«Ich will Action auf dem Eis»

Der Uzwiler Lars Leuenberger ist seit einer Woche Cheftrainer des SC Bern. Anders als vor zwei Jahren ist der bisherige Assistenzcoach diesmal nicht nur als Übergangslösung vorgesehen. Auch weil er an der Bande gereift ist.

Matthias Hafen/Bern
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Herr Leuenberger, haben Sie sich in Ihrer neuen Garderobe schnell zurechtgefunden?

Lars Leuenberger: Beim SC Bern sind wir Coaches alle zusammen in einer Garderobe. Ich habe nur das Pult wechseln müssen. Aber die Verantwortung ist ungleich grösser geworden dadurch.

Inwiefern spüren Sie diese?

Leuenberger: Die Spieler verlangen von mir eine klare Linie und diese muss ich vertreten. Vorher war ich quasi der Flüsterer. Ich habe vor allem dann etwas gesagt oder getan, wenn der Headcoach es von mir verlangt hatte.

Haben Sie als Assistent nicht auch auf diese Chance gewartet, einmal Cheftrainer in der NLA zu sein?

Leuenberger: Ich habe im Sport gelernt, dass man seine Karriere nicht planen kann. Chancen kommen plötzlich. Entweder packst du sie dann oder nicht. Vor zwei Jahren, als ich interimsmässig für den entlassenen Antti Törmänen übernommen habe, erzielte ich zwar auf Anhieb gute Resultate und habe deshalb etwa doch 20 Spiele gemacht. Aber ich war noch nicht bereit, langfristig Headcoach zu sein.

Was hat dazu geführt, dass Sie nun nicht mehr nur die Übergangslösung sind für den SC Bern?

Leuenberger: Erst mal waren die Umstände ganz anders vor zwei Jahren. Meine Frau war damals im neunten Monat schwanger, zudem hatten wir schon ein kleines Kind zusammen. Ich wollte die Familie geniessen, weil sie für mich das Grösste ist. Aber ich habe mich in den zwei Jahren, in denen ich nach der Anstellung von Guy Boucher wieder als Assistenztrainer gearbeitet habe, nochmals weiterentwickelt an der Bande. Ich weiss nun, was es braucht, um diese Verantwortung zu übernehmen. Aber ich will festhalten, dass ich meinen Job als Assistenztrainer sehr gemocht habe und ich hinter Guy Boucher nicht ungeduldig darauf gewartet habe, bis ich an die Reihe komme. Ich wollte nicht, dass es so kommt.

Angenommen, Sie hätten diese Chance beim SC Bern nicht bekommen, wäre es dann für Sie eine Option gewesen, bei einem anderen Club als Cheftrainer anzuheuern?

Leuenberger: In unserem Job muss man irgendwann überlegen, was man will. Ich möchte sehen, wie meine Kinder aufwachsen. Das ist mir am wichtigsten. Ich bin sehr gerne irgendwo Headcoach. Aber in meinem Fall muss alles mit der Familie abgestimmt sein. Ich habe mich für eine Familie entschieden und ordne ihr alles unter. Ich habe schon erlebt, dass sich Trainer und ihre Familien auseinandergelebt haben, weil sich die Arbeit nicht mit der Familie vereinbaren liess. Diesen Preis bezahle ich nicht.

Einen Preis haben Sie aber bezahlt.

Leuenberger: Was meinen Sie?

Man sagt, Ihr Bruder Sven habe Sie als neuen Cheftrainer vorgeschlagen und im gleichen Atemzug seinen Job als Sportchef zur Verfügung gestellt, weil gemäss Aussagen des Clubs ein Brüderpaar an der sportlichen Spitze nicht in Frage komme.

Leuenberger: Also das ist eine Geschichte, die mich noch immer traurig macht. Ich verstehe nicht, weshalb dies nicht möglich sein soll, dass der Trainer und der Sportchef eines Clubs Brüder sein sollen. Nur weil dies die Meinung der Öffentlichkeit und der Leute in den sozialen Medien ist? Das finde ich tragisch. Wir haben beide eine grosse Leidenschaft für diesen Club.

Inwiefern hat diese Geschichte das Verhältnis zu Ihrem Bruder beeinträchtigt?

Leuenberger: Zwischenmenschlich sollte dies eigentlich nichts ausmachen. Aber wir sehen uns bei der täglichen Arbeit nicht mehr oft, weil er sich neu um den Nachwuchs kümmert. Das bedaure ich sehr und es beschäftigt mich dermassen, dass ich eigentlich gar nicht mehr darüber sprechen möchte.

Haben Sie und Sven den Entscheid miteinander besprochen, bevor er gefällt wurde?

Leuenberger: Nein, bei Bouchers Entlassung bekam ich nicht mit, was hinter den Kulissen besprochen wurde.

Zurück zum Sportlichen: Was werden Sie machen, damit der SC Bern wieder in die Gänge kommt?

Leuenberger: Ich bin überzeugt, dass wir genügend Qualität haben, wenn alle Spieler gesund sind. Im Moment beklagen wir acht Verletzte. Von sechs Ausländern können nur drei spielen. Wenn wir aber wieder vollständig sind, dann möchte ich, dass wir wieder vermehrt mit zwei Mann vorchecken und einer hinten absichert.

Also zurück zum alten, offensiven und kämpferischen SC Bern?

Leuenberger: Ich glaube nicht, dass man das Rad der Zeit zurückdrehen kann. Zurück zum alten SC Bern, zu Zeiten, in denen der Club die Nationalliga A dominiert hat, ist in der heutigen Zeit mit dieser ausgeglichenen Liga wohl Wunschdenken.

Wir meinten gar nicht so weit zurück. Aber der SC Bern steht doch auch heute noch für eine bestimmte Art Eishockey, die kämpferische, offensive. Das wollen die Anhänger sehen, nachdem unter Guy Boucher das Augenmerk zuletzt vor allem der Defensive galt.

Leuenberger: Ja, das denke ich auch. Ich arbeite deshalb auf ein gradliniges Eishockey hin, mit dem wir direkt für Torgefahr sorgen können. Es soll Action sein auf dem Eis. Das ist mir wichtig.

Wie legen Sie Ihre Aufgabe als Cheftrainer aus?

Leuenberger: Ich denke, der Job wird je länger, je mehr ein Managen von Leuten. Wenn die Mannschaft einmal zusammengestellt ist und die Leitplanken für die Spieler gesetzt sind, dann geht es hauptsächlich noch darum, die Leute bei Laune zu halten. Als Cheftrainer muss man bereit sein, einem Spieler die Wahrheit direkt ins Gesicht zu sagen. Sonst fressen dich die Spieler auf in der Garderobe. Das habe ich während meiner Zeit als Assistent gelernt. Persönlich werde ich nie ein Trainer sein, der das Rampenlicht sucht. Für mich sind die Spieler die Stars und nicht der Coach.