Interview

«Ich muss als Teamspieler nochmals einen Schritt machen»: Der Herisauer NHL-Profi Timo Meier blickt selbstkritisch auf die Saison zurück

Während für viele NHL-Clubs der Spielbetrieb Ende Juli fortgesetzt werden dürfte, ist für Timo Meier und sein Team San Jose die Saison beendet. Der 23-jährige Ostschweizer erklärt im grossen Interview, weshalb er mit Wut ins Sommertraining geht, was ihm zum kompletten Spieler noch fehlt – und äussert sich zu seinem ersten eigenen Hockeycamp in Herisau.

Tim Frei
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Der NHL-Flügelstürmer Timo Meier beendete die Saison 2019/2020 als Topskorer von San Jose. Journalisten haben ihn zum besten Spieler der Kalifornier gewählt.

Der NHL-Flügelstürmer Timo Meier beendete die Saison 2019/2020 als Topskorer von San Jose. Journalisten haben ihn zum besten Spieler der Kalifornier gewählt.

Gregory Shamus / Getty Images (Detroit, 31. Dezember 2019)

Als Timo Meier vor einem Jahr seinen Vertrag mit dem NHL-Team San Jose um vier Jahre verlängert hatte, sollte dies der Startschuss zu etwas ganz Grossem werden. Doch es kam anders: Die Kalifornier starteten schlecht in die Meisterschaft und fanden den Tritt nie mehr so richtig. Als die Saison am 12. März wegen der Coronapandemie unterbrochen wurde, war San Jose Drittletzter.

24 NHL-Teams in zwei Städten

Die NHL-Saison ist am 12. März unterbrochen worden. Für 7 der 31 Teams ist damit Saisonschluss. Für Buffalo (mit Ralph Krueger), New Jersey (mit Nico Hischier und Mirco Müller), San Jose (mit Timo Meier) sowie für Ottawa, Detroit, Anaheim und Los Angeles. Die übrigen 24 Teams sollen am 11. Juli mit dem Training beginnen und ab dem 30. Juli in zwei Städten (im Gespräch sind Las Vegas und Vancouver) die Stanley Cup-Finalisten ausspielen. Für Roman Josi und Yannick Weber (Nashville), Gaëtan Haas (Edmonton), Sven Bärtschi (Vancouver), Jonas Siegenthaler (Washington), Dean Kukan und Elvis Merzlikins (Columbus), Nino Niederreiter (Carolina), Kevin Fiala (Minnesota), Denis Malgin (Toronto) und Luca Sbisa (Winnipeg) geht die Saison also weiter. Aber wegen der Coronakrise wird die Saison möglicherweise doch abgebrochen. (kza)

Für Timo Meier und sein Team ist die Saison nun also beendet. Obwohl der 23-jährige Herisauer bester Skorer von San Jose war, ist er alles andere als zufrieden mit seiner Saison. Nach einem Eishockeytraining in Romanshorn gibt Meier Auskunft.

Wenn man Sie auf dem Eis beobachtet, scheint es, als hätten Sie den Frust über Ihr Saisonende längstens verdaut. Täuscht der Eindruck?

Timo Meier: Ich bin kein Mensch, der stark und lange nachtrauert. Ich versuche, mich auf die Zukunft zu konzentrieren und auf das, was ich beeinflussen kann.

Hand aufs Herz: Als das Saisonende für San Jose Ende Mai offiziell wurde, fielen Sie da nicht in ein Tief?

Nein. Die Coronakrise hat überall auf der Welt zu Problemen geführt, die bedeutender als der Sport sind. Deshalb traten die Gedanken ans Eishockey in dieser Zeit in den Hintergrund.

Der Lockdown war auch positiv für Sie: Ihre 66 Punkte aus der Vorsaison bleiben Schweizer Rekord– Roman Josi stand beim Abbruch der Qualifikation bei 65 Punkten. Mussten Sie sich schon Sprüche von ihm anhören?

Nein, bei uns Spielern ist das kein so grosses Thema. Ich bin mir bewusst, dass der Rekord nicht ewig hält – wir haben so viele gute Schweizer NHL-Spieler, die ihn knacken können. Auch ich habe das Ziel, die 66 Punkte zu übertrumpfen. Mich hätte es gefreut, wenn Roman Josi den Rekord gebrochen hätte. Das wäre für mich Motivation gewesen, noch besser zu sein in der nächsten Saison.

Was fiel Ihnen in der Coronazeit besonders schwer?

Weil lange ungewiss war, wie und ob es in der NHL weitergeht, konnte ich nie wirklich abschalten. Da wir jetzt endlich Gewissheit haben, kann ich die Zeit in der Heimat viel mehr geniessen.

Wie schalten Sie ab?

Ich verbringe Zeit mit Kollegen und der Familie – zum Beispiel mit Velofahren oder Wandern. Diese Momente sind mir sehr wichtig und auch der Grund, weshalb ich das Sommertraining immer in meiner Heimat mache. Wir haben es sehr schön am Bodensee und auch sonst in der Ostschweiz. Durch Corona habe ich gelernt, dies noch mehr zu schätzen. Hier in der Natur tanke ich viel Energie und erhole mich gut.

