Im Fotofinish zum Höhepunkt

Die Toggenburgerin Selina Büchel gewinnt an der Hallen-EM in Prag den Titel über 800 Meter. Es ist die erste Schweizer Medaille an diesem Anlass seit der silbernen von André Bucher 2002 in Wien über die gleiche Distanz.

Jörg Greb/Prag
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LEICHTATHLETIK. Solche Augenblicke hat Peter Haas noch nicht oft gefeiert. Seit 2002 ist er Chef Leistungssport von Swiss Athletic – und als solcher nicht von Erfolgen überhäuft. An der Hallen-EM in Prag verdankte er Selina Büchel gestern eine seltene Euphorie. Haas warf der 23jährigen Toggenburgerin die Schweizer Flagge zu, obwohl gar noch nicht sicher war, dass sie den Final über 800 Meter gewonnen hatte. «Es war so oder so gut», rief er Büchel zu.

Nach Sekunden der Unsicherheit folgte schliesslich der Freudenschrei: Büchel wird im Fotofinish als Europameisterin bestätigt, vier Hundertstel vor ihrer härtesten Widersacherin, der Russin Jekaterina Poistogova, klassiert. «Ich war mir keinesfalls sicher», sagte Büchel wenig später. Das Strahlen in ihrem Gesicht beim Passieren der Ziellinie begründete sie mit ihrem guten Rennen. «Weil es derart eng war, um so viel ging, blieb ich auf den letzten Metern voll auf mich konzentriert und schaute nicht auf die recht Seite hinüber.» Sie verrät: «Auch mit Silber wäre ich glücklich gewesen.»

Antwort auf den Rückschlag

Doch nun ist Büchel Europameisterin – ihr mit Abstand bedeutendster Erfolg der noch jungen Karriere der Mosnangerin. Auf internationaler Ebene hat bis gestern U23-EM-Bronze im vorletzten Sommer den Höhepunkt dargestellt. Und zuletzt musste sie gar einen Rückschlag verdauen: An der Heim-EM in Zürich verpasste sie den Finaleinzug als Neunte knapp. «Daraus bin ich schliesslich gestärkt in den Winter gegangen», sagte sie. Und jetzt dieser historische Auftritt in Prag: Es handelt sich um den ersten Schweizer Frauentitel seit 1987 und dem Triumph von Sandra Gasser, ebenfalls über 800 Meter. Und es ist die erste Schweizer Medaille an der Hallen-EM überhaupt seit 2002 und Silber von André Bucher über die gleiche Distanz.

In der tschechischen Hauptstadt zeichnete sich Büchel durch mentale Stärke, neues Selbstvertrauen und einzigartige Konstanz aus. Erstmals in ihrer Karriere hatte sie auf internationaler Ebene über drei Runden in drei Tagen zu bestehen. Ihre Antwort darauf waren Rennen, die mit Zeiten zwischen 2:01,92 (Halbfinal) und 2:01,95 Minuten (Vorlauf und Final) pendelten. Und der Halbfinal hatte Signalwirkung. «Er vermittelte mir viel Selbstvertrauen, dadurch, dass dieses schlechte Rennen doch derart gut herauskam und ich im Finish noch Reserven verspürte.»

«Drücken, drücken, drücken»

Der Final war verglichen damit ein Kinderspiel. «Am Schluss unterliefen mir taktisch keine Fehler mehr», so Büchel. Wie vorgenommen kontrollierte sie die Konkurrenz. Derart konzentriert lief die Ostschweizerin, dass für sie das Rennen im Rückblick «im Nu vorübergegangen» war. Plötzlich sah sie sich an der Spitze. «Jetzt versuchst du alles», sagte sie sich und motivierte sich mit Ausdrücken wie «Vollgas geben, drücken, drücken, drücken!» Die Rechnung ist aufgegangen. Mit dem Grosserfolg bewies sie auf eindrückliche Art, dass sie und ihre Coaches Marlis und Urs Göldi die richtigen Schlüsse aus dem wenig zufriedenstellenden vergangenen Sommer gezogen haben.

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