Ihre Schweizer Seite zählt

FUSSBALL. Die Fussballerin Rachel Rinast ist in Norddeutschland aufgewachsen, studiert und trainiert in Köln. Seit diesem Frühling spielt sie jedoch für die Schweizer Nationalmannschaft – ihren Wurzeln im Toggenburg und Appenzellerland sei Dank.

Seraina Degen/Vancouver
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Sieht man Rachel Rinast mit ihren Teamkolleginnen plaudern und lachen, scheint es, als wäre sie schon lange im Nationalteam dabei. Doch die deutsch-schweizerische Doppelbürgerin trägt erst seit März das rot-weisse Trikot. «Ich dachte immer, es sei nicht interessant, beide Pässe zu besitzen», so Rinast. Falsch gedacht. Als die 24-Jährige ihrem Berater von der Doppelbürgerschaft erzählte, stellte dieser sofort den Kontakt zu Martina Voss-Tecklenburg her. Die Nationaltrainerin hatte eine neue potenzielle Nationalspielerin auf dem Radar, sah sich ein Spiel von Rinast mit dem 1. FC Köln an, zögerte nicht lange und lud die Aussenverteidigerin an den Algarve-Cup ein.

Bedenken verflogen schnell

Und plötzlich war Rinast mittendrin in der grossen Welt des Frauenfussballs. Sie, die sich als «hibbeligen Menschen» bezeichnet, der zu viel nachdenkt, plagten Bedenken. Wie würde sie als Ausländerin, die kein Schweizerdeutsch spricht, aufgenommen? Und würde ihr beim Start gezeigt, wie alles abläuft? Alle Bedenken waren umsonst. Die sprachlichen Probleme waren schnell geklärt. Und auf dem Platz bekundete die 1,76 Meter grosse Linksfüsserin sowieso keine Schwierigkeiten. Die Leistungen brachten ihr das direkte Aufgebot für die WM in Kanada ein. «Es ist unglaublich und eine Ehre, für die Schweiz zu spielen», so Rinast, die im Startspiel gegen Japan 90 Minuten auf dem Platz stand und in der Nacht auf morgen (1 Uhr MEZ) gegen Ecuador wohl zu ihrem achten Einsatz kommen wird. Die Nationalhymne kann die Hobbysängerin bereits auswendig.

Aufgewachsen ist Rachel Rinast in Bad Segeberg im Bundesland Schleswig-Holstein. Ihre Eltern haben sich während des Studiums in Genf kennengelernt. Der Vater, ein Norddeutscher, war Psychologiedozent; die Mutter, eine Ostschweizerin, Studentin. Lange führten ihre Eltern eine Fernbeziehung, dann zog die Mutter nach Deutschland. Rinasts Grossmutter wohnt in Teufen; Onkel, Tante, Cousins und Cousinen im Toggenburg. Früher verbrachte Rinast die Ferien oft in der Schweiz. Heute kommt sie höchstens zweimal pro Jahr zu Besuch. Die Weihnachtsfeiertage verbringt sie oft im Appenzellerland.

Köln als neue Heimat

Rinasts Karriere hingegen begann im hohen Norden. Bis im Alter von 16 Jahren spielte sie bei den Buben mit, daneben betrieb sie intensiv Siebenkampf. Über Vereine in der Landesliga und der 2. Bundesliga Nord kam sie 2010 aufgrund ihres Studiums (Sport und Deutsch im Lehramt) nach Köln und schloss sich dem SC in der 2. Bundesliga Süd an. Sie erhielt vom Deutschen Fussballbund ein Aufgebot für einen U18-Lehrgang, spielte aber nie im DFB-Trikot. Köln bezeichnet sie als «die beste Stadt der Welt» – dort wird sie ab Herbst auch das Masterstudium aufnehmen.

Und ab nächster Saison spielt Rachel Rinast auch wieder in der höchsten deutschen Frauenliga: Mit ihrem Verein schaffte sie den Aufstieg in die 1. Bundesliga. Eigentlich ihr zweiter in kurzer Zeit: Auch ihr neues Dasein als Nationalspielerin kann als solchen bezeichnet werden.