INDIAN WELLS: Die nächste Märchenwoche

Roger Federer spielt im Alter von 35 Jahren und 7 Monaten immer noch famos. In Kalifornien hat er seinen 90. Turniersieg gefeiert. Doch der Künstler braucht einen frischen, gut ausgeruhten Körper. Federer wird sich also längere Pausen gönnen.

Jörg Allmeroth
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In der Weltrangliste ist Roger Federer bereits wieder auf Platz sechs vorgestossen. (Bild: Charles Baus/Freshfocus)

In der Weltrangliste ist Roger Federer bereits wieder auf Platz sechs vorgestossen. (Bild: Charles Baus/Freshfocus)

Jörg Allmeroth

Der Mann hat eigentlich den Überblick gepachtet. Schliesslich blickt John Isner aus der lichten Höhe von 208 Zentimetern hinaus in die Welt. Was er allerdings dieser Tage an seinem Arbeitsplatz sieht, auf den Centre Courts des Tennisbetriebs, kann der aufgeweckte Amerikaner nicht so ganz verstehen. «Sind wir zu hundert Prozent sicher, dass Fed vom Planeten Erde stammt», twitterte Isner am Sonntagabend – es war der in Worte gefasste Kniefall vor dem Mann, der längst für den verrücktesten Saisonstart im modernen Profitennis steht.

Ein halbes Jahr Verletzungspause, Zweifel, Fragen, Skepsis – und was kommt dann bei dem scheinbar extraterrestrischen Federer, dem Schweizer Maestro? Erst der Sieg an den Australian Open wie aus dem Nichts, ein beispielloser Glücksmoment, der unwahrscheinlichste Coup einer Traumkarriere. Und nun noch hinterher, kaum weniger erwartet, kaum weniger sensationell, auch noch der Triumph am ersten Masters dieser Spielserie. In der kalifornischen Wüste, in Indian Wells, an einem Schauplatz, der im Tennis als fünfter Grand Slam gilt. «Es ist die nächste Märchenwoche für mich», sagte Federer nach dem 6:4, 7:5-Sieg gegen seinen Freund, über seinen langjährigen Weggefährten, Doppelpartner und professionellen Rivalen Stan Wawrinka.

Als wäre Federer einem Jungbrunnen entstiegen

Die Australian Open, Indian Wells: Es hätten die ersten schwierigen, heiklen Comeback-Schritte für Federer sein müssen, ein langsames Herantasten an die enteilte Weltspitze. Doch nun wurden die beiden Turniere zu Stationen eines Erfolgszuges des alten Meisters, der so mitreissend und leidenschaftlich aufspielte, als wäre er einem Jungbrunnen entstiegen. Und keiner könnte über Federer, den Mann der Stunde, den Mann des bisherigen Jahres 2017, mehr erstaunt sein als Federer selbst: «Ich bin allen meinen Hoffnungen weit voraus», sagte der 35-jährige Familienvater. Bis zur Saisonhälfte hätte er sich im für ihn denkbar günstigsten Fall wieder «unter den ersten Acht der Weltrangliste» gesehen, nun rückte er mit dem Sieg in Kalifornien bereits auf Platz sechs der Charts vor.

Radikalreformer seines eigenen Spiels

Federer ist ein Phänomen, mehr denn je. Denn das fortgeschrittene Profialter, aber auch seine Verletzungen zuletzt haben ihn noch einmal zum Radikalreformer des eigenen Spiels gemacht. Was unter dem Zwang zur Innovation entstanden ist: Nicht weniger als der aggressivste, offensivste, energischste Federer überhaupt, ein noch stürmischerer Federer als der ganz junge, gerade an den ersten Grosstaten feilende Federer. Federer, geplagt von manchen Zipperlein, auch immer wieder vom schmerzenden Rücken, hat aktuell keine Zeit zu verschwenden in den grossen Begegnungen, er muss die Entscheidung suchen. Und er tut das mit einer fast beängstigenden Lust und Laune am Risiko – stets unter dem Motto: Wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Über seine Taktik in Indian Wells sagte Federer: «Viel Zug nach vorn. Viel Risiko. Genau wie in Melbourne.»

Allerdings hat die Sache auch einen Haken für alle Federer-Afficionados. Denn der Künstler, der neuerdings auch stets ein grosser Kämpfer ist, braucht für seine Parforce-Auftritte einen richtig frischen, gut ausgeruhten Körper. Und er braucht keine Starts bei Turnieren, wo er sich, kühl kalkulierend, wenig ausrechnet. Der Maestro wird sich also seine längeren Pausen gönnen, er wird sie als Teil seines grösseren Plans begreifen, immer wieder im richtigen Moment mit voller Kraft zuschlagen zu können. Um die Sandplatzserie wird er daher einen grossen Bogen machen und dann den Fokus auf das naheliegende Ziel richten, auf Wimbledon, auf den Traum vom Rekordtitel in seinem grünen Tennisparadies.