nicht in Frage, wie auch Russland nicht. Von den Russen könnten zwar sehr lukrative Offerten kommen. Mit Leerstellen beim Gehalt, die man dann im Vertrag selbst ausfüllen kann.

Wieso nicht in die Türkei?

Barnetta: Mir ist die Mentalität der Türken zu euphorisch. Ich habe dies ja im Barrage-Spiel 2005 beim 4:2-Sieg der Schweiz gegen die Türkei selbst erlebt. Fanatismus ist schon gut, aber die Stimmung kann sehr schnell kippen.

Wohin wollen Sie dann wechseln?

Barnetta: Bevor ich zu St.Gallen zurückkehren will, würde ich im Idealfall gerne für zwei Jahre nach Spanien, Italien oder England gehen. Die Vereine dort sind ganz anders aufgestellt als in der Bundesliga. Man isst anders, trainiert anders, lebt anders. Das reizt mich.

Muss es unbedingt eine gute Adresse Europas sein?

Barnetta: Es kann ein Verein aus jeder Tabellenregion sein. Das Gesamtpaket muss stimmen. Die Situation, aus der ich komme, ist auch anders. Ich habe die Saison nicht durchgespielt, die letzten zwei Monate waren nicht gut. Also kann ich nicht den Anspruch stellen, zu einer Topmannschaft zu wechseln.

Sie sind ablösefrei auf dem Markt. Ist Ihre Situation deshalb einfacher?

Barnetta: Für Clubs mit beschränktem Budget komme ich dadurch eher in Frage: Sie müssen nur mit meinem Gehalt kalkulieren. Oft haben die Leute die Meinung, dass der ablösefreie Spieler beim Wechsel den Marktwert selbst kassiert. Dem ist aber nicht so. Es kann jedoch sein, dass man mehr Lohn erhält.

Ihrer Club-Karriere fehlen Titel. Spielt dies bei der Wahl eine Rolle?

Barnetta: Ich muss dies entweder mit dem neuen Verein oder dem FC St.Gallen korrigieren. (lacht)

Was fühlt man beim ersten Training im neuen Verein?

Barnetta: Man glaubt, man kenne beim erstmaligen Betreten der Kabine die Spieler. Das ist natürlich nicht der Fall. Es ist so, als ob du erstmals in eine neue Schulklasse kommst. Drei Wochen später sieht das Ganze dann vollkommen anders aus.

Kommen wir zu Schalke. War der Bundesliga-Club die falsche Wahl?

Barnetta: Nicht unbedingt. Es war eine lehrreiche Zeit. Es ist ein Privileg, für Schalke zu spielen. Allein schon die Stimmung der Fans, die rasch in die positive und die negative Richtung gehen kann. Natürlich habe ich im Endeffekt zu wenig gespielt.

Zum Schluss waren die Schlagzeilen um den Club nur negativ.

Barnetta: Es wurde sehr unruhig, die Vereinsführung kam unter Beschuss, Ultras tauchten im Training auf, es gab teilweise Bedrohungen. Mir wurde klar, dass es keinen Sinn mehr macht, den Weg mit dem Verein weiterzugehen. In seinem Umfeld sind die Erwartungen sicher zu hoch.

Zuletzt spielten Sie in sieben Runden noch 68 Minuten. Weshalb?

Barnetta: Ich habe nach Erklärungen gesucht, habe sie aber nicht wirklich gefunden. Vielleicht lag es ja auch daran, dass mein Vertrag auslief und Schalke mich nicht mehr weiterverkaufen konnte. Trainer Roberto di Matteo wechselte jedenfalls unerwartet das System, in das ich nicht mehr hineinpasste.

Aber das neue System brachte ja keinen Erfolg.

Barnetta: Das habe ich mir auch gedacht. Irgendwann war ich natürlich frustriert, weil ich trotz schlechter Resultate nicht zum Einsatz kam. Zu Beginn sind wir mit Di Matteo bis auf Platz drei vorgerückt. Am Ende schaffte er es leider auch nicht, der Negativspirale entgegenzuwirken.

Wie gingen Sie mit der Aggressivität der Medien in Deutschland um?

Barnetta: Trotz meiner Reservistenrolle gehörte ich natürlich zur Mannschaft. Bei der «Bild» gab es zum Beispiel eine Streichliste, wer den Club verlassen soll. Da stand ich mehrmals drauf, wurde wieder weggenommen, stand wieder drauf, und so weiter. Das durfte man nicht so eng sehen.

Wie geht es für Sie in der Schweizer Nationalmannschaft weiter?

Barnetta: Aktuell geniesst das Nationalteam bei mir nicht erste Priorität. Ohne Spielpraxis habe ich dort nichts zu suchen. Ob es nach einem Wechsel für mich in der Nationalmannschaft weitergeht, steht in den Sternen.

Sie sagten, wenn Sie der Nationalmannschaft nicht mehr weiterhelfen können, treten Sie zurück. Ist dieses Gefühl noch nicht da?

Barnetta: Nein, sonst wäre ich zurückgetreten. Routinierte wie ich können den Jungen helfen. Doch ich muss in einer guten Verfassung sein. Falls ich aber in Zukunft im Nationalteam nicht über eine Ersatzrolle hinaus käme, müsste ich reagieren.

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