In der Heimat des Gegners: Die Franzosen planten den Triumph von Pinot - nun verkommt das Bergzeitfahren zur slowenischen Meisterschaft

Im Kampf um den Gesamtsieg der Tour de France kommt es heut zur Entscheidung zwischen Primoz Roglic und Tadej Pogacar. Die Franzosen haben sich aus der Entscheidung längst verabschiedet.

Raphael Gutzwiller
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Duell der Slowenen an der Tour de France: Primoz Roglic (links) und Tadej Pogacar.

Duell der Slowenen an der Tour de France: Primoz Roglic (links) und Tadej Pogacar.

Bild: Sebastien Nogier / EPA

Der Verlierer steht schon vor dem Start fest. Das heutige Bergzeitfahren war extra auf ihn ausgerichtet. Nun spielt er bei der Etappe, in der die Entscheidung fällt, eine Nebenrolle: Thibaut Pinot. Auf jener Strasse, die ihn einst zu seinem Gymnasium in Lure geführt hatte, hätte Pinot zum ersten französischen Gesamtsieg seit 35 Jahren radeln sollen. Extra für den Lokalmatador wurde ein Bergzeitfahren ins Programm genommen. Pinot aber hat mit der Entscheidung im Gesamtklassement nichts mehr zu tun.

Konnte die hohen Erwartungen nicht erfüllen: Thibault Pinot.

Konnte die hohen Erwartungen nicht erfüllen: Thibault Pinot.

Christophe Petit-Tesson / Pool / EPA

So verkommt die entscheidende Etappe der diesjährigen Tour zu einer slowenischen Meisterschaft. Neben dem Mann in Gelb, Primoz Roglic, hat nur noch sein neun Jahre jüngerer Landsmann Tadej Pogacar reelle Chancen auf den Triumph. Er liegt 57 Sekunden hinter Roglic zurück. Während dem Youngster Pogacar die Zukunft gehört, gilt Roglic vor der entscheidenden Etappe als grosser Favorit. Es muss etwas sehr Aussergewöhnliches passieren, damit Roglic den Tour-Sieg noch aus der Hand gibt.

Talent im Skispringen als bester Radfahrer

Der Triumph von Primoz Roglic wäre die Krönung für den aussergewöhnlichen Athleten, der vor einem Jahr schon die Vuelta a España gewonnen hatte. Was macht Roglic derzeit so stark? Der ehemalige Schweizer Radfahrer Armin Meier sagt:

«Roglic verfügt über einen ausgesprochen guten Motor und ist eine richtige Kämpfernatur. Er ist ein riesiges Talent und einer der wenigen, die eine solche Rundfahrt gewinnen können. Ich glaube, dass er sich den Sieg nicht mehr nehmen lässt und die Tour gewinnt.»

Die Geschichte, wie Roglic zu einem der besten Radfahrer der Welt wurde, ist speziell. Einst hatte er als Talent im Skispringen gegolten. Nach einem schweren Sturz, bei dem er mit einer Hirnerschütterung und einem Nasenbeinbruch davon gekommen war, ist der Skispringer nicht mehr an seine Leistungen herangekommen. Irgendwann verlor er die Motivation für seine Sportart und wechselte vom Skispringen auf das Rad. Noch heute profitiert Roglic von seiner Zeit als Skispringer, sagt sein früherer Leistungsdiagnostiker Radoje Milic aus Ljubljana. «Wir dürfen nicht vergessen, dass er sein Leben lang Kraft und Explosivität trainiert hat. Das ist seine Hauptqualität.»

Slowenische Hymne wäre eine Premiere

Will das gelbe Trikot verteidigen: Primoz Roglic.

Will das gelbe Trikot verteidigen: Primoz Roglic.

Marco Bertorello / Pool / EPA

Diese Qualität will Roglic auch heute wieder unter Beweis stellen. 36,2 Kilometer gilt es im Bergzeitfahren zurückzulegen. Als guter Roller, der schon vier Zeitfahren an grossen Rundfahrten gewonnen hat, spricht vieles für Roglic. Aber Achtung: Bei den slowenischen Zeitfahrmeisterschaften Ende Juni hatte Pogacar Roglic düpiert. Derweil kaum etwas mit der Entscheidung zu tun hat der drittplatzierte Miguel Angel Lopez, der fast 1,5 Minuten zurückliegt und kein Zeitfahrspezialist ist.

Für die Organisatoren ist die diesjährige Tour schon jetzt als Erfolg zu werten. Nur die wenigsten haben damit gerechnet, dass die Tour am Sonntag wie geplant ihr Ende finden kann. Zu kritisch zeigte sich die epidemiologische Lage in Frankreich, insbesondere an der Côte d’Azur, wo die Tour startete und in Paris, wo sie enden wird. «Es ist sehr wichtig für den Radsport und den Sport allgemein, dass die Tour stattfinden konnte», sagt der einstige Tour-de-Suisse-Direktor Armin Meier. «Die Tour hat gezeigt, dass sie über ein Format verfügt, das funktioniert.»

Nur etwas hat aus Sicht der Veranstalter nicht wie geplant funktioniert: der Auftritt von Thibaut Pinot. Statt der französischen dürfte nun für den Sieger der Tour de France die slowenische Hymne erklingen. Es wäre das erste Mal überhaupt.

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