Independiente - der vergessene König der Pokale

River Plate schlug vor kurzem im Final der Copa Libertadores die Boca Juniors. Der Rekordmeister von Südamerika findet sich aber in einem Vorort von Buenos Aires. Ein Besuch in der Welthauptstadt des Fussballs.

Stephan Santschi, Buenos Aires
Drucken
Teilen
Independiente-Fans bejubeln ausgelassen ein Tor ihres Teams in der Copa Sudamericana. (Bild: Mauro Pimentel/AFP (Rio, 13. Dezember 2017))

Independiente-Fans bejubeln ausgelassen ein Tor ihres Teams in der Copa Sudamericana. (Bild: Mauro Pimentel/AFP (Rio, 13. Dezember 2017))

Die Spieler des CA Independiente reihen sich in der Mitte des Platzes auf, heben die Arme und drehen sich im Kreis. Obwohl das Stadtderby gegen die Boca Juniors noch nicht begonnen hat, präsentiert sich der Gastgeber bereits in der Pose des Siegers. Es ist als Hommage an die Vergangenheit zu verstehen, an die 1960-er- und 1970-er-Jahre, in denen der Verein aus Buenos ­Aires Titel an Titel reihte und sich den Nimbus der Unschlagbarkeit schuf. Damals zelebrierte die Mannschaft den «saludo con los brazos en alto» vor jeder Partie. Siebenmal gewann Independiente die Copa Libertadores – das südamerikanische Pendant zu unserer Champions League, zweimal holte es den Weltpokal, beides letztmals im Jahr 1984.

Auch andere Zahlen beeindrucken: So ist Independientes ehemaliger Stürmer Arsenio ­Erico mit 293 Treffern bis heute der Toptorjäger der Primera División. Und keiner war mit 635 Spielen in Argentiniens Meisterschaft so viel beschäftigt wie Ricardo Bochini, die geniale Nummer 10. Es hiess, dass für den Fan der Diablos Rojos (rote Teufel) nur zwei Dinge im Leben heilig waren: die eigene Mutter und «El Bocha», wie Bochini genannt wurde. Als er unter den Gästen einer Hochzeit weilte, liess der Pfarrer das Brautpaar stehen, um sich beim Superstar ein Autogramm abzuholen. Im Juli 1969 sollen bei der Ankunft der Apollo 11 auf dem Mond sogar Fanartikel des Klubs an Bord gewesen sein, weil Neil Armstrong und Co. davor zu Ehrenmitgliedern ernannt worden waren. «Independiente verdient es, bis zum Mond bekannt zu sein – so gross ist es», meinte Klubsekretär Héctor Rodríguez. Die Popularität von Independiente überstieg gar jene des Nationalteams, es war der Stolz von Argentiniens Fussball.

Transparente erinnern an den alten Ruhm

Und heute? Erinnern die erhobenen Arme der Spieler vor dem Anpfiff an den vergangenen Ruhm. Oder die Transparente im Publikum, auf denen «Orgullo Nacional» (nationaler Stolz) oder «El Rey de Copas» (der König der Pokale) zu lesen ist. Auch die Stimmung im 50 000 Zuschauer fassenden Estadio Libertadores de América ist ausgezeichnet, als die Mannschaft Anfang Dezember die Boca Juniors zu einem der vielen prestigeträchtigen Derbys von Buenos Aires empfängt. 90 dramatische Minuten später kehrt im südlichen Vorort Avellaneda allerdings Ernüchterung ein – Independiente verliert trotz klarer Überlegenheit mit 0:1. Es hadert mit dem Mangel an Effizienz und Referee Herrera, der einen Penalty verweigert und ein reguläres Tor aberkannt. «Sie haben ihre Hand in unsere Tasche gesteckt», ärgert sich Trainer Ariel Holan über das Schiedsrichter-Trio. «Es kann nicht sein, dass sie eine solche Fehlerquote aufweisen. Ich bin sehr wütend.»

So verständlich in diesem Fall sein Frust war, so umstritten ist mittlerweile der Ruf des ehemaligen Landhockey-Trainers selber. Ein Journalist der Tageszeitung «Diario Popular» bezeichnet den 58-jährigen Holan als «wahren Experten bei der ­Suche nach Rechtfertigungen und Entschuldigungen aller Art». Und Enzo Trossero, der einst für kurze Zeit das Schweizer Nationalteam trainiert hatte (2000 bis 2001), hält fest: «Die Mannschaft verführt nicht. In diesem Independiente wird mehr geredet als gespielt.» Trossero, heute 65-jährig, gewann mit Independiente einen Weltpokal, eine Copa Libertadores und drei Meistertitel.

