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Interview

«Ich verstehe es, dass die anderen Frauen frustriert sind»

Sabine Kuster
Endokrinologin Estilla Maurer-Major. Bild: PD

Endokrinologin Estilla Maurer-Major. Bild: PD

Wann ist eine Frau eine Frau, ganz allgemein gesehen?

Estilla Maurer-Major: Im Prinzip ist das Geschlecht chromosomal festgelegt, in der Regel mit XX und XY. Das ist eine Konstante. Aber man kann davon abdriften, auch je nach Hormonlevel oder wie das Geschlecht ausgelebt wird. Ich finde, man hat jenes Geschlecht, wie man sich im Alltag fühlt.

Dass eine Frau mehr Testosteron im Blut hat als 5 nmol/l ist sehr, sehr selten. Was sind das für Frauen?

Diese Frauen haben meist eine Hormonstörung wegen eines Enzymdefektes. Am häufigsten ist das adrenogenitale Syndrom, eine Nebennierenrindenstörung. Die Nebenniere muss wie wahnsinnig arbeiten, um die Störung auszugleichen und so kommt es gleichzeitig zu einer überhöhten Produktion von männlichen Hormonen. Diese häufigste Störung hat nichts mit Hoden oder Eierstöcken zu tun, sondern eben mit der Nebenniere.

Wie wirkt sich das psychisch oder physisch aus?

Diese Frauen sind schon als Kind vermännlicht im Aussehen: kräftige Schultern, mehr Muskelmasse, weniger ausgeprägte Taille, ab der Pubertät Behaarung an Oberlippe und den Brustwarzen. Diese Vorgänge können nur teilweise gehemmt werden.

Wie mit dieser Pille, welche solche Sportlerinnen nehmen sollen?

Ja, mit Androcur beispielsweise kann man den aktuellen Testosteronlevel zurückfahren. Die Behaarung nimmt ab, aber das vermännlichte Skelett, eine vergrösserte Klitoris und die tiefe Stimme kann man nicht mehr rückgängig machen. Die Muskelmasse wird nur wenig weiblicher.

Fänden Sie eine Testosteron-Obergrenze im Sport richtig?

Ja. Testosteron-Doping ist auch verboten.

Diese Frauen sind nicht gedopt.

Schon, aber wenn eine Frau mit durchschnittlichem Hormonspiegel ihr Testosteronwert so stark erhöhen würde, würde sie disqualifiziert. Wobei klar ist, dass die testosteronsenkenden Medikamente depressiv machen können, sie senken ausserdem die Libido und auch den Kampfgeist.

Diese Frauen müssen also Nebenwirkungen in Kauf nehmen.

Ja, aber sie sollten nicht dazu gezwungen werden. Eine dritte Liga für solche Frauen würde Sinn machen, sie sind eine Klasse für sich. Ich verstehe es, dass die anderen Frauen frustriert sind, wenn sie gegen eine solche Frau laufen müssen und komplett chancenlos sind.

Eine solche dritte Liga wird es wohl nie geben. Diese Frauen könnten keinen Spitzensport mehr machen.

Ja, manchmal muss man im Leben zwischen den Interessen von vielen und jenen von wenigen entscheiden. Solche unfairen Bedingungen machen die Sportwettkämpfe sonst zum Hohn. Aus diesem Grund würde ich für eine Testosteron-Höchstgrenze votieren. Wie hoch die ist, muss man aushandeln.

Sie haben auch Patienten, die nicht intersexuell sind, sondern biologisch eindeutig, sich aber dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen: Trans-Menschen. Diese nehmen teils Testosteron oder Östrogen ein, auch wenn sie nicht in der Sportwelt bestehen müssen. Sollte jeder frei über die Einnahme von Hormonen entscheiden können?

Nein, überhaupt nicht. Diese Hormone haben wahnsinnige Auswirkungen auf den Stoffwechsel. Androgene können eine Psychose auslösen, und sie haben Suchtpotenzial, denn sie sind antriebssteigernd und stimmungsaufhellend. In den 80er-Jahren hat man Frauen mit schwacher Libido oder zur Behandlung anderer Probleme Testosteron relativ freizügig verabreicht: Die wurden schwerst abhängig. Ausserdem steigt bei Frau-zu-Mann-Transsexuellen, die Testosteron einnehmen, das Risiko für Herzinfarkt und andere Gefässprobleme massiv.

Zur Person: Estilla Maurer ist Gynäkologin und Endokrinologin. Sie führt eine Praxis in Oerlikon.

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