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Im Einsatz für das «Reich des Bösen»

Der Deutsche Markus Cramer (56), der einst Cheftrainer der Schweizer war, trainiert russische Langläufer. Selbst nach dem grossen Dopingskandal trumpfen diese weiter gross auf. Und Cramer ist von der Unschuld seiner Athleten überzeugt.
Rainer Sommerhalder
Markus Cramer mit dem russischen Athleten Sergej Ustjugow. (Bild: Jon Olav Nesvold/Imago (Oberstdorf, 2. Januar 2018))

Markus Cramer mit dem russischen Athleten Sergej Ustjugow. (Bild: Jon Olav Nesvold/Imago (Oberstdorf, 2. Januar 2018))

Nur Tage vor Weihnachten hielten russische Behörden die internationale Sportgemeinschaft in Sachen Doping einmal mehr zum Narren. Anstatt wie versprochen der Weltantidopingagentur Wada die brisanten Daten des Moskauer Labors auszuhändigen, liess man deren Delegation mit lächerlichen Argumenten schamlos ins Leere laufen. Nach wie vor fehlen der Wada damit zentrale Beweise für russische Dopingsünden.

Unter den mehreren hundert Athleten aus Russland, die aufgrund dieser sogenannten Moskauer Lims-Datenbank als Betrüger entlarvt werden sollen, befinden sich auch Langläufer. Drei der genannten Namen haben etwas gemeinsam: Sie werden oder wurden vom deutschen Trainer Markus Cramer betreut. Der 56-Jährige hat zuvor auch Spuren in der Schweiz hinterlassen, unter anderem als Chef von Dario Cologna. Zu seinen verdächtigten und zeitweise gesperrten russischen Athleten sagt Cramer: «Ich bin zu tausend Prozent überzeugt, dass sie nicht gedopt haben.» Ist der Mann nun erschreckend unwissend, grenzenlos naiv oder will er ganz einfach schamlos charmant sein?

«Der Skandal war wie ein Bombenschlag»

Als Markus Cramer im Sommer 2015 seinen Job in Russland antrat, befanden sich die Langläufer des Zarenreichs scheinbar auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Mit Alexander Legkow, Maxim Wylegschanin und Ilja Tschernoussow feierten sie wenige Monate zuvor in Sotschi einen olympischen Dreifachtriumph über 50 km. Im Herbst 2016 erreichte der Dopingskandal den russischen Langlauf frontal. «Es war wie ein Bombeneinschlag», sagt Cramer. Sein Schützling Legkow mittendrin.

Ein Jahr später gerieten auch Ustjugow und Below in den Dopingstrudel. Die Expertenkommission des IOC lud sie von den Olympischen Spielen in Südkorea aus. «All das war auch für mich hammerhart. Wenn man gestandene Männer weinen sieht und sie dir hoch und heilig versichern, nichts gemacht zu haben, dann geht das nahe», sagt Cramer. Und er ärgert sich darüber, dass Ustjugow «bis zum heutigen Tag keine Begründung erhalten hat, wieso er in Pyeongchang nicht starten durfte. Man hat ihm damit den Traum eines jeden Athleten gestohlen.»

Die Hauptdarsteller des Fünfzigers von Sotschi sind heute allesamt nicht mehr im Weltcup tätig. Obwohl der Dopingskandal plakativ ausgedrückt eine ganze Generation von Athleten weggespült hat, treten die russischen Männer derzeit in der Loipe erneut dominant auf. Mit Sergej Ustjugow, der im Gegensatz zu Olympia im Weltcup nie gesperrt war, Alexander Bolschunow, Denis Spitsow und zuletzt Davos-Sieger Jewgeni Below hat sich eine neue Generation als grösste Herausforderer der norwegischen Skikönige etabliert. Und hinter diesen Spitzenathleten drängen Dutzende weiterer Läufer nach vorne. «Man muss sich nur die Ranglisten der FIS-Rennen anschauen, wo auf den ersten sechs Positionen häufig fünf Russen auftauchen», sagt der Schweizer Langlaufchef Hippolyt Kempf.

