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Ciriaco Sforza ist im Soll: Mit dem FC Wil – aber auch mit sich selbst

Ciriaco Sforza hat sich selber verändert, er hat den FC Wil verändert – und am liebsten würde er den ganzen Schweizer Fussball verändern.
Ralf Streule
Ciriaco Sforza, mit dem FC Wil auf Platz zwei: «Egal wo wir in der Tabelle stehen würden: Ich wäre entspannt.» (Bilder: Ralph Ribi)

Ciriaco Sforza, mit dem FC Wil auf Platz zwei: «Egal wo wir in der Tabelle stehen würden: Ich wäre entspannt.» (Bilder: Ralph Ribi)

Es gibt viele dieser Geschichten. Geschichten von geläuterten Fussballern und Trainern, die stolpern oder fallen mussten, um ihren Weg zu finden. Die Geschichte von Ciriaco Sforza ist eine solche – zumindest ist sie es in der Momentaufnahme. Wie der Trainer des FC Wil entspannt zum Interview kommt. Wie er nach dem Training frisch geduscht vor der Kaffeemaschine steht und an den noch offenen Hemdärmeln nestelt. Wie er gemütlich auf dem Sofa Platz nimmt. Das alles deutet darauf hin: Hier fühlt sich einer wohl, hier muss sich einer nicht anpassen, hier ist einer angekommen. Platz zwei mit dem FC Wil nach den ersten fünf Saisonspielen, eine blutjunge Mannschaft, die «mental schon viel weiter ist, als ich erwartet hätte»: Vieles passt für «Ciri». Für die einstige Fussballgrösse, die vor dem Engagement in Wil während dreier Jahre von der Fussball-Landkarte verschwunden war.

Der 49-Jährige sagt: «Egal wo wir in der Tabelle stehen würden, ich wäre entspannt.» Weil das Umfeld stimme. Weil sein Weg stimme und jener der Mannschaft. Und: «Weil ich mit mir im Reinen bin und bei mir bleibe.»

«Ich weiss jetzt genau: Der Körper gibt mir Zeichen.»

Höchste Zeit, misstrauisch zu werden. Ein Mann, der als Fussballer alles erreicht hat, 79 Spiele für das Nationalteam absolviert hat, 1994 an der WM schon mit 24 Jahren nationalen Legendenstatus erreichte, 1998 mit Kaiserslautern Meister wurde, bei Bayern München spielte, später Luzern, die Grasshoppers und Thun trainierte, soll nun also im Fussball-Städtchen so richtig glücklich werden? Nach einer Gesprächsstunde mit eindringlichen Sätzen Sforzas nimmt man ihm die Geschichte des Gewandelten ab. Zumindest glaubt man daran, dass er selber mit jeder Faser daran glaubt.

Sforza, der im vergangenen April in Wil einen Vertrag bis 2022 unterschrieben hat, hatte als Trainer seine Erfolge, aber eben auch Tiefpunkte. Nach seinem Start in Luzern war die Zeit bei GC besonders prägend. Auf zwei zufriedenstellende Saisons folgte eine ungenügende – und im Sommer 2012 das Aus. Sforza kämpfte mit einem Burn-out, Tränen flossen plötzlich und unkontrolliert, wie er später dem «Tages-Anzeiger» erzählte. Die Angst, man wolle ihm schaden, brachte er nicht aus dem Kopf. Dennoch hatte er bei seiner nächsten Anstellung Erfolg. Den FC Wohlen, das Team aus seiner Heimatstadt, führte er auf den dritten Platz der Challenge League. Das kurze Intermezzo in Thun danach war aber ein Missverständnis. Sforza sagt:

«Ich war damals nicht bei mir, hatte zu schnell gehandelt.»

Im Jahr danach, 2017, lag sein Vater im Sterben, tägliche Gespräche, «von keinem wusste man, ob es das letzte sein würde», hätten ihn geprägt. «Da fiel das Zwänzgi definitiv.»