Sergio Agüero lanciert Karriere bei «El Rojo»

Was läuft schief beim einstigen Dominator des südamerikanischen Fussballs, der 1973 gegen Juventus Turin und 1984 gegen Liverpool sogar den Weltpokal gewann? Und das in jüngerer Vergangenheit Spieler wie Sergio Agüero, Diego Forlán oder Esteban Cambiasso für ihre grossen Karrieren in Europa rüstete. «El Rojo» wird eine schlechte Transferpolitik vorgeworfen, in den letzten zwölf Monaten habe man für 12 Millionen Dollar vor allem Mittelmass verpflichtet. Zu den wertvollsten Spielern zählt Uruguays Nationaltorhüter Martín Campaña, Mittelfeld-Aggressor Nicolás Domingo und Torschützenleader Emmanuel Gigliotti. «Welche Silhouette hat Independiente 2018 gezeigt?», fragt der «Diario Popular» und antwortet gleich selber: «Die eines fragilen Teams. Unberechenbar, zusammenhangslos, durchlässig – fähig, einige Spiele gut und andere sehr schlecht zu spielen.» Andere finden derweil, dass die Mannschaft trotz dem aktuell unbefriedigenden siebten Platz zuweilen das grösste Spektakel der Liga bietet. 2017 gelang es ihr immerhin, die Copa Sudamericana (bei uns: Europa League) zu gewinnen.

Fest steht jedenfalls: Der ehemalige Glanz ist mittlerweile von einer dicken Staubschicht bedeckt. Den letzten Meistertitel gewann Independiente im Jahr 2002. 2013 stieg der Klub sogar erstmals in seiner mittlerweile 114-jährigen Geschichte in die zweite Liga ab. «Drei Jahrzehnte haben wir weggeworfen», bedauert die sechs Millionen Menschen umfassende Fangemeinde.

Stadionwand des Erzrivalen dient als Toilette

Wer in Europa über Argentiniens Klubfussball spricht, denkt deshalb vor allem an Rekordmeister River Plate, der kürzlich die Copa Libertadores gewann. An Boca mit dem fantastischen Bombonera-Stadion, das Diego Armando Maradona emporsteigen sah. Oder an den aktuellen Tabellenführer Racing, dessen Stadion nur 300 Meter neben jenem von Independiente steht und dessen Wand den Fans des Erzrivalen vor Heimspielen als öffentliche Toilette dient.

Vergessen geht dabei, dass Independiente mit sieben Titeln weiterhin der Rekordgewinner der Copa Libertadores ist. Und damit trotz langer Durststrecke noch immer der König der Pokale in Südamerika und von Buenos Aires, der Welthauptstadt des Fussballs (siehe unten).

Nirgends ist die Klub-Dichte grösser als in Buenos Aires Fussball

Buenos Aires gilt als Welthauptstadt des Fussballs. Nirgendwo sonst ist die Dichte von Profiklubs so gross wie in ­Argentiniens Kapitale und der sie umgebenden Provinz. Die höchste Liga umfasst 26 Klubs, 15 davon kommen aus Buenos Aires. Zählt man die zweitklassige Primera B dazu, sind es sogar 32 von 51 Vereinen, die aus Buenos Aires und Umgebung stammen. Jeder hat dabei sein eigenes Stadion, das in seiner Bauweise unverkennbar ist. César Luis Menotti, der Argentinien 1978 als Trainer zum WM-Titel im eigenen Land führte, erklärt, dass «sich in den faszinierenden Stadien von Buenos Aires die ganze Liebe zum Fussball potenziert».

Zu den grossen fünf in Argentinien zählen River Plate, Boca Juniors, Racing, Independiente und San Lorenzo. Alle stammen aus Buenos Aires, ihre Heimstätten finden sich in einem Umkreis von nur 40 Kilometern.

328 Tote rund um den argentinischen Fussball

Der Enthusiasmus im Fussball ist Ausdruck der argentinischen Mentalität. Oder wie es Menotti formuliert: «Im Findungsprozess einer eigenen, nationalen Identität haben wir Argentinier ein wenig zu viel Leidenschaft und Hingabe abbekommen.» Dass dies auch eine negative Seite hat, wurde Ende November bei den Gewalttaten rund um das Rückspiel des Copa-Libertadores-Finals zwischen River Plate und Boca Juniors wieder offensichtlich. Der Filz im Fussball und in der Politik ist gross, viele Klubs haben ihre kriminellen Barras Bravas (wilde Fans), die mit mafiösen Geschäftsstrukturen den Schwarzmarktverkauf und den Drogenhandel ums Stadion organisieren. Seit 1922 sind 328 Tote zu beklagen – vom 67-jährigen Esteban Sardi bis zum 1-jährigen Baby Rodrigo Maldonado. Nachzulesen auf der Website der Organisation Salvemos Al Fútbol. Seit 2013 sind in der Meisterschaft aufgrund der grossen Rivalitäten Auswärtsfans nicht mehr zugelassen. (ss)

Meistertitel Argentinien (Primera División): 1. River ­Plate 36 Titel. 2. Boca Juniors 33. 3. Racing Club 17. 4. CA Independiente 16. 5. San Lorenzo 15.

Südamerika (Copa Libertadores): 1. CA ­Independiente 7 Titel. 2. Boca Juniors 6. ­ 3. CA Peñarol (Uru) 5. 4. River Plate und Estudiantes de La Plata (Arg) je 4.