Der Zehnkämpfer Simon Ehammer befindet sich in der Schweiz in einer eigenen Liga

Der Steiner Simon Ehammer verteidigt in Langenthal den Schweizer Meistertitel im Zehnkampf, begnügt sich aber nicht damit.

Jörg Greb aus Langenthal
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Simon Ehammer (Mitte) verbesserte über 110 m Hürden und in weiteren vier Disziplinen seine persönliche Bestleistung.

Simon Ehammer (Mitte) verbesserte über 110 m Hürden und in weiteren vier Disziplinen seine persönliche Bestleistung.

Bild: Ulf Schiller/Athletix (Langenthal, 9. August 2020)

Ein versierter Beobachter brachte es etwas überspitzt auf den Punkt: «Um die Goldmedaille zu gewinnen, muss sich Simon Ehammer den 1500-m-Lauf gar nicht antun.» Ganz treffend lag er damit nicht. Finley Gaio, auch bereits international erfolgreich, belegte mit 7668 Punkten Platz zwei und übertraf damit Ehammers Zwischentotal nach neun Disziplinen um gut 100 Punkte.

Natürlich begnügte sich Simon Ehammer nicht mit einer Minimalleistung. Vielmehr peilte er das an, was sich mit dem Zwischenstand eröffnete. Der 20-Jährige wollte nicht nur seine eigene persönliche Bestmarke von 8029 Punkten von Mitte Juli in Amriswil übertreffen, sondern auch dem Schweizer Rekord auf den Zahn fühlen. Dazu wusste er:

«Das ist möglich, ich muss aber besser laufen denn je.»

Bewusste Kontrolle

Ein «Alles-oder-nichts» legte sich Ehammer für die ungeliebte zehnte Disziplin nicht zurecht. Vielmehr nahm er die dreidreiviertel Bahnrunden vorsichtig, mit Respekt in Angriff. Nach der 1000-m-Marke aber legte er zu, beschleunigte und machte Position um Position gut. Schliesslich war er unter grossem und anerkennendem Applaus nach 4:42,54 Minuten im Ziel. Für die persönliche Bestmarke reichte dies mit einer Reserve von 35 Sekunden, für den U23-Schweizer-Rekord von Beat Gähwiler um knapp 24. Zum Schweizer Rekord, den 8244 Punkten Gähwilers, aber fehlten schliesslich zwei Sekunden oder: 13 Punkte. Ehammer sagt:

«Es reichte nicht ganz, von Enttäuschung zu reden wäre aber falsch.»

Er weiss, dass die Zeit für ihn spricht. Der Steiner sagte lakonisch: «Ich habe mich über Jahre kontinuierlich steigern können. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich auch über 1500 m bessere Leistungen abliefern kann.» Neben dieser zehnten Disziplin denkt er primär an den Hoch-, den Stabhochsprung sowie das Speerwerfen. In diesen verfehlte er sein derzeitiges Potenzial. Generell sind die Würfe noch entwicklungsfähig.

Viel Potenzial

Zu einer unüblichen Entschädigung kam Ehammer dennoch: Neu führt er die Jahresweltbestenliste an. Und seine Leistungskurve ist eindrücklich. Sie zeigt konstant nach oben. Und – das mag jetzt möglicherweise überraschen – die aktuelle Weltlage macht ihm keinen Strich durch die Rechnung. Vielmehr begünstigt sie ihn. Er betont «Vorteile, die sich durch Corona ergeben haben». Er konnte sich dem Training mit seinem Klubtrainer Karl Wyler und dessen Bruder René Wyler, dem Leiter der Sportlerschule Appenzell, gezielt widmen. Das Ruhige, Stresslose, Konzentrierte hat sich bezahlt gemacht. «Dass es aber derart hoch hinaus gehen könnte, habe ich mir nicht erhofft», sagte er. Noch nicht, lässt sich anfügen.

Bronze ging mit 7411 Punkten an Matthias Steinmann. Auch bei den Frauen gab es ein Spitzenergebnis. Annik Kälin, wie Ehammer erst 20, verpasste ihren Rekord lediglich um drei Punkte und schaffte mit 6167 Punkten ein Total, das erst drei Schweizerinnen erreicht haben.

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Raya Badraun