Er arbeitete am Mentalen, kam zur Überzeugung, Jobs nur noch anzunehmen, wenn es wirklich passt. «Ich bin klarer und direkter geworden. In der Kommunikation und mit mir selbst. Ich will nicht mehr jufle», sagt Sforza. Er habe gelernt, dass es «mit Angst und negativem Druck nicht gut kommt». Und auch das Burn-out habe ihn gelehrt. «Ich weiss jetzt genau: Der Körper gibt mir Zeichen.»

Fussballkenner mit klaren Vorstellungen und Beobachtungsgabe

Als er nach Wil kam, titelte die NZZ: «Sforza darf wieder Trainer sein.» Den Eindruck, Wil sei der einzige Club, der sich erbarmte, räumt er aus. Andere Angebote waren da, aber er wollte sich Zeit geben. Zeit war ein Luxus, den er hatte – dank seiner grossen Karriere.

In Wil also, da passe es. Weil sich seine Ansichten mit jenen des Clubs deckten. «Und ich spüre eine grosse Loyalität im Verein. Das ist das Wichtigste.» Wil passe, weil er vieles mitentwickeln dürfe. Das Team umzukrempeln und auf U-Nationalspieler zu setzen, war Sforzas Wunsch. Er deckte sich mit dem des Vereins, finanziell nicht zu überborden. In Wil laufe «vieles über Sforza», heisst es im Club – im positiven Sinn gemeint. Das schwache Saisonende unter Sforza ist vergessen: Seine Ideen griffen erst mit dem Umbruch.

Dass Sforza ein Fussballkenner mit klaren Vorstellungen und Beobachtungsgabe ist, blitzt im Gespräch oft auf. Die Startschwächen der Wiler in den vergangenen Spielen analysiert er detailliert. Das junge Team müsse die schwierige Mischung zwischen Geduld und initiativem Spiel erst noch finden. Er spricht über die Winnermentalität, die sich in den Köpfen der Jungen erst festsetze. Und über die Wichtigkeit eines Routiniers wie Philipp Muntwiler, der auch mal «d’Schneuggi» auftut.

Er freut sich, ist der Club bereit, auf Talente zu setzen. Und kritisiert gleichzeitig Vereine, gerade aus der Super League, die jungen Spielern wenig Vertrauen schenkten, oder Clubs, in denen falsche Hierarchien herrschten und in denen Präsidenten sich zu wichtig nehmen. Eine Abrechnung mit der Vergangenheit? Eher grundsätzliche Überlegungen, sagt Sforza. «Der Mut, eine langfristige Strategie mit jungen Spielern zu verfolgen, fehlt vielen.» Aber genau darum gehe es doch im Fussball-Ausbildungsland Schweiz.

Ruhiger an der Seitenlinie, mit Überblick im Training

Man sagt von Sforza, er sei an der Seitenlinie ruhiger geworden. «Früher konnte ich nicht loslassen.» Heute setze er sich im Training auch mal auf die Tribüne, um die Körpersprache der Spieler zu lesen, um alles wirken zu lassen. «Du kommst so zu ganz anderen Resultaten.»

Und sollte es in der Liga doch einmal ungemütlich werden? «Die Angst vor dem Versagen ist allgegenwärtig», sagte Sforza vor Jahren. «Ich meinte damals, ich hätte viel zu verlieren», sagt er heute. Und wenn er sich irgendwann doch wieder ins Negative reinziehen lasse: «Dann höre ich lieber auf.»

Am Samstagabend gegen den FC Aarau

Der zweitplatzierte FC Wil tritt am Samstag, 19 Uhr, beim FC Aarau an. Mit einem Sieg könnte er an der Spitze zu Lausanne aufschliessen und gleichzeitig neun Punkte zwischen sich und seinen Gegner legen. Trotz Tabellenlage sieht Sforza sein Team nicht im Vorteil. «Aarau hat viel Erfahrung, ist lauf- und zweikampfstark. Und es muss auf das 1:5 gegen Lausanne reagieren.» (rst)

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