Interview

Thurgauer Radprofi Stefan Bissegger mit hohen Zielen: «Ich will immer der Beste sein»

Der 21-jährige Stefan Bissegger fährt im nächsten Jahr für die Profimannschaft, in welcher der dreifache Weltmeister Peter Sagan zum Siegfahrer reifte. Bissegger wurde zum besten Nachwuchsathlet im Land gewählt, nachdem er an der Strassen-WM in Nordengland die Silbermedaille im U23-Rennen gewonnen hatte.

Interview: Daniel Good
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Stefan Bisseggers bisher grösser Moment: Etappensieg an der Tour de l’Avenir. Bild: Elisa Haumesser

Stefan Bisseggers bisher grösser Moment: Etappensieg an der Tour de l’Avenir. Bild: Elisa Haumesser

Er ist seit September 21-jährig und gehört weltweit zu den stärksten Veloprofis seines Alters. Stefan Bissegger war schon Junioren-Weltmeister und Weltrekordhalter. Er hat auch in der Elite Grosses vor. Der Thurgauer hat einen Vertrag mit dem World-Tour-Rennstall Education First im Sack. Mit dem Team, von dem der Slowake Peter Sagan viel profitierte.

Sie haben am Mittwoch wieder eine sechsstündige Trainingsfahrt vor sich. Hat man als Veloprofi nie Ferien?

Stefan Bissegger: Eigentlich schon. Die reinen Strassenprofis können ein paar Wochen Pause machen. Weil ich aber auf der Bahn und der Strasse um Spitzenplätze fahre, habe ich das ganze Jahr Saison und muss immer in Form sein. Es ist sicher eine Gratwanderung für den Körper. Allzu lange kann man das nicht durchstehen. Deshalb wechsle ich nach den Olympischen Spielen 2020 in Tokio ganz auf die Strasse.

Sie haben bald wieder eine grosse Reise vor sich. Im Kampf um die Olympia-Qualifikation starten Sie mit dem Schweizer Bahnvierer an den Weltcups in Neuseeland und Australien. Wie bereiten Sie sich auf diese wichtigen Rennen vor?

Mir tun lange Ausfahrten gut, um für die kurzen Einsätze auf der Bahn bereit zu sein. Ich weiss mittlerweile, welche Balance mein Körper im Training braucht, um in den Wettkämpfen das Maximum abzurufen. Aber das ist sehr individuell. Andere Athleten haben viel weniger Kilometer in den Beinen als ich, wenn sie zu den Bahnrennen kommen.

Für die Rennen in Ozeanien sind Sie wieder dreieinhalb Wochen unterwegs. Was sagt Ihre Freundin dazu, mit der Sie im September zusammengezogen sind?

Sie sagt nicht: «Musst Du schon wieder gehen?» Vielmehr spricht sie mir Mut zu. Sie unterstützt mich im Sport zu hundert Prozent und macht kein grosses Drama, wenn ich wieder einmal verreise.

Zu Beginn der Strassensaison 2019 stürzten Sie fünfmal. Wie fingen Sie sich auf?

Ich machte im Kopf eine schwierige Phase durch. Aber mein Mentaltrainer brachte mich zurück auf den Damm, sodass ich im Feld wieder problemlos angreifen konnte. Seine Methoden gehen Richtung Hypnose. Es geht darum, die Reflexe wieder so zu schulen, damit man gefährliche Situationen unbehelligt übersteht. Er kümmert sich auch um den WM-Dritten Stefan Küng. Unser Mentaltrainer weiss also, was zu tun ist.

Sie fuhren in diesem Herbst in der Einzelverfolgung mit 4:10 Minuten über 4000 Meter auf der Bahn über fünf Sekunden schneller als Stefan Küng 2015, als dieser Europameister wurde. Aber der Weltrekord steht seit kurzem bei 4:02 Minuten. Gibt Ihnen das zu denken?

Da fängt man schon an zu überlegen. Lange bewegte sich der Weltrekord etwa bei 4:10. Am Material allein kann es sicher nicht liegen. Und der Italiener Filippo Ganna profitierte in Minsk ja auch nicht von der Höhenlage. Da wird man schon misstrauisch.

Die Erfolge bei den Junioren waren nicht nur gut für Sie. Weshalb? Welche Lehren zogen Sie daraus?

Als ich Weltmeister wurde, hat sich ein Traum erfüllt. Ich war noch jung und plötzlich fehlte ein neues Ziel. Alle gratulierten mir, ich wurde herumgereicht und war im Training weniger motiviert. Jetzt weiss ich: Ich muss immer am Ball bleiben, egal was passiert.

Silber war schön an der U23-WM. Aber Ihr Ziel war Gold. Sie haben über eine Woche lang nachgedacht, weshalb es nicht reichte. Wissen Sie es nun?

Nein, ich habe noch keine Lösung gefunden. Hätte ich den Spurt auf der Zielgeraden früher anziehen sollen? Aber dann hätte ich vielleicht alle am Hinterrad gehabt und möglicherweise gar keine Medaille geholt. Ich weiss es nicht. Es war auf jeden Fall hart, die Niederlage zu verarbeiten. Denn ich will immer der Beste sein.

Schon als 20-Jähriger haben Sie für 2020 einen Vertrag bei einem Strassenrennstall der höchsten Kategorie erhalten. Weshalb fiel die Wahl auf das amerikanische Team Education First?

Diese Mannschaft ist sehr international besetzt. Deshalb erhalte ich auch als Neuling und junger Fahrer Freiheiten. Ich kann meine Chancen nutzen und muss nicht nur Helferdienste verrichten. Wenn du für eine französische Mannschaft fährst, ist der französische Rennfahrer der Chef im Team, auch wenn du besser bist.

Es gab sicher auch andere Angebote von Mannschaften aus der World Tour?

Definitiv ja. Aber seit ich mit Velofahren begonnen habe, verfolge ich dieses Team, das früher Cannondale hiess. Auch in Sachen Material ist Education First auf einem hohen Niveau mit Konstanz. Es gibt Mannschaften, die jedes Jahr das Velo wechseln. Zudem riet mir mein Trainer Marcello Albasini zum Wechsel zu Education First.

Auch Peter Sagan lancierte seine Profikarriere im Team, für das Sie ab nächstem Jahr fahren.

Sagan erhielt die notwendigen Freiheiten und entwickelte sich zum Siegfahrer. Ich hoffe, dass es für mich in eine ähnliche Richtung geht.

Sie werden Teamkollege von Alberto Bettiol, dem Gewinner der Flandern-Rundfahrt. Ist das auch für Sie ein Ziel?

Auf jeden Fall. Solche Rennen sind auf mich zugeschnitten. Die U23-WM fand auf einem ähnliche Parcours statt. Deshalb rechnete ich mir ja auch so grosse Chancen aus.

Wie ist es, Mitte November mit dem Velo stundenlang durch die Ostschweiz zu fahren?

Die Temperaturen sind schon tief. So lange es nicht regnet, geht es. Sonst wird es unangenehm. Aber da muss man durch.