Immer wieder die Farbe gesucht

OBERSCHLATT. Das einstige Atelier von Ruedi Küenzi in Oberschlatt wird von seiner Familie für kurze Zeit wieder geöffnet. Gegen hundert Bildwerke sind ausgestellt, zum erstenmal sieht man auch zahlreiche Tafelbilder aus den 1970er-Jahren.

Barbara Fatzer
Drucken
Blick aus dem Atelier nach draussen: Ruedi Küenzi: Sommeratelier, 1975, Acryl auf Leinwand, 162x292 cm. (Bild: Dieter Langhart)

Blick aus dem Atelier nach draussen: Ruedi Küenzi: Sommeratelier, 1975, Acryl auf Leinwand, 162x292 cm. (Bild: Dieter Langhart)

OBERSCHLATT. Unvergesslich sind die traditionellen Atelier-Ausstellungen von Ruedi Küenzi jeweils gegen Ende Jahr in seinen Atelierräumen. Das wärmende Kaminfeuer, die neuen Bilder an den Wänden oder aufgestellt im Raum. Fast alles war wieder so wie einst, Freunde und Bekannte kamen zuhauf, im Nu kam reges Gespräch auf. Nur die Druckerpresse im Erdgeschoss war weg und die Hauptperson fehlte – der Urheber all dieser prächtigen Bilder und der farbigen Holzschnitte. Ruedi Küenzi, im Oktober 2010 nach schwerer Krankheit verstorben, war aber doch sehr präsent durch seine Farben, seine Energie und Gestik, die er in seinen Bildern seit den 1960er-Jahren hinterlassen hat.

Immer wieder selbst im Bild

Da ist sein frühes Selbstporträt von 1965, als er gerade 22 Jahre alt war und selbstbewusst nur noch als freier Maler tätig sein wollte. Man darf es als Schlüsselbild ansehen, da darin enthalten ist, was Ruedi Küenzi immer wieder beschäftigte: das Atelier als Lebensraum des Künstlers, der Spiegel als Reflexion von innen und aussen und die daraus resultierende Selbstdarstellung.

Zehn Jahre später entsteht ein fast drei Meter langes Bild (Sommeratelier, 1975), das ein weiteres Motiv zeigt: der Blick durch ein Fenster. Kurzzeitig stand Ruedi Küenzi ein grosszügiges Atelier in Ronco zur Verfügung. Das Bild lässt erleben, dass hier der Innen- und Aussenraum zu einer spannungsvollen Einheit zusammenfliessen. Die noch leere Leinwand auf der Staffelei zeigt an, wer hier lebt und arbeitet, auch wenn der Künstler selbst nicht mehr ins Bild kommt. Das Selbstbildnis bleibt aber ein bestimmendes Motiv in Küenzis Werk, an dem er seine Künstlerexistenz überprüfte.

Die fröhliche Farbigkeit

Das Charakteristische seiner Tafelbilder und Holzschnitte waren die intensive Farbigkeit und die spannungsvolle Zusammenstellung von unterschiedlichen Farbformen. Es gibt aber auch Lebensphasen, in denen Ruedi Küenzi diese Intensität und Heftigkeit im Ausdruck aufgibt, sich mehr auf die Kontraste von Schwarz und Weiss oder auf das Monochrome konzentriert. Das Acrylbild «Ostsee» von 2000 ist gar in zarten Grau- und Brauntönen gehalten, wie aus dieser Zeit auch grauschwarze Holzschnitte stammen und symbolhaft das Boot auftaucht. Der Künstler betitelt sie mit den Fragen «woher», «wohin».

Ganz anders kommen einem die frühen Ölbilder aus den 1970er-Jahren entgegen: expressiv und gleichzeitig lichtdurchflossen, energievoll bis zur ausufernden Malgestik. Diese Werke waren weggeschlossen auf dem Estrich, Ruedi wollte sie später nicht mehr zeigen. Es ist seinen Lebenspartnerinnen und seinen Töchtern zu verdanken, dass sie jetzt auch dieser Malphase wieder ans Licht verhelfen, die durchaus sehenswert ist.

Käthi von Burg betonte an der gutbesuchten Vernissage, wie erstaunt sie alle gewesen seien beim Zusammenstellen des Früh- und Spätwerks in beinahe 45 Jahren, wie viel Ruedi geschaffen habe in seiner Lebenszeit. Und er hat es fertig gebracht, was er sich als junger Mensch vorgenommen hatte – nur für seine Kunst und von seiner Kunst zu leben.

Ruedi Küenzi: Atelier-Ausstellung, im Buck 5, Oberschlatt; Do/Fr 16–20, Sa/So 11–17 Uhr; bis 15.12. Rudolf Küenzi, Barbara Fatzer, Susanna Kumschick, Stephanie Tremp: Farbdurst. Huber, Frauenfeld 2002, 133 Seiten, 30 Franken; vergriffen, in der Ausstellung erhältlich.