IM GEDENKEN: Flugzeugabsturz des Fussballclubs Chapecoense: Ein Jahr nach der Katastrophe

Eine der grössten Tragödien im Weltsport jährt sich erstmals. In der Nacht zum 29. November 2016 kamen beim Absturz eines Charterflugzeugs mit den Fussballern von Chapecoense 71 Menschen ums Leben.

Heiner Gerhardts (sid)
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Nach dem Flugzeugunglück der Fussballer von Chapecoense wird an der Absturzstelle nahe Medellín nach Überlebenden gesucht. (Bild: Fernando Vergara/AP)

Nach dem Flugzeugunglück der Fussballer von Chapecoense wird an der Absturzstelle nahe Medellín nach Überlebenden gesucht. (Bild: Fernando Vergara/AP)

Heiner Gerhardts (SID)

Ausgelassen hüpften die Fussballspieler durch die Kabine, schwenkten Trikots, skandierten inbrünstig das schon berüchtigte «Vamos, vamos, Chape» und verwandelten die Umkleide nach dem vorzeitig gesicherten Verbleib in Brasiliens oberster Fussballliga in ein Tollhaus. Erstmals seit dem 23. November 2016, als die kleine Associacao Chapecoense de Futebol den historischen Einzug in den Final der Copa Sudamericana auf gleiche Weise feierte, durchwehte die Arena Conda wieder pure Freude.

Das Video, gefilmt nach dem rettenden 2:1 gegen Vitoria, ist jetzt knapp zwei Wochen alt – und auch eine Hommage an die Helden, die exakt vor einem Jahr wenige Tage nach ihrem Halbfinalsieg auf dem Weg zur Partie des Lebens in den Tod flogen. In der Nacht zum 29. November zerschellte der Charterflieger, der Chapecoense zum Final-Hinspiel gegen Atlético Nacional bringen sollte, am Cerro Gordo, in der Bergregion vor der kolumbianischen Metropole Medellin. Den Absturz der Maschine mit leergeflogenen Tanks, rund 30 Kilometer vor dem Zielflughafen, überlebten nur sechs der 77 Insassen. Für 19 Spieler, 14 Mitglieder des Trainerstabes und 9 Personen aus der Clubführung blieb das Märchen vom Provinzverein aus dem ländlichen Bundesland Santa Catarina ohne Happy End.

Vom Fussballplatz ins Clublokal

Die Überlebenden wurden zum Symbol des Neuanfangs und stehen nun wieder mitten im Leben. Jakson Follman, der wegen der Teilamputation seines rechten Unterschenkels vom Tor ins Clubhaus wechselte, heiratete am 20. Oktober seine Verlobte. Ein Ja-Wort, das sich die beiden wegen der Tragödie nicht wie vorgesehen im vorigen Dezember geben konnten.

Alan Ruschel, als Erster aus dem Wrack geborgen, feierte sein Comeback im grossen Stil – vor den Augen der Welt kickte er gegen Lionel Messi und Co. im Camp Nou des FC Barcelona. Doch für den 28-Jährigen ist heute nicht immer Platz im Chapecoense-Kader. Und Helio Neto, der im Albtraum das Unglück vorausahnte, trug die schwersten Verletzungen davon. Sein Knie und sein Rücken schmerzen weiterhin, sodass an Profisport noch nicht zu denken ist.

Neben dem Spielertrio überlebte der Journalist Rafael Henzel, der auf seinem Twitter-Account den Absturztag als zweites Geburtsdatum aufführt. Die überlebenden bolivianischen Board-Crew-Mitglieder Ximena Suarez und Erwin Tumiri sind wieder in ihre Anonymität verschwunden.

Der 71 Opfer gedenken der Club und die Stadt Chapeco diese Woche im Stillen. In den Katakomben gibt es eine Fotogalerie mit Triumphgesten sowie einen Ort zum Beten. Jeder einzelne der Helden ist als Gemälde an der Stadionwand verewigt.

Die Schuldigen sind noch nicht gefunden

Fast lautlos verläuft auch die juristische Aufarbeitung. Die Opfer aus Brasilien, der Flieger aus Bolivien, der Unglücksort in Kolumbien verursachen eine komplexe Ausgangslage. So ist selbst die Schuldfrage offiziell noch nicht geklärt. Für die Hinterbliebenen wird das Warten auf die Entschädigung durch die zuständige Versicherung zur Qual. Sie haben deshalb eine Interessensvertretung gegründet – die AFAV-C, übersetzt steht die Abkürzung für «Vereinigung der Familien der Opfer vom Chapecoense-Flug».

Sportlich musste es für den Erstligisten sofort weitergehen. Die Neuverpflichtungen triumphierten auf Anhieb in der Bundesland-Meisterschaft, stürmten in der Serie A schnell auf Platz eins. Doch dann kam Chapecoense ins Straucheln, verlor symptomatisch für die Talfahrt den Achtelfinalplatz im Libertadores-Cup wegen des Einsatzes eines nicht spielberechtigen Profis. Der Provinzverein musste zudem gleich dreimal den Trainer wechseln, ehe die Konstanz zurückkehrte und der Klassenerhalt jüngst gefeiert werden durfte.

«Pra sempre Chape», für immer Chape, heisst es seit kurzem auf der Vereinswebsite. Der Link öffnet per Klick ein Portal, auf dem jeder seine Botschaft hinterlassen kann. Damit die Erinnerung an diejenigen, die ihr Leben liessen, lebendig bleibt.