Auch Cramer staunt über das scheinbar unerschöpfliche Reservoir im riesigen Land. An nationalen Wettkämpfen messen sich rund 200 Athleten auf Topniveau. Dabei tauchen immer wieder neue Gesichter aus den verschiedenen Regionalverbänden auf. Was fehlt, ist eine wirksame, zentral gesteuerte Talentförderung. So ist selbst einer wie Alexander Bolschunow, der vierfache Medaillengewinner der Winterspiele von Pyeongchang, nicht durch gezielte Massnahmen, sondern mehr oder weniger zufällig an die Weltspitze vorgerückt.

Unter den Regionalverbänden herrscht ein gnadenloser Wettbewerb. Die Konkurrenzsituation findet auf Stufe Weltcup ihre Fortsetzung. Cramer betreut je sechs Männer und Frauen. Neben ihm sind zwei weitere Weltcuptrainer mit ihren jeweiligen Sechserteams unterwegs. Training und Saisonvorbereitung geschehen weitgehend getrennt und unabhängig voneinander. Weil es pro Weltcuprennen insgesamt nur sechs Startplätze für die russischen Läufer gibt, kann sich ein Athlet praktisch kein schlechtes Resultat leisten. Cramer nennt das Beispiel von Davos-Sieger Below. Dieser war aufgrund seiner letztjährigen Dopingsperre nicht gesetzt und hatte genau eine Gelegenheit, sich zu präsentieren. «Wäre er dabei nicht unter die ersten zehn gelaufen, dann hätte er vielleicht den ganzen Winter lang keine Chance mehr im Weltcup erhalten.»

Bewältigt den russischen Job von Deutschland aus

Wenn Cramers Truppe vor der Saison Leistungstests absolviert, dann basieren diese auf den gleichen Parametern wie jene der Schweizer. Schliesslich hat der Deutsche während seines zweiten Abstechers zu Swiss Ski – von 1995 bis 2002 betreute er in seinem allerersten Auslandseinsatz die Schweizer Frauen – als Cheftrainer zwischen 2007 und 2010 die heute noch gebräuchliche Leistungsdiagnostik in Magglingen eingeführt.

Den Job in Russland bewältigt Cramer von Deutschland aus. Er wohnt mit seiner Familie nach wie vor in seinem Geburtsort Winterberg. Die russischen Athleten werden jeweils für zwei- oder dreiwöchige Trainingsaufenthalte aufgeboten, dazwischen halten sie sich während einer Woche individuell in ihrer Heimat fit. Cramers Gruppe trainiert praktisch ausschliesslich in Westeuropa, in der Vorbereitung auf die aktuelle Saison etwa auf Mallorca, in Deutschland, Norwegen und in der Schweiz.

Gesprochen wird in Cramers Team Englisch. Auch über Doping. Dass seine aktuellen Stars jetzt Angst haben, im Zusammenhang mit den Lims-Daten doch noch als Betrüger aufzufliegen, wäre übertrieben. «Aber natürlich ist es ein Thema.» Eines, das für Cramer hoffentlich bald abgeschlossen ist. Schliesslich würden seine Athleten mindestens so oft getestet wie alle anderen Weltklasse­läufer und wären jederzeit für die Kon­trolleure greifbar. Der russische Skiverband habe vor Pyeongchang sogar aus dem eigenen Sack 400 000 Dollar in zusätzliche Dopingkontrollen gesteckt. Für ihn ist deshalb klar: «Mit dem, was ich persönlich in den letzten zwei Jahren mitgekriegt habe, bin ich mir sicher, dass da nichts mehr kommen wird.» Zumindest er sieht in Russlands Sport alles andere als ein Reich des Bösen.

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