INTERVIEW MIT NATI-CAPTAIN: "Der Ehrgeiz ist angeboren"

Stephan Lichtsteiner steht heute mit Juventus Turin zum zweiten Mal nach 2015 im Final der Champions League. Der Luzerner ist oft nur noch die Nummer zwei hinter Dani Alves.

Lukas Plaschy, Turin
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Stephan Lichtsteiner steht schon seit sechs Jahren im Sold von Juventus. (Bild: Filippo Alfero/Freshfocus)

Stephan Lichtsteiner steht schon seit sechs Jahren im Sold von Juventus. (Bild: Filippo Alfero/Freshfocus)

Interview: Lukas Plaschy, Turin

Stefan Lichtsteiner, Juventus Turin ist im italienischen Fussball das Mass der Dinge. Sechster Meistertitel in Folge und zum dritten Mal hintereinander Cupsieger. Was macht Juventus besser als die restlichen Clubs der Serie A?

Dafür gibt es viele Gründe. Das clubeigene Stadion und die damit verbundenen Einkünfte, die Vereinsstruktur mit der Familie Agnelli oder die operative Leitung. Auf der sportlichen Seite fällt sicher ins Gewicht, dass der harte Kern der Mannschaft seit Jahren derselbe ist. Wir haben Spieler, die auch nach Jahren des Erfolgs weiterhin heisshungrig auf Trophäen sind. Auf dem Transfermarkt wurden Spielertypen geholt, welche dieselbe Winnermentalität mitbringen. Dies ergibt eine perfekte Mischung.

Im vergangenen Sommer wollten Sie Turin trotz weiterlaufendem Vertrag nach sechs Saisons verlassen. Hatten Sie eine Vorahnung, dass Sie es nach der Verpflichtung des Brasilianers Dani Alves schwer haben würden?

Bei einem Club wie Juventus Turin, der neben Barcelona, Real Madrid und Bayern München zu den besten der Welt gehört, hast du auf jeder Position Topspieler als Konkurrenten. Das war in den vorangegangenen Jahren so und wird auch immer so bleiben. Die Meinungsverschiedenheiten mit Juventus vom vergangenen Sommer stehen in keinem Zusammenhang zu Dani Alves. Er war nie das Problem. Es ging um andere Themen, die einzig und allein den Club und mich betreffen und die ich für mich behalte.

In dieser Saison waren Sie aber erstmals nicht mehr unbestrittener Stammspieler. Wie schwer war es, diese Situation zu akzeptieren?

Natürlich hätte ich mir mehr Spielzeit in der Champions League gewünscht, aber ich bin mit meiner Spielbilanz in Meisterschaft und Cup zufrieden. Alle drei Titel sind wichtig, auch wenn der Fokus aktuell eindeutig auf dem Gewinn der Champions League liegt. Es ist normal, dass man nicht bei allen Spielen in der Startformation dabei sein kann, dafür gilt das Rotationsprinzip.

Ein wenig bösartig formuliert könnte man sagen, dass Sie nur deshalb auf so viele Spiele gekommen sind, weil Alves während zweier Monate wegen eines Wadenbeinbruchs ausfiel.

Was wäre gewesen, wenn – das interessiert mich nicht. Ich schaue nach vorne. Auch habe ich in meinem Alter, trotz meiner grossen Leidenschaft für den Fussball, nicht mehr die Eitelkeit und den Anspruch, in jedem Spiel im Mittelpunkt stehen zu müssen. Ich glaube, ich kann heute besser mit so einer Situation umgehen als vor zehn Jahren.

Trotzdem muss es Sie doch schmerzen, dass der Coach in den entscheidenden Momenten auf einen anderen setzt und Sie praktisch nichts dagegen tun können?

Für mich sind alle Spiele entscheidend, vor allem, wenn man das «Triple» gewinnen will. Aber logisch möchte jeder Fussballer in einem Champions-League-Final zum Einsatz kommen.

Haben Sie mit Trainer Massimiliano Allegri über Ihre Situation gesprochen?

Natürlich. Ich führe regelmässige Gespräche mit dem Trainer und schätze auch den direkten und aufrichtigen Austausch. Es ging aber im vergangenen Sommer vor allem darum, mich selbst zu hinterfragen. Kann ich als Spieler den Ansprüchen bei Juventus weiterhin gerecht werden?

Und? Genügen Sie diesen Ansprüchen noch?

Absolut. Die Gier nach Titeln, die Jagd nach Trophäen ist fundamental im Profisport. Das treibt mich zu Höchstleistungen. Ich will mir selbst beweisen, dass ich weiterhin mit den Besten mithalten kann. Dieser Ehrgeiz ist angeboren und hat mir in meiner Karriere immer geholfen.

Sie sind jetzt 33-jährig. Zählen ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch die gewonnenen Titel?

Mit meiner Mannschaft Erfolg zu haben war schon immer der Ansporn. Ich habe mit Juventus in Italien alles gewonnen. Der Gewinn der Champions League wäre somit die Krönung meiner Karriere. Die Königsklasse ist Topniveau. Ich frage mich selbst: Wann stehst du als Spieler noch einmal in einem Endspiel?