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Identität in der Welt suchen

Im Bodmanhaus in Gottlieben hat Jochen Kelter sein neuestes Buch «Der Sprung aus dem Kopf» vorgestellt. Warum er sich manchmal seine Wut rausschreibt, hat er im Gespräch mit Stefan Keller verraten.
Severin Schwendener
Den «Sprung aus dem Kopf» wagt Autor Jochen Kelter (r.) in seinen Texten. Seinen neuen Essayband hat er mit Stefan Keller diskutiert. (Bild: Severin Schwendener)

Den «Sprung aus dem Kopf» wagt Autor Jochen Kelter (r.) in seinen Texten. Seinen neuen Essayband hat er mit Stefan Keller diskutiert. (Bild: Severin Schwendener)

GOTTLIEBEN. Essays aus dreissig Jahren hat Jochen Kelter in seinem Buch «Der Sprung aus dem Kopf» zusammengetragen. Geschichten, die mit einer «fast schon altmodischen Eleganz der Prosa» bestechen, wie Moderator und Literaturhausleiter Stefan Keller in seiner Laudatio sagte. Kelter habe als «perfekt integrierter Aussenseiter einer Gegend ins Gesicht geschaut» und mit «Der Sprung aus dem Kopf» gleichzeitig auch einen Sprung in die Welt hinaus getan.

Texte, süffig wie guter Wein

In den vier Essays – drei davon neueren Datums –, die Kelter danach vorstellte, bewies der in Paris und am Untersee lebende Autor einmal mehr den Scharfblick, mit dem er die Welt betrachtet. Kelter beobachtet, Kelter kommentiert und hat eine Meinung, seine Texte sind süffig wie guter Wein, gespickt mit Ironie und, ja, nicht selten Wut.

Zorn dringt aus jedem einzelnen Wort, wenn Kelter beschreibt, wie wir «unsere Gegend wegwerfen», wie die Kreuzlinger Siedlungswalze sich ausbreitet und die Dörfer im Umfeld niedertrampelt. Er prangert die blinde Bauwut an, die weite Teile des Mittellandes verschandelt hat, mokiert sich über die in Kreuzlingen wuchernden Kreisel-Kunstwerke, die bar jeder Identität einfach nur den «irregeleiteten Geschmack von Kleinbürgern» repräsentierten, die doch an nichts ausser als an Profit zu denken imstande wären.

Identität ist denn auch als roter Faden auszumachen, der sich durch die vorgestellten Texte zieht. Kelter forscht den Ursprüngen seines Namens nach, findet in Paris in einer Gedenkstätte die Namen zweier jüdischer Kelter, die in Auschwitz zu Tode gekommen sind, und stellt gleichzeitig mit den schwer fassbaren Emotionen eine gewisse Erleichterung fest: die Erleichterung dessen, der nicht beteiligt, nicht dabei war.

Beidseits der Grenze

Identität ist auch das Kernthema seines Essays über Migration. Kelter, selbst wegen eines an der Uni Konstanz verhängten Berufsverbots in die Schweiz eingewandert und mit dem Wunsch, «nie wieder ins Reich zurückzukehren», hier wohnhaft, ja heimisch geworden, beobachtet Schweizer und Ausländer, wie sie in diesem Land aufeinandertreffen und sich reiben.

Und er plädiert für mehr Gelassenheit. «Ja, auch ich mag dieses platte, schnoddrige Deutsch nicht, mit dem jemand im Gasthof sein Essen bestellt», liest Kelter, betont aber: «Denkt daran, was Deutsche in der Schweiz alles geschaffen haben. Bührle, Gründer der gleichnamigen Waffenfabrik: ein Deutscher. Die Steckborner Bernina: gegründet von einem Deutschen.» Um mit feiner Ironie zu schliessen: «Wer weiss, was da noch alles Grosses zuzieht.» Kelter kennt beide Welten, als Weltenbürger ist er hier daheim, aber «ohne den Thurgauer Lehm an den Schuhen». Im Gespräch mit Stefan Keller erzählte er von seiner Liebe zur Bodenseeregion, die jedoch im November rasant schwinde. «Da bietet die Grossstadt Paris dann doch mehr Anregungen.»

Aus der Wut heraus schreiben

Nur diese Zuneigung kann wohl auch erklären, warum Kelter immer wieder seine Wut herausschreiben muss. Er regt sich auf über Betonwüsten, über Agglomerationen ohne Charakter und Identität, die weder Stadt noch Land sind, sondern einfach nur hässlich. Er nennt Kreuzlingen ein Sammelsurium von Häusern und Freiflächen, regt sich auf über Strassen und Autobahnen, die die Landschaft zerstören. Und er schreibt, schreibt an gegen diese Entwicklungen, die ihm nicht gefallen. «Beim Formulieren geht die Temperatur runter», sagt Kelter und schmunzelt leicht.

Was es seiner Meinung nach generell brauche, sei die «Fähigkeit zu sehen, zu spüren». Dass Jochen Kelter diese Fähigkeit in hohem Masse hat und seine Beobachtungen wie bereits vor 30 Jahren in einer «Prosa von fast altmodischer Eleganz» zu Papier bringt, hat er eindrücklich unter Beweis gestellt. «Der Sprung aus dem Kopf» vereint eine klare, pointierte Meinung mit einer wunderschönen Sprache, die mit einem ordentlichen Schuss Ironie zum Nachdenken anregt.

Jochen Kelter: Der Sprung aus dem Kopf. Essays und Texte 1981–2011. Allitera, München 2012. 222 Seiten

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