«INDEPENDENCIA»: Ein Verein im Clinch

Die Wirren um das katalanische Unabhängigkeitsreferendum stellen den Fussballclub Barcelona vor eine Zerreissprobe. Der Sport wird zur erweiterten Arena der Politik.

Adrian Lobe, Barcelona
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Barcelona-Anhänger präsentieren während eines Heimspiels die katalanische Flagge mit einer politischen Botschaft. (Bild: Alejandro Garcia/EPA)

Barcelona-Anhänger präsentieren während eines Heimspiels die katalanische Flagge mit einer politischen Botschaft. (Bild: Alejandro Garcia/EPA)

Adrian Lobe, Barcelona

Als die spanische Polizei bei der Abstimmung zum katalanischen Unabhängigkeitsreferendum mit brutaler Härte gegen Wähler vorging, spielte der FC Barcelona vor leeren Rängen im Camp Nou gegen Las Palmas. Club-Präsident Josep Bartomeu wollte das Spiel unter den Umständen eigentlich absagen, doch der Ligaverband stellte sich quer. Bei einem Nichtantritt drohte ein Punktverlust. Um trotzdem ein Zeichen der Solidarität mit der Unabhängigkeitsbewegung zu setzen, entschied die Vereinsführung, das Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit auszutragen. Gerard Piqué sagte nach dem Spiel, er habe noch nie so viel Stolz für das katalanische Volk wie an jenem Tag empfunden.

Historisch bedingte Feindschaft

Der FC Barcelona ist mehr als nur ein Fussballverein. Das verrät bereits das Motto «Més que un club» – mehr als ein Club. Der Verein ist eine Ikone des katalanischen Nationalstolzes, ein Symbol des Widerstands gegen die Unterdrückung des spanischen Zentralstaats. Die Rivalität mit Real Madrid rührt vor allem aus der Zeit des Franco-Regimes: Am 6. August 1936, einen Monat nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs, erschossen Francos Truppen Barcelonas Clubpräsidenten Josep Sunyol. 1940 liess der Generalísimo die Clubführung durch getreue Leute ersetzen. Seitdem sind sich die beiden Clubs in inniger Feindschaft verbunden – und hoch politisiert. Während die loyalistischen «Königlichen», ebenso wie der royalistische Lokalrivale Espanyol Barcelona, die spanische Flagge als Zeichen der Verbundenheit mit dem Zentralstaat hissen, rollen die «Barça-Fans» regelmässig die katalanische Flagge aus. Der Verein ist ein Vehikel nationaler Unabhängigkeitsbestrebungen.

Genau 17 Minuten und 14 Sekunden nach Anpfiff jeder Halbzeit skandieren die Anhänger den Unabhängigkeitsschlachtruf «I-Inde-Independencia» – erinnernd an das Jahr 1714, als katalanische Truppen im Spanischen Erbfolgekrieg kapitulieren mussten und Katalonien hernach in den spanischen Zentralstaat eingegliedert wurde.

Auch Pep Guardiola, gebür­tiger Katalane und sowohl als Spieler als auch Trainer beim FC Barcelona aktiv gewesen, ist ein ­prominenter Unterstützer der Unabhängigkeitsbewegung. Bei einer Demonstration rief er mit geballter Faust zum Ungehorsam gegen Spanien auf und geisselte die «Übergriffe eines autoritären Staats». Doch Guardiola, der inzwischen Manchester City trainiert, spricht als Privatmann und muss auf die Politik keine Rücksicht nehmen. Seinen Ex-Verein stellen die Wirren um das Unabhängigkeitsreferendum dagegen vor eine Zerreissprobe. Einerseits darf man die eigenen Fans nicht vergraulen, für die der Club zur Projektionsfläche nationaler Unabhängigkeitsträume geworden ist. Andererseits gilt es, den Ligaverband nicht mit separatistischen Absichten zu verärgern.

Zurückhaltende Unterstützung des Clubs

Vor dem Referendum gab es Diskussionen, ob der FC Barcelona bei einer möglichen Sezession Kataloniens in La Liga überhaupt spielberechtigt wäre. Einen Ausschluss will natürlich keiner, weil der «Clásico» ein Kassenschlager ist, der auf dem ganzen Globus übertragen wird. Barcelonas Ex-Präsident Joan Laporta, der die Unabhängigkeit unterstützt, sagte: «Barça gegen Real ist ein sehr attraktives Produkt. Wenn man versucht, das loszuwerden, wäre das von Seiten der Regierung, der Liga und des Verbands ein Fehler.» Entsprechend zurückhaltend äussert sich auch die Vereinsführung. In einem Communiqué verurteile der Club die Gewalt und betonte in diplomatischem Ton das Recht auf freie Meinungsäusserung.

Ohnehin hat der FC Barcelona eine gespaltene Identität. Mit 162000 Mitgliedern ist der Club ein regionalistischer «global Player». Von Rio bis Jakarta laufen Kinder mit Messi-Trikots herum – und sind damit Markenbotschafter der katalanischen Sache. Auch die Fans sind gespalten. Dauerkarteninhaber Dam Calderón sagt: «Ich verstehe die Position des Clubs und warum sie die Stellungnahme veröffentlichten. Auf der anderen Seite denke ich an die Millionen Barça-Fans, die keine Separatisten sind und die Sache anders bewerten.»

Der Club steht vor einer Gratwanderung. Er muss seine Rolle als identitätsstiftendes Integral der Katalanen weiter kultivieren, ohne die Fans zu spalten. Der Ligabetrieb scheint durch die politischen Verwerfungen indes keinen Schaden zu nehmen. Der nächste Clásico zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid am 20. Dezember wird mit Spannung erwartet. Es dürfte eines der hitzigsten Duelle seit einigen Jahrzehnten werden.