Im Spiel des Lebens mitmischen

Die Kreuzlinger Autorin Clara Kanerva legt ihr viertes Buch vor. «Neun schräge Geschichten – und eine gerade» beinhaltet Erzählungen über den ganz normalen Wahnsinn.

Bernadette Conrad
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Was macht diese Geschichten zu «schrägen» Geschichten? Ist es der Umstand, dass oft von «schrägen Vögeln» erzählt wird – Menschen, die nicht in die Schemata der Konvention hineinpassen wollen? Dodo, der junge Dosensammler, der nicht ganz richtig im Kopf ist und sich nicht so mitteilen kann, dass ihn andere verstehen? Oder Sybilla, die Obdachlose, für die Zuwendung und Fürsorglichkeit zur grössten Gefahr werden, da sie ihr kostbarstes Gut, ihre Freiheit bedrohen?

Unstillbare Neugier

Schon in den drei in rascher Folge erschienenen Romanen von Clara Kanerva war es immer wieder um Menschen am Rande der Gesellschaft gegangen – ihnen galt die Faszination der Hauptfigur Outi Lintu –, so, als gäbe es bei Menschen, die keine ganz geraden Wege gehen, andere, verborgene, aber wichtige Antworten auf Lebensfragen.

Manchen Figuren aus den Romanen begegnen wir in Clara Kanervas Abenteuergeschichten wieder: Geschichten, die angetrieben scheinen von einer unstillbaren Neugier auf die Vielfalt menschlicher Lebenswege; von einem Interesse an den kreativen Wegen, die Menschen finden, um mit Notsituationen fertig zu werden, aber auch, um das für sie «richtige» Leben zu leben.

Das richtige Leben sei anderswo

Wie geht das denn, das richtige Leben? An diesem Weihnachtsfest, als sie die Gans im Ofen hat, als sie die wie jedes Jahr nörgelnde Schwester auch noch Gehässigkeiten hinter ihrem Rücken verbreiten hört, als sie dann den Bruder abholt, der ihr vorwirft, die Schwester überhaupt eingeladen zu haben – da scheint es Sibi, das richtige Leben sei anderswo. Sie verschwindet, und niemand weiss, wohin.

Unerwartete Vorfälle passieren; immer wieder werden Menschen aufs höchste überrascht – und Clara Kanerva zeigt, dass «richtiges Leben» vielleicht sowieso nur in Momenten gelingen kann. In jenem Moment etwa, als Hilde, die an ihrem Geburtstag Stunde um Stunde auf den erwachsenen Sohn wartet und irgendwann ihre wachsende Sorge angesichts eines seltsamen Wimmerns und Weinens aus der Nachbarwohnung nicht länger ignorieren will – als sie einen lebensgefährlichen Weg wagt, im vierten Stock, hinüber zum Nachbarbalkon.

Nicht alle Geschichten enden gut, erzählt Clara Kanerva, die in ihrem anderen Leben Irma Müller-Nienstedt heisst und ein Berufsleben als Psychotherapeutin hinter sich hat, doch in diesen Geschichten vom wahren Leben, das ja bekanntermassen Gutes und Böses, Leichtes und Schweres unabsehbar miteinander kombiniert, berichtet.

Räuber und Killer

Und sie hat eine unübersehbare Schwäche für Kriminalgeschichten – wie jene, in der Konrad in die Villa der vermögenden alten Dame einbricht, um ein Gemälde zu stehlen, besser: dessen hervorragende Fälschung. Wie es kommt, dass sich die Rollen vertauschen und plötzlich die alte Dame den Räuber in die Ecke drängt; wie es vor allem kommt, dass der am Schluss der Geschichte mit einer Beute da- steht, die seine kühnsten Träume übersteigt, kann man sich nicht ausdenken.

Genauso erweist eine andere Geschichte – in der eine junge Frau einen Auftragskiller bestellt, der ihren Mann während einer Vernissage um die Ecke bringen soll, bis der Killer stattdessen selbst zum Teil der Installation wird –, dass der Standort, von dem aus Clara Kanerva schreibt, jenseits von moralischem «Richtig» und «Falsch» liegt, jenseits von Wissen oder gar Besserwissen.

Das alles ist der Mensch

Diese Autorin scheint von nichts so berührt wie von der Bandbreite und Vielfalt menschlichen Seins, und so trifft in ihren Geschichten die Kraft von Zufällen, von Begegnungen auf die Abgründe an Entfremdung und Einsamkeit, die auch zwischen Menschen bestehen. Sie selbst erweist sich dabei als hellwache Beobachterin und als sensible Sprachkünstlerin, die mit ihren Geschichten mitmischt im Spiel des Lebens.

Clara Kanerva: Neun schräge Geschichten – und eine gerade. Zaunkönigin, Kreuzlingen 2014. 192 Seiten, 20 Franken.

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