Inwiefern ist die Krise eine Chance für Sie als Spieler?

Ich habe mir über die Jahre kleinere Verletzungen eingehandelt, die ich nun in dieser längeren Pause auskurieren kann. Das ist für eine möglichst lange Karriere besonders wertvoll. Zudem habe ich Zeit, an meinen Schwächen zu arbeiten.

Wo sehen Sie diese?

Zum Beispiel bei der Beweglichkeit. Ich will mich aber in allen drei Zonen verbessern – in der defensiven, neutralen und offensiven. Das braucht es, um mein Ziel zu erreichen, ein kompletter Spieler zu werden.

Timo Meier im Auswärtsspiel mit San Jose gegen New York.

Timo Meier im Auswärtsspiel mit San Jose gegen New York.

Bild: Jared Silber /Getty Images
(New York, 22. Februar 2020)

Dass San Jose nicht Playoffs spielt, ist selbstverschuldet. Als Drittletzter verpasste das Team die Qualifikation klar.

Wir hatten eine schlechte Saison, da gibt es nichts schönzureden. So ein Misserfolg weckt aber auch immer wieder mehr Hunger: Ich bin verärgert und mit dieser Wut gehe ich ins Sommertraining. Ich will in bester Form nach Nordamerika zurück, wenn es auch für uns wieder losgeht.

Wo sehen Sie die Gründe für die schlechte Saison?

Es sind viele kleine Sachen zusammengekommen. Irgendwie harmonierte es einfach nicht. Viele gute Spieler wie etwa Erik Karlsson, Tomas Hertl und Captain Logan Couture waren verletzt, zudem gab es einen Trainerwechsel. Wir wissen, dass unser Team viel Potenzial hat. Damit wir das auch zeigen können, muss die Mannschaft noch mehr zusammenwachsen.

Ihr Team erholte sich nie mehr richtig vom schwachen Saisonstart.

Wir hatten hohe Erwartungen an uns, fielen nach dem schwachen Start aber in ein Loch und kamen nicht mehr richtig raus, das stimmt. Wenn man schlecht in die Saison startet, darf einem das nicht die ganze Saison lang belasten. Das war bei uns ein Stück weit der Fall.

Üben Sie auch Selbstkritik?

Es ist zwar hart zu sagen, aber ich bin sicher nicht zufrieden mit meiner Leistung. Ich weiss, dass ich besser sein kann, wo ich hin möchte und die Mannschaft hinbringen will.

Konkret?

Unser grosses Ziel ist der Gewinn des Stanley Cup. Das schaffen wir nur über den Teamerfolg. Ich möchte dazu noch mehr beitragen, indem ich in den entscheidenden Momenten die richtigen Entscheidungen treffe, Verantwortung übernehme und die Mannschaft so besser mache. Ich finde, dass ich als Teamspieler nochmals einen Schritt machen muss.

Wie macht man als Spieler eine Mannschaft besser?

Wichtig ist die Bereitschaft, in jedem Spiel eine gewisse Konstanz zu haben und Details immer richtig zu machen. Diese zwei Punkte zeichnen erfolgreiche Teams aus. Es gibt viele NHL-Spieler, die unterbewertet sind, die aber in jedem Spiel die kleinen Sachen richtig machen, wie den Puck aus der Zone zu bringen oder gute Spielauslösungen zu machen.

Als Topskorer von San Jose wurden Sie Ende Juni zum besten Spieler Ihres Teams gewählt. Sind Sie nicht zu streng mit Ihrer persönlichen Saisonbilanz?

Diese Auszeichnung ist sicher schön. Skorerwerte sind für mich aber nicht das Wichtigste. Das ist viel mehr bei den Medien ein Thema, die Spieler oft danach bewerten.

Sie verdienen jährlich sechs Millionen Dollar. Müssen Sie wegen Corona Einbussen hinnehmen?

Die Spielergewerkschaft verhandelt derzeit mit der Liga über die Saläre von uns Spielern. Mich beschäftigt das aber nicht allzu stark, es gibt wichtigere Themen wie die Gesundheit meiner Familie und dass sie die Krise gut übersteht. Alles andere ist Bonus. Ich bin überzeugt, dass alles gut kommt.

Sie sind ein grosser Fan des FC St.Gallen und kennen viele Spieler der aktuellen Mannschaft. Ist das Team eine Inspiration für Sie?

Absolut. Als Sportler sehe ich es immer gerne, wenn eine Mannschaft, die zuerst unten durch musste, mit Freude und Willen an einem Strick zieht und damit Erfolg hat. Ich drücke den Spielern fest die Daumen und hoffe, dass sie Meister werden.

Nächste Woche führen Sie in Herisau, wo Sie aufwuchsen, Ihr erstes eigenes Hockeycamp durch. Wie kam es dazu?

Ich war schon oft mit meinem Trainer Christian Rüegg auf dem Eis, wenn er Nachwuchscamps durchführte. Ich habe länger mit dem Gedanken gespielt, zusammen mit ihm etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, um den Ostschweizer Nachwuchs zu fördern. Wir freuen uns, dass das erste «Timo Meier Camp» endlich stattfindet und schon ausgebucht ist